„Nicht alle werden die Energiewende überleben“

Gaskraftwerke bieten sich als umweltfreundlichere Brückentechnologie an.

Die Atomkraft hat als klimafreundliche Brückentechnologie ausgedient. Das meint Jürgen Schmid, Professor am Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderung im Gespräch mit den Deutschen Mittelstands Nachrichten. Deutschland könne auch ohne AKWs, sagt er. Wichtig sei es, die alten Kraftwerke nicht durch emissionsintensive Alternativen zu ersetzen.

Besonders Gas würde sich als neue umweltfreundliche Variante anbieten. Gaskraftwerke sind verhältnismäßig schnell zu bauen, flexibel und klimafreundlich. Neue Fördermethoden würden zudem genügend Gas liefern, um einen stabilen Preis zu garantieren. Außerdem könnte man Gaskraftwerke auch mit biogenem Gas betreiben.

Zurzeit werden die sieben ältesten Kernkraftwerke Deutschlands stillgelegt. Doch nicht nur die Laufzeitverlängerung veralteter Anlagen ist jetzt ein Thema der öffentlichen Diskussion, sondern auch der gänzliche Ausstieg aus der Kernenergie. So sind nicht alle der Meinung von Angel Gurria, dem Chef der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), dass die Atomenergie eine „Alternative“ sei.

Professor Schmid rechnet mit großen Umwälzungen: „Die Industrie muss sich auf die neuen Trends einstellen. Spätestens in zehn Jahren werden ganz andere Dinge gefragt sein. Nicht alle werden die Energiewende überleben, doch es werden viele neue Unternehmen entstehen.“ Dies würde besonders die deutschen Autobauer betreffen. Die Herausforderung umweltfreundlicher Energie verlange völlig andere Fähigkeiten. Die Betriebe sollten dies schnellstens erkennen und umsetzen. Die Grundsteine seien im Energiekonzept der Bundesregierung und in der Nachfrage der Konsumenten bereits gelegt, meint Schmid.

Längerfristig würde ein Aus für Atomstrom noch andere Entwicklungen erfordern. Der Verbrauch müsste gesenkt und bisher ungenutzte Energie rückgeführt werden. Zurzeit werden, dem Experten vom Beirat für Umweltveränderung nach, viel zu viele Effizienzpotenziale nicht genutzt. Ein großer Bereich ist die Gebäudeheizung. Schmid rechnet hier mit der „Verdrängung der Flamme“ – Öl und Gas sollen nicht mehr primär zum Heizen verwendet werden. Zukünftig würden Gebäude durch die Abwärme aus der Kraft-Wärmekopplung geheizt und besser isoliert sein.

In einem oft übersehenen Aspekt der Energiewirtschaft ist Deutschland weltweit führend: in der Entwicklung und im Vertrieb intelligenter Stromnetze und Energiesysteme. Durch solche Systeme lassen sich Energiebedarf und -spitzen effizienter organisieren. Und sie werden immer wichtiger, weil ein hoher Anteil an Wind- und Sonnenenergie größere Kapazitätsschwankungen hervorruft.
Auch bei der Entwicklung von Energiegewinnung mithilfe von Meeresströmung sind die Deutschen – gemeinsam mit Großbritannien – führend. Beim Bau von Photovoltaik-Zellen allerdings haben andere Länder längst aufgeholt und produzieren mittlerweile gute Qualität für weniger Geld, beispielsweise die Chinesen.

Einen weltweiten Ausstieg aus der Kernkraft hält Professor Schmid für möglich: „Ich würde sagen, wir haben derzeit eine Fifty-Fifty-Chance auf einen globalen Ausstieg. Das würde allerdings noch 20 bis 30 Jahre dauern.“ Außerdem hält er fest, dass erneuerbare Energien „ohne Probleme“ auch den steigenden Energiebedarf aufstrebender Schwellen- und Entwicklungsländer decken könnte.

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