„Wirtschaftsprüfung kann nicht nur über Checklisten laufen“

Die Wirtschaftsprüfer stehen vor...

…einem Umbruch. Das Grünbuch der Europäischen Kommission soll das Oligopol der Prüferkonzerne brechen. Der freie Berufsstand sollte sich für mehr Wettbewerb und weniger Regulierung einsetzen, meint Dr. Peter Bömelburg von Rödl & Partner im Interview mit den Deutschen Mittelstands Nachrichten.

Deutsche Mittelstands Nachrichten:
Im Herbst 2011 soll eine Richtlinie der EU kommen, die für mehr Wettbewerb unter den Wirtschaftsprüfern sorgt. Was steckt dahinter?

Peter Bömelburg:
Die größte Finanzkrise seit Menschengedenken hat berechtigte Fragen auch nach dem Sinn von Abschlussprüfungen aufgeworfen. Auch wenn das keiner zugeben will: Der Berufsstand der Wirtschaftsprüfer befindet sich in der tiefsten Vertrauenskrise seiner Geschichte. Die Kommission will daher mit einer neuen Richtlinie noch 2011 die Rolle des Abschlussprüfers in wichtigen Punkten neu definieren. Die größte Sorge bereitet dem zuständigen Kommissar Michel Barnier die hohe Konzentration im Prüfungsmarkt, die die Unabhängigkeit von Prüfungsgesellschaften beeinträchtigt. Barnier will nach einer breit angelegten Diskussion Nägel mit Köpfen machen und eine Richtlinie vorlegen, die massive Auswirkungen auf den Berufsstand der Wirtschaftsprüfer und die geprüften Unternehmen haben wird.

Ihre Kanzlei war in Brüssel bei der Anhörung zum „Grünbuch“ vertreten. Welchen Eindruck hatten Sie? Worum geht es der EU-Kommission?

Bömelburg: Ich war begeistert, weil hier ein einmaliges Forum geschaffen wurde, um den Berufsstand in seiner ganzen Breite über die Reformvorschläge diskutieren zu lassen. Barnier hat in seiner Rede sehr deutlich gemacht, dass er den Status Quo, dass vier, teilweise zwei Prüfungskonzerne den Markt beherrschen, ändern will. Ihn treibt die berechtigte Sorge um, dass die Oligopolisierung des Prüfermarkts gerade bei großen internationalen Unternehmen zu einer gefährlichen Veränderung des Selbstverständnisses der Wirtschaftsprüfer geführt hat.

Im Fokus stehen die großen vier Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Die haben sich in der Krise ja nicht mit Ruhm bekleckert. Wo liegen die größten Schwächen der Big Four?

Bömelburg: Mich interessiert diese Frage ehrlich gesagt nicht. Die vier größten Prüfungsgesellschaften, die alle aus dem anglo-amerikanischen Raum kommen, haben mit großem Geschick dafür gesorgt, dass die Tätigkeit des Abschlussprüfers auch bei uns mit immer stärkeren Dokumentationsanforderungen überfrachtet wird. Für das Ausfüllen von vielen Checklisten sind industriell geführte Prüfungskonzerne halt einfach besser geeignet. Dass die vier größten Prüfungsgesellschaften ihre ökonomischen Interessen erfolgreich vertreten, ist ihnen nicht vorzuwerfen. In der Krise hat sich aber eben gezeigt: Entscheidend für eine gute Abschlussprüfung ist das wirtschaftlich unabhängige Urteil des erfahrenen Freiberuflers, nicht die Checklisten.

Die unkritische Übernahme von Prüfungsanforderungen aus der angelsächsischen Praxis, die durch die großen, angelsächsischen Prüfungsorganisationen auch bewusst betrieben wurde, hat die Berufsausübung der Wirtschaftsprüfer massiv verändert. Zulasten echter Beratung wird die Bürokratie der Prüfungsdokumentation aufgebläht. Diese Entwicklung dient vorrangig den Interessen der Kapitalmärkte und den Einkommensinteressen der angelsächsischen Prüfungsorganisationen, aber nicht den Interessen der deutschen Wirtschaft.

Was halten sie von den Vorschlägen des EU-Kommissars Michel Barnier zur Regulierung der Wirtschaftsprüfer? Gehen diese in die richtige Richtung?

Bömelburg: Ich teile die Ansichten der Europäischen Kommission in sehr vielen Punkten. Diese Initiative war überfällig. Wir setzen darauf, dass jetzt substanzielle Reformen kommen. Herr Barnier sollte dafür sorgen, freie Wettbewerbsbedingungen zu schaffen. Dann wird sich gute Qualität gegen Oligopolstrukturen durchsetzen.

Eines der Argumente, welches immer wieder zu hören ist, dass es „systemische Risiken“ bei den WPs gibt. Die EU-Kommission fürchtet, dass der Zusammenbruch eines der vier Unternehmen, die 80 Prozent alle großen Konzerne prüfen, die Märkte ins Wanken bringen könnte. Ist diese Sorge berechtigt?

Bömelburg: Nein, und das hat auch die Kommission längst eingesehen. Der freie Beruf des Wirtschaftsprüfers zeichnet sich durch seine Unabhängigkeit aus. In der Sicherung dieser Unabhängigkeit liegt der beste Beitrag zu Transparenz und Stabilität insbesondere der Kreditinstitute und kapitalmarkt-orientierten Unternehmen. Risiken ergeben sich nicht aus einer angeblichen Systemrelevanz einzelner Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, sondern aus Beschränkungen des Wettbewerbs.

Lebhafter Wettbewerb zwischen international leistungsfähigen Prüfungsgesellschaften findet zum Beispiel bei der Prüfung von Kreditinstituten und kapitalmarktorientierten Unternehmen mangels fairer Wettbewerbsbedingungen aber gar nicht statt. Dieser Wettbewerb sollte gefördert werden.

Wo liegen die wirklichen Risiken bei den großen Wirtschaftsprüfungsunternehmen?

Bömelburg: Nochmal: Die Bedeutung der vier größten Prüfungsorganisationen wird maßlos überschätzt. Bei Prüfungsgesellschaften europäischer Prägung hat die Eigenverantwortung des Wirtschaftsprüfers höchste Priorität. Der Wirtschaftsprüfer handelt im öffentlichen Auftrag und orientiert sich an den Regeln des Berufsstands und den ethischen Grundsätzen seiner Tätigkeit. Die Prüfung ist mehr als die Vergabe eines Siegels und Eintrittskarte in den rentablen Beratungsbereich. Dem steht das Selbstverständnis anglo-amerikanischer Prüfungsorganisationen gegenüber, bei denen die Wirtschaftsprüfung sich immer mehr zu einer Commodity, einer Standardware entwickelt hat. Der hier übliche minimalinvasive Prüfungsansatz, der über die angelsächsischen Rechnungslegungsstandards immer stärker auch die Bilanzierung in Europa prägt, drängt die Eigenverantwortung des Wirtschaftsprüfers immer mehr in den Hintergrund.

Die Big Four behaupten gerne: Die Konzentration im Wirtschaftsprüfungsmarkt sei eine Folge der Globalisierung und damit könne kein anderer als die Big Four globale Unternehmen prüfen. Was sagen Sie dazu?

Bömelburg: Das ist schlicht Unsinn. Selbstverständlich sind neben den vier größten auch eine Reihe anderer Prüfungsgesellschaften in der Lage, weltweit in hoher fachlicher Qualität große multinationale Unternehmen zu prüfen. Wir selbst sind dafür ein gutes Beispiel: Als einzige weltweit agierende, konzernunabhängige Prüfungs- und Beratungsgesellschaft mit Hauptsitz in Deutschland vertritt Rödl & Partner in mehr als 100 Ländern ausschließlich die Interessen der deutschen Wirtschaft. Wir wachsen dafür netzwerkunabhängig mit eigenen Niederlassungen.
Zu unseren Kunden in der internationalen Abschlussprüfung gehören weltumspannende Konzerne mit mehreren zehntausend Mitarbeitern. Rödl & Partner ist hervorragend dafür aufgestellt, die Anforderungen international tätiger Unternehmen zu erfüllen.

Rödl ist seit vielen Jahren global aufgestellt. Was machen Sie anders als die Big Four?

Bömelburg: Rödl & Partner ist als einzige deutsche Gesellschaft mit eigenen Niederlassungen weltweit tätig. Wir sind kein Netzwerk oder Franchisesystem, das widerstreitende Landesinteressen berücksichtigen muss. Wir werden mandatiert, weil unser Unternehmen weltweit ganz auf die Betreuung deutscher Investoren ausgerichtet ist und weltweit deutschsprachige Spezialisten hat, die die Sichtweise und Fragestellungen eines deutschen Unternehmers kennen. Im Interesse unserer Mandanten sind wir dabei auch multidisziplinär aufgestellt. Wir haben uns von Beginn an auf die Beratung und Prüfung von deutschen Familienunternehmen spezialisiert, die wir flächendeckend mit ihren Tochtergesellschaften weltweit betreuen. Mit meinen Partnern verstehe ich mich selbst als Unternehmer und begleite unsere Mandanten auf Augenhöhe – von Unternehmer zu Unternehmer.

Was kann die öffentliche Hand tun, um mehr Wettbewerb sicherzustellen? Braucht es mehr Gesetze?

Bömelburg: Wichtig ist vor allem, für die Beseitigung sogenannter „Big Four Only“-Klauseln aus Kreditverträgen zu sorgen und diese Praxis vor allem dort zu unterbinden, wo staatliche Stellen unmittelbaren Einfluss auf Kreditinstitute ausüben.

Der Wettbewerb deutscher Prüfungs- und Beratungsgesellschaften mit angelsächsisch geprägten Prüfungsorganisationen muss gefördert werden, indem für faire Wettbewerbsbedingungen gerade bei staatlich beeinflussten Prüfungsmandaten gesorgt wird. Und im Interesse der Familienunternehmen sollte auf europäischer Ebene für die Stärkung einer integrierten Betreuung in Abschlussprüfung und Beratung geworben werden. Allen Versuchen einer zunehmenden Trennung von Prüfung und Beratung ist entschieden entgegenzutreten.

Herr Bömelburg, vielen Dank für das Gespräch.

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