Deutliche Lieferlücken bei High-Tech- und Auto-Branche

Krisenteams in Unternehmen arbeiten an Nachschub-Sicherung und Schutz gegen verstrahlte Güter.

High-Tech-Branchen und die Automobilindustrie kämpfen am stärksten mit den Folgen der Katastrophe in Japan. Wenn sich die Lager in den nächsten Wochen langsam leeren, drohen große Lücken in den Lieferketten. Laut Pressemeldungen erwägen deutsche Autobauer, Kurzarbeit zu beantragen. Zu den Lieferausfällen kommt die Gefahr der Kontaminierung von Waren aus Japan. Alle großen KfZ-Hersteller und Zulieferer hätten Krisenstäbe eingerichtet, berichtet der Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME).

Opel-Werke in Europa musste ihre Corsa-Produktionen unterbrechen. Grund war ein fehlendes elektronisches Bauteil für die Motorsteuerung. Bei den Autoherstellern beobachten Spezial-Teams aus Logistikfachleuten, Einkäufern und Produktionsexperten, wo es Engpässe gibt und suchen nach Ersatz. Für Stahl, Elektro- und Elektronikteile oder Fahrwerksteile wie Federn aus Japan suchen Firmen bereits andere Lieferanten im Großraum Asien. „Man braucht jetzt dringend verkürzte Freigaben für alternative Hersteller und Produkte“, so Holger Hildebrandt, BME-Hauptgeschäftsführer.

Die deutsche Automobilindustrie hat in Japan 44 Standorte. 41 davon sind Zulieferer, als Hersteller ist Daimler einmal vertreten, VW an zwei Standorten. Allein Bosch hat in Japan rund 8.000 Beschäftigte. Aus Baden-Württemberg sind unter anderem Mahle, Elring-Klinger und Kolbenschmidt dort, berichtet der Präsident des Verbandes der Deutschen Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann.

Auf der Liste der japanischen High-Tech-Konzerne, die mit Problemen kämpfen, stehen alle bekannten Namen: Hitachi, Fuji, Canon, Epson, Panasonic, Sony und Toshiba mussten ihre Produktionen stoppen. Ausländische Firmen sorgen sich deshalb, ob sie in den nächsten Wochen genug Nachschub an High-Tech-Komponenten bekommen. Noch sind die Lager der meisten Zulieferbetriebe gefüllt. Wenn sich die Situation zuspitzen sollte, wirkt sich das vor allem auf die Preise aus. LCD-Bildschirme, Laptop-Akkus und Chips werde teurer. Japan ist Hauptproduzent von Silizium und zahlreicher anderer chemischen Komponenten, die in Computerchips zum Einsatz kommen.

Auch die japanischen Halbleiter-Fabriken laufen nicht rund, melden Analysten von iSuppli. Shin-Etsu Chemical zum Beispiel betreibt in der Präfektur Fukushima die weltweit größte Fabrik zur Herstellung von 300-mm-Wafern für die Halbleiterindustrie. Ersatz ist in anderen Ländern schwer zu finden. Kunden von japanischen Halbleiterfirmen müssen sich in Korea, Taiwan, Europa und den USA nach alternativen Angeboten umschauen.

Außerdem kommt es bei einzelnen Produktgruppen zu Engpässen: So stammen beispielsweise 43 Prozent aller nach Deutschland importierten Kompressoren für Kältemaschinen aus Japan. Über 75 Prozent der Mikrofilme, zahlreiche optische Geräte und 70 Prozent aller weltweit gehandelten Uhrwerke kommen aus Japan. Andere Lieferländer könnten hier nicht kurzfristig einspringen, berichtet die Prognos AG.

Die Branchenverbände arbeiten zurzeit mit Hochdruck daran, sich ein klares Bild der Lage zu verschaffen. VDA-Präsident Matthias Wissmann: „Noch haben wir kein abschließendes Bild.“ „Es gilt, durch schnelles Prozess- und Risikomanagement auf die sich beinahe täglich ändernden Entwicklungen zu reagieren“, so Holger Hildebrandt vom BME. Bei einer Blitzumfrage der Deutschen Mittelstands Nachrichten bei den Branchenverbänden hieß es, dass noch viel „auf Sicht“ gefahren werde.

Laut dem BME klären Krisenstäbe folgende Fragen:

–   Ist die Ware, die aus Japan ankommt, kontaminiert?

–   Wo landet die mutmaßlich kontaminierte Ware an?

–   Welche Kontrollmaßnahmen werden an Häfen und Flughäfen eingeleitet?

–   Welche Sicherheitsmaßnahmen ergreifen Transportlogistiker und Sublieferanten?

–   Was passiert beim Zoll?

–   Welche Schritte planen die Regierungen?

–   Wer kann in anderen Ländern alternativ, bis wann in welcher Qualität liefern?

–   Sind im eigenen Unternehmen verkürzte Freigaben zu erreichen?

–   Wie argumentiert man dem OEM gegenüber, der Just-in-time-Lieferung erwartet?

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