Wenig Auswirkungen auf mittelständische Wirtschaft

Die Finanzmärkte in Asien und Europa sind stark unter Druck. Die Katastrophe könnte hier zu einer "Sondersituation" führen - Interview mit zwei Top-Ökonomen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln

Die Ökonomen Prof. Dr. Michael Grömling und Dr. Klaus-Heiner Röhl vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln geben Antworten auf die drängendsten Fragen zu den Auswirkungen der Katastrophe in Japan auf die deutsche mittelständische Wirtschaft:

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz erwartet keine größeren Schwierigkeiten für die Weltwirtschaft durch die Folgen der Katastrophe in Japan. Inwieweit können Sie sich dieser Meinung anschließen?

Die Auswirkungen des Erdbebens und des Tsunami auf die Weltwirtschaft können in der Tat als begrenzt betrachtet werden. Japan ist zwar die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt – der Anteil am Welthandel liegt aber unter fünf Prozent. Dabei gilt auch zu berücksichtigen, dass durch die beiden Naturkatastrophen nicht ganz Japan, sondern nur die Krisenregionen und die dort ansässigen Unternehmen betroffen sind.

Die ökonomischen Auswirkungen einer weiteren Verschärfung der Lage der Kernkraftwerke auf die japanische Wirtschaft und auf die Weltwirtschaft sind derzeit nicht abzuschätzen. Bisher (Stand Dienstag 15.3.11, vormittags) wurde die Stromversorgung in Japan beeinträchtigt, was auch die Produktionsmöglichkeiten der Unternehmen begrenzt. Kommt es zu einem Super-Gau, dann sind große Schäden für die japanische Wirtschaft nicht auszuschließen. Dann müssen auch die globalen Auswirkungen anders bewertet werden.

Deutsche Mittelstands Nachrichten:
Welche Folgen wird die Katastrophe in Japan auf die mittelständische Wirtschaft in Deutschland haben?

Unter den oben genannten Einschränkungen sind für die mittelständische Wirtschaft in Deutschland eher geringe Auswirkungen zu erwarten. Das Engagement des deutschen Mittelstands in Japan ist insgesamt zu vernachlässigen. Teilweise treten Mittelständler aber als Exporteure von Maschinen auf Märkten auf, wo sie Konkurrenten japanischer Unternehmen sind. Hier könnte durch einen Lieferausfall dortiger Anbieter die Nachfrage temporär steigen. Zulieferer etwa der Autoindustrie könnten je nach Abnehmer sowohl negativ wie positiv betroffen sein; welcher Effekt überwiegt, ist noch schwer abzuschätzen.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Laut Analysten hätte es positive Auswirkungen auf den exportorientierten deutschen Mittelstand, wenn Japan noch mehr Staatsschulden aufnehmen würde, um für den Wiederaufbau schnell Produkte im Ausland zu kaufen. Bei einer Abwertung des Yens, um durch schnelle Exporteinnahmen mehr Geld für den Wiederaufbau zu generieren, würde das Land zu einem noch größeren Weltmarkt-Konkurrenten für den deutschen Export als vor der Katastrophe. Inwieweit können Sie sich dieser Einschätzung anschließen?

Die Bedeutung des Wechselkurse für den Außenhandel hat deutlich nachgelassen. Vielmehr ist die wirtschaftliche Lage in den Kundenländern und die Qualität der Produkte relevant.

Zudem dürfte eine Abwertung des Yens schwerfallen; nach dem Erdbeben in Kobe 1995 hat der Yen wegen der Repatriierung von Vermögenswerten sogar deutlich aufgewertet.

Deutsche Mittelstands Nachrichten:
Inwieweit werden Japans Exportausfälle zur Chance für deutsche Exporteure?

Vgl. Antwort zur zweiten Frage. Dies hängt aber ganz stark davon ab, wie lange die Produktion in Japan behindert ist, und inwieweit auch die Nachfrage in Asien negativ betroffen ist durch die Japan-Katastrophe.

Deutsche Mittelstands Nachrichten:
Inwieweit könnten die deutschen Produkte im Bereich Erneuerbare Energien einen Aufschwung erleben?

Der Bereich erneuerbare Energie wurde in letzter Zeit vor dem Hintergrund der steigenden Energiepreise begünstigt. Die mögliche Zurückhaltung bei der Nutzung von Kernenergie und die damit verbundene Suche nach Alternativen wird den Bereich Erneuerbare Energien weiter stimulieren.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Inwieweit werden die durch die Katastrophe in Japan ausgelösten Unsicherheiten die Finanzmärkte schwächen? Wie lange wird es voraussichtlich dauern, bis sich die Märkte stabilisiert haben? Gibt es vergleichbare Fälle?

Aktuell (Stand 15.3.) sind die Märkte in Asien und Europa stark in Mitleidenschaft gezogen. Nach bisherigen Erdbeben haben sich die Märkte meist schnell erholt, eine Beeinträchtigung der japanischen Wirtschaft durch Verstrahlung weiter Landstriche könnte aber eventuell in diesem Fall zu einer Sondersituation führen. Bisher zeigen sich die US-Märkte als Welt-Leitmärkte allerdings noch wenig betroffen.

Herr Grömling und Herr Röhl, vielen Dank für das Gespräch!

Kommentare

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  1. andreas Rosen sagt:

    Ganz kann ich die Meinung v. Herrn Franz nicht folgen. Sicherlich in Prozent ausgedrückt (5% vom Welthandel) mag das als gering erscheinen, jedoch gibt es
    Branchen, die weniger betroffen sind, andere mit Sicherheit mehr und vor allem die Abhängigkeit von Dritten wird damit nicht ausgedrückt. Z.B. elektronisch gesteuerte Produkte (mit entspr. Leiterplatten). Wenn auf einer Leiterplatte nur
    ein Bauteil fehlt (möglicherweise von Hunderten) dann kann man nicht produzieren.
    Und diese elektronischen Komponenten befinden sich in fast allen elektrotechnischen Produkten (von der Waschmaschine über Handys bis hin zu Fahrzeugen, ganz zu schweigen von der Unterhaltungsindustrie wie Fernseher, Computer etcpp).
    Es sind einige Firmen in der Region betroffen, die Globale Player sind im Bezug auf Produktion von elektronischen Komponenten, so dass nicht abgesehen werden kann,
    wie weit sich dies auswirken wird. Die Sichtweise von Herrn Franz ist, verzeihen Sie mir den Ausdruck, ein wenig ‚abgehoben‘. Allerdings bin ich auch kein Freund von Panikmache.
    Fakit ist, dass dies eine humanitäre Katastrophe für die direkt vor Ort Betroffenen ist,
    deren Auswirkung überhaupt noch nicht abzuschätzen sind. Wenn der Super-Gau eintreten wird, dann wird es ein ernsthaftes Problem fuer alle, denn dann werden die Lieferungen aus Japan aufgrund von radioaktiver Verseuchung gänzlich ausbleiben.