„Die Türkei hat definitiv das Tal verlassen“

Warum die Türkei für den deutschen Mittelstand sehr wichtig ist, erklärt Dr. Marcus Knupp, verantwortlicher Auslandskorrespondent der Germany Trade and Invest GmbH und Leiter des Auslandsbüros Istanbul in einem Gespräch mit den Deutsch Türkischen Nachrichen.

Die Türkei holt weiter auf, davon profitieren der Handel und Dienstleistungen: Dr. Marcus Knupp, verantwortlicher Auslandskorrespondent der Germany Trade and Invest GmbH und Leiter des Auslandsbüros Istanbul, über das kräftige Wirtschaftswachstum in der Türkei, das selbstbewusste Auftreten türkischer Unternehmen in Deutschland und funktionierende deutsch-türkische Partnerschaften.

1. Deutsch Türkische Nachrichten: Das türkische Wirtschaftswachstum liegt sowohl in Europa als auch in der OECD an der Spitze. Welche Unternehmen profitieren zurzeit und welche werden auf lange Sicht gut da stehen?

Marcus Knupp: Das Wirtschaftswachstum in der Türkei ist breit angelegt und wird von mehreren Branchen getragen. Das ist auch ein wesentlicher Grund für die nachhaltig guten Aussichten. Profitieren werden vor allem Unternehmen, die mit der Entwicklung des Landes von einem Billig-Produktionsland zu einem wichtigen Industriestandort Schritt halten, also höherwertige Waren mit größerer Wertschöpfung herstellen.

2. Die guten Wachstums- und BIP-Zahlen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Türken die Auswirkungen der krisenbedingten Einbrüche nach wie vor spüren. Wie würden Sie anhand der Bergmetapher die Situation des Wirtschaftsraumes Türkei beschreiben? Befindet sich die Türkei schon kurz unterhalb des Gipfels oder ist sie erst im Basislager?

Die Türkei hat definitiv das Tal verlassen. Ich sehe sie am mittleren Hang. Das heißt, es geht einstweilen noch weiter aufwärts.

3. Nennen Sie uns bitte die hauptverantwortlichen türkischen Wachstumstreiber, die für die Fünf-Prozent-Prognose für die Jahre 2012 und 2013 verantwortlich sind.

Zentral sind Investitionen in die Fertigungsanlagen der Industrie sowie in die Infrastruktur speziell in den Bereichen Verkehr und Energieversorgung. Aber auch der Konsum hat sich im aktuellen Aufschwung besser entwickelt als erwartet. Handel und Dienstleistungen profitieren entsprechend.

4. Stellen sie sich vor, Sie wären ein international engagierter türkischer Unternehmer in einer boomenden Branche. Was wäre jetzt ganz oben auf Ihrer Tagesordnung?

Im Vordergrund steht derzeit die Festigung der erreichten Erfolge etwa durch die Stärkung der eigenen Forschung und Entwicklung und damit der Produktqualität sowie der Auf- und Ausbau eigener Marken.

5. Woran merken deutsche Unternehmer, dass die Wirtschaftsmacht Türkei stärker wird?

Das Auftreten türkischer Unternehmen ist derzeit getragen von den guten Daten sehr selbstbewusst. Sie tauchen zudem öfter auch als Investoren in Deutschland auf. Die Übernahme von Grundig durch die Koç-Gruppe sei als bekanntestes Beispiel genannt.

6. Inwiefern kann man ernsthaft erwarten, dass sich in Zukunft das Kräfteverhältnis Deutschland-Türkei auf dem Feld der Wirtschaft verändert?

Die Türkei ist in vielen Bereichen heute ein wirtschaftlicher Partner wie andere europäische Länder auch. Der technologische Abstand zu Deutschland dürfte sich in den kommenden Jahren weiter verringern. Mit Blick auf die höheren Wachstumsraten des BIP, die Bevölkerungszunahme und die Dynamik eines Marktes mit einer im Durchschnitt rund 15 Jahre jüngeren Kundschaft erscheint ein weiteres Aufholen der Türkei sicher.

7. Inwieweit könnten Sie als deutscher mittelständischer Unternehmer, der in eine boomenden Branche agiert, vom Aufschwung in der Türkei profitieren?

Viele Industrieunternehmen in der Türkei, etwa der Automobil-, Maschinenbau, Nahrunsgmittel- oder auch der Textil- und Bekleidungsindustrie modernisieren und investieren in neue Maschinen und Ausrüstungen. Hauptlieferant ist Deutschland und damit in vielen Fällen der Mittelstand.

8. Welche Tugenden und Strukturen können deutsche Mittelständler vom erfolgreichen türkischen Mittelstand übernehmen?

Der türkische Mittelstand ist sehr stark getragen vom Unternehmergeist. Der Self-Made-Man, der mit einer kleinen Werkstatt angefangen hat und nun aus einer großen Fabrik in alle Welt exportiert, ist eine reale und typische Vorbildfigur – vielleicht nicht nur für türkische Unternehmer.

9. Können Sie sich vorstellen, am Ende des Jahres 2011 eine Erfolgsstory über den türkischen Mittelstand zu schreiben? Was würde drin stehen?

Es ist zunächst schon ein großer Erfolg, dass es einen Mittelstand in dieser Form gibt. Die breite mittelständische Zuliefererstruktur macht die Entwicklung in Erfolgsbranchen wie der Automobilindustrie so erst möglich und zieht weitere Hersteller an. Auch das Heranwachsen einer Maschinenbauindustrie mit dem branchetypischen Hang zu Innovationen im Detail erscheint ohne einen lokal miteinander vernetzten Mittelstand schwer vorstellbar. Nicht zuletzt hat die Entstehung des türkischen Mittelstandes die regionale Verteilung der Industrie diversifiziert und damit auf gesündere Beine gestellt. Nicht nur das Zentrum um Istanbul und das Marmarameer ist heute als Standort interessant. In mehreren mittleren Großstädten Anatoliens haben sich vielfältige Industriestrukturen entwickelt.

10. Stellen Sie sich vor, Sie könnten die türkische Regierungspolitik hinsichtlich der Handelsgesetzgebung beeinflussen. Wie würden Sie das Strategiepapier oder das geplante, neue Handelsgesetzbuch der türkischen Regierung weiterschreiben?

Die wesentlichen Wirtschaftsgesetze der Türkei folgen europäischen Vorbildern. Da gibt es also wenig Überraschendes. Aus Sicht deutscher Unternehmen gibt es in einigen Fällen Schwierigkeiten bei der Anwendung nachgeordneter Regelungen, etwa wenn bei der Einfuhr zusätzliche Prüfungen jeder Lieferung auf Übereinstimmung mit türkischen Normen gefordert werden. Dies sind aber Einzelfälle.

11. An welchen politischen Stellschrauben würden Sie drehen, um den wirtschaftlichen Aufschwung in der Türkei wirksam zu stabilisieren?

Die türkische Wirtschaftspolitik der Jahre nach 2002 hat mit einer soliden Haushaltsführung, geringen Defiziten, gebremster Inflation und einer relativ stabilen Währung gute Erfahrungen gemacht. An der Priorität für die Schaffung verlässlicher Rahmenbedingungen sollte daher festgehalten werden.

12. Was wird im Jahresbericht der GTAI über die türkische Wirtschaft stehen?

Positive Nachrichten dürften überwiegen. Im Detail können Sie das im Dezember 2011 nachlesen, der Bericht ist kostenlos über ww.gtai.de zu erhalten.

13. Wie können es deutsche Unternehmen schaffen, langfristige und erfolgreiche Geschäftsbeziehungen zu türkischen Unternehmen zu unterhalten? Was raten GTAI-Experten dazu?

Deutsche und türkische Unternehmermentalitäten liegen oft weniger weit auseinander als angenommen. Deshalb funktionieren viele Partnerschaften sehr gut. Gute Kenntnisse der lokalen Bedingungen sind dennoch unumgänglich. Präsenz vor Ort und etwas Geduld gehören dazu. Wenn es läuft, läuft es in der Regel sehr stabil. Unternehmen wie Siemens oder Bosch sind seit über hundert Jahren in der Türkei aktiv.

14. Mit welchen inhaltlichen Schwerpunkten werden Sie sich in den nächsten 12 Monaten beim Thema türkische Wirtschaft beschäftigen?

Unsere Berichterstattung deckt ein breites Spektrum von Themen ab, von der regelmäßigen Beobachtung der Kernbranchen wie Automobil, Maschinenbau, Chemie oder Bauwirtschaft über expandierende Sektoren wie Energieanlagen, Logistik oder Medizintechnik bis zum Blick auf interessante Nischenmärkte. Die Betrachtung der makroökonomischen Entwicklung uns des Außenhandels gehören selbstverständlich auch zu unseren Schwerpunkten.

15. Was sind die drei großen Herausforderungen für die türkische Wirtschaft?

Die Sicherung der Energieversorgung, die Begrenzung des außenwirtschaftlichen Ungleichgewichtes und die hohe Jugendarbeitslosigkeit.

16. Können Sie uns schon drei Rezepte für eine erfolgreiche Annahme dieser Herausforderungen skizzieren?

Im ersten Falle die Diversifizierung der Energiequellen, insbesondere die stärkere Nutzung erneuerbarer Energien. Dies hätte bereits positive Auswirkungen bei der Reduzierung des Leistungsbilanzdefizites, bei dem Energieimporte eine wichtige Rolle spielen. Ein höhere inländische Wertschöpfung durch mehr Vorprodukte und Technologie aus eigener Fertigung könnte ebenfalls dazu beitragen. Zum dritten Punkt ist die Verbesserung insbesondere der beruflichen Ausbildung vorrangig.

Herr Dr. Marcus Knupp, vielen Dank für das Gespräch.

Kommentare

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  1. Anita Weibel-Knupp sagt:

    Sehr geehrter Herr Knupp

    Ich hätte da eine persönliche Frage, ich bin eine geborene Knupp und habe die Knupp-Chronik geforscht und geschrieben (1408-2004). Auswanderung um 1440 von Deutschland nach Zürich. Mich interessiert Ihre Abstammung (Vorfahren), könnten Sie mir dies mitteilen (Eltern, Grosseltern, Urgrosselten etc. und wo die Knupp gelebt haben.

    Herzlichen dank für Ihre Bemühung

    Freundliche Grüsse

    Anita Weibel-Knupp