Große Unsicherheit bleibt

Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank, geht davon aus, dass die "extrem hohe Unsicherheit" die Weltmärkte belastet - und dass die Japaner besonders gute Eigenschaften haben, um einen raschen Wiederaufbau zu schaffen - ausführliches Exklusiv-Interview über die wirtschaftlichen Folgen der Katastrophe.

1. Deutsche Mittelstands Nachrichten: Der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz erwartet keine größeren Schwierigkeiten für die Weltwirtschaft durch die Folgen der Katastrophe in Japan. Inwieweit können Sie sich dieser Meinung anschließen?

Dr. Ulrich Kater: Japan ist zwar eine große Volkswirtschaft, aber ihr Anteil an der Weltwirtschaft beträgt sechs Prozent und am Welthandel nur rund vier Prozent. Japan ist im Vergleich zu Deutschland auch eine relativ geschlossene Volkswirtschaft, der Anteil von Ex- und Importen am Bruttoinlandsprodukt beträgt nur ein Drittel der deutschen Vergleichsgröße, nämlich 15 Prozent (gegenüber knapp 45 Prozent in Deutschland). Daher wird die globale Konjunktur durch die Nachfrageausfälle in Japan auch nur relativ geringfügig gedämpft werden. Im Gegenteil: Aufbauprogramme werden in Japan mittelfristig eine erhöhte Importnachfrage nach Investitionsgütern entfachen.

2. Welche Folgen wird die Katastrophe in Japan auf die mittelständische Wirtschaft in Deutschland haben?

Unterm Strich dürften die Folgen bestenfalls neutral sein. Dort wo japanische Unternehmen als Konkurrenten ausfallen, können deutsche Exporteure die Lücken füllen. Eine drohende Abwertung des Yen, kann sich aber als hinderlich erweisen, genauso wie Lieferengpässe von japanischen Vorprodukten, namentlich Halbleiter.

3. Laut Analysten hätte es positive Auswirkungen auf den exportorientierten deutschen Mittelstand, wenn Japan noch mehr Staatsschulden aufnehmen würde, um für den Wiederaufbau schnell Produkte im Ausland zu kaufen. Bei einer
Abwertung des Yens, um durch schnelle Exporteinnahmen mehr Geld für den Wiederaufbau zu generieren, würde das Land zu einem noch größeren Weltmarkt-Konkurrenten für den deutschen Export als vor der Katastrophe. Inwieweit können Sie sich dieser Einschätzung anschließen?

Vom Wiederaufbau dürften deutsche Unternehmen wenig profitieren. Japan ist ein eher abgeschotteter Markt. Im Baubereich wird Japan seine Infrastruktur wohl selbst wieder errichten. Möglicherweise könnten Kraftwerksproduzenten wie Siemens Aufträge erhalten. Eine zunehmende Staatsverschuldung könnte die japanischen Staatsfinanzen weiter in Schieflage bringen. Sollte die Zahlungsfähigkeit Japans in Zweifel gezogen werden, würde das negative Folgen haben. Massive Konsolidierungsprogramme würden Japan lähmen, die Diskussion um die Staatsfinanzen der USA würde neue Nahrung erhalten.

Eine Abwertung des Yens wird von den Exportbranchen durchaus mit Sorge betrachtet. Dabei geht es weniger um den eher kleinen und abgeschotteten japanischen Markt, als um die Konkurrenz auf Drittmärkten.

4. Inwieweit werden Japans Exportausfälle zur Chance für deutsche Exporteure?

Bestimmte Branchen wie die Automobilindustrie könnten von der fehlenden japanischen Konkurrenz profitieren. Andererseits könnten sinkende Halbleiterexporte aus Japan die Produktionstätigkeit in bestimmten Branchen wie der Elektroindustrie oder dem Maschinenbau behindern. Insgesamt ist der japanische Markt mit einem Anteil von lediglich 1,4 Prozent an den deutschen Exporten ohnehin eher nachrangig (Platz 18 unter den deutschen Exportmärkten).

5. Inwieweit könnten die deutschen Produkte im Bereich Erneuerbare Energien einen Aufschwung erleben?

Der Ausstieg aus der Atomenergie dürfte sich beschleunigen. Aufgrund von Stromüberschüssen ist das Abschalten einzelner Kernkraftwerke ohne Ersatz möglich. Mittelfristig müssen neue Kapazitäten geschaffen werden, wovon auch die erneuerbaren Energien profitieren sollten, deren Ausbau ohnehin beschlossen war. Vermutlich dürfte sich deren Ausbau beschleunigen.

6. Inwieweit werden die durch die Katastrophe in Japan ausgelösten Unsicherheiten die Finanzmärkte schwächen? Wie lange wird es voraussichtlich dauern, bis sich die Märkte stabilisiert haben? Gibt es vergleichbare Fälle?

Die Unsicherheit hat die Finanzmärkte bereits ganz erheblich geschwächt. Beispielsweise sind die Kursverluste an den Aktienmärkten, insbesondere auch außerhalb Japans, in erster Linie hierauf zurückzuführen. Denn für eine realistische Einschätzung der Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und damit die Perspektiven von Unternehmen fehlen schlicht die Informationen. Auf einen solchen Zustand der Uninformiertheit reagieren Anleger typischerweise mit einer Reduktion ihrer Risikoneigung. Die Folgen an den Finanzmärkten sind fallende Kurse von risikobehafteten Anlagen, wie z.B. Aktien, und eine Flucht in sichere Häfen wie Bundesanleihen. Das Ausmaß dieses Phänomens hängt natürlich vom Ausmaß der Unsicherheit ab, und die ist im Augenblick extrem hoch. Denn es ist nicht nur ungewiss, was in Japan bereits passiert ist und gegebenenfalls noch passieren wird. Es ist auch unklar, wie sich diese Ereignisse auf die japanische oder gar die Weltwirtschaft übertragen. Denn die potenziellen Wirkungskanäle sind sehr komplex.

Vor diesem Hintergrund kann eine Stabilisierung der Märkte relativ viel Zeit in Anspruch nehmen. Die von den Marktteilnehmern gewünschten Informationen dürften nur peu à peu fließen, sodass sich Unsicherheit und Risikoaversion nur langsam abbauen sollten.

Vergleichbare Fälle zu finden, ist nicht leicht. Zu denken wäre natürlich an den 11. September 2001. Seinerzeit konnten sich die Aktienmärkte relativ schnell erholen. Allerdings war das Ausmaß an Unsicherheit damals auch nicht so groß wie heute und ließ sich, z.B. durch strengere Sicherheitsmaßnahmen im Flugverkehr, auch rasch verringern. Dies könnte jetzt anders sein. Auch der Fall Enron im Dezember 2001 bietet sich als Vergleich an. Dieser verursachte eine starke Unsicherheit über die Glaubwürdigkeit von Unternehmensnachrichten, die lange anhielt und die Aktienmärkte daher nachhaltig belastete.

7. Welche Rolle an den Märkten spielt das große Vertrauen in das Können des japanischen Volkes?

Dieses Vertrauen spielt eine große Rolle. Unabhängig davon, wie schwer die Katastrophe letztlich sein wird, traut man den Japanern, vor allem aufgrund ihres Fleißes und technischen Knowhows, den Wiederaufbau ihres Landes langfristig zu. Dies begrenzt die potenziellen Verluste an den Aktienmärkten. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Stabilität der Staatsanleihemärkte. Japan war schon vor der Katastrophe hoch verschuldet und hatte erhebliche politische Probleme bei der Haushaltskonsolidierung. Aber obwohl der Wiederaufbau mit erheblichen fiskalischen Belastungen einhergehen wird, findet keine Flucht aus japanischen Staatsanleihen statt. Zwar hat sich die Risikoprämie (gemessen am CDS-Spread) etwas geweitet. Japan steht in dieser Hinsicht aber immer noch besser da, als Länder wie Belgien oder Italien. Für die wirtschaftliche Erholung Japans ist sehr wichtig, dass dieses Vertrauen sowohl im Inneren als auch im Rest der Welt erhalten bleibt. Denn es gewährleistet ein hohes Maß an finanzieller Stabilität.

8. Analysten erwarten keinen Börsencrash als Folge der Katastrophe. Aber sie prognostizieren Verluste bei Werten aus betroffenen Branchen. Kernkraftwerksbetreiber und Rückversicherer sind Beispiele. Welche Branchen bzw. deutsche, börsennotierte Firmen werden Ihrer Meinung nach Rückschläge hinnehmen müssen?

Kraftwerksbetreiber müssen mit kürzeren Restlaufzeiten rechnen. Damit sinken ihre künftigen Gewinne. Der Bau neuer Kernkraftwerke dürfte ebenfalls einen Dämpfer erleiden, was Kernkraftwerksausstatter belasten sollte. Schließlich dürften die Versicherungen, die für die Folgen der Naturkatastrophe aufkommen, in Mitleidenschaft gezogen werden.

Herr Kater, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Christoph Morisse.

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