Großer Nachholbedarf beim Risikomanagement

Die Wirtschaftskrise hat bei vielen Unternehmen offen gelegt, dass Risiken noch nicht professionell genug gesteuert werden. Kreditgeber, Investoren und Gesellschafter fordern Verbesserungen.

81 Prozent der Unternehmen planen Investitionen, um Risiken zukünftig professioneller steuern zu können. Grund sind vor dem Hintergrund des neuen Bilanzrechtes die gestiegenen Anforderungen der Kreditgeber, Investoren und Gesellschafter. Hinzu kommt das Ziel der Inhaber und Geschäftsführer, Haftungsrisiken zu vermeiden. Dies sind die Ergebnisse einer Studie zum Stand des Risikomanagements im deutschen Mittelstand von Funk RMCE, Rödl & Partner und Weissman & Cie.

Die Untersuchung zeigt, dass das Risikomanagement häufig an operative Bereiche wie beispielsweise Controlling, Rechts- oder Personalabteilung delegiert wird. Nur bei einem Drittel der befragten Unternehmen befassen sich die Geschäftsführung bzw. der Vorstand direkt mit dem Risikomanagement. Den Unternehmen gehen so Steuerungsinformationen verloren. Kostensenkungspotenziale, die sich beispielsweise aus der Verknüpfung von Risikobewertung und Versicherungsprämien ergeben, werden zu selten. Die Informationsbedürfnisse von Kapitalgebern und Gesellschaftern könnten so nur eingeschränkt bedient werden.

„Mit dem neuen Bilanzrecht wurden die Anforderungen an das Risikomanagement und die internen Kontrollsysteme massiv erhöht“, betont Dr. Peter Bömelburg, Geschäftsführender Partner der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Rödl & Partner. „Unternehmen, die Kapital aufnehmen, müssen Risiken professionell managen und laufend darüber berichten. Kreditinstitute und Investoren wollen sich damit absichern. Viele Mittelständler lassen ihre Risikomanagementsysteme heute freiwillig prüfen. Das stärkt ihre externe Position am Kapitalmarkt sowie intern gegenüber den Anteilseignern“, so Bömelburg.

Anstoß zur Einführung eines Risikomanagements kommt von außen

Allerdings scheinen die Kreditinstitute die Bemühungen des Mittelstands zur Steuerung von Risiken bislang kaum zu honorieren. Lediglich bei zwölf Prozent der Unternehmen hat die Einführung eines Risikomanagementsystems die Kapitalbeschaffung erleichtert und zur Senkung der Kreditkosten beigetragen. Zwei Drittel der Unternehmen sehen dagegen keine Verbesserung der Konditionen. „Die Banken sind in der Pflicht, präventive Bemühungen der Unternehmen zu belohnen. Das sollte nach Basel II selbstverständlich sein“, so Bömelburg.

Für Tobias Augsten von Weissman & Cie. machen die Ergebnisse der Studie die grundsätzlich unterschiedliche Herangehensweise inhabergeführter Unternehmen an das Risikomanagement deutlich. „Die Steuerung von Risiken ist integraler Bestandteil einer wertorientierten, nachhaltigen Unternehmensführung. Risikomanagement muss Chefsache sein. Dann können Chancen und Risiken als Werttreiber zu einem nachhaltigen Wachstum beitragen. Unternehmen, die die Steuerung von Risiken in die rein operative Ebene delegieren, setzen ihre Wachstumschancen, im Ernstfall sogar ihre Existenz aufs Spiel.“

Bislang kommt die Initialzündung, ein Risikomanagement einzuführen oder bestehende Systeme zu verbessern, primär von außen. Die in den vergangenen Jahren verschärften gesetzlichen Anforderungen an das interne Kontrollsystem sowie die verpflichtende Einführung und Dokumentation eines Risikomanagements für alle kapitalmarktorientierten Unternehmen haben insbesondere den gehobenen Mittelstand zum Umdenken gebracht. Aber auch Kunden und Lieferanten tragen dazu bei Risikomanagementsysteme einzuführen. „Dass nur für ein Fünftel der von uns befragten Unternehmen das Managen von Risiken als integralen Bestandteil der Unernehmensführung begreift, zeigt das große Potenzial, dass hier noch brach liegt“, bekräftigt Augsten.

Überraschend erscheint die geringe Nutzung von IT-gestützten Risikomanagementsystemen. Während knapp die Hälfte der Unternehmen keine Software für das Risikomanagement verwendet, setzt ein Drittel auf Eigenentwicklungen, meist auf Excel-Basis. Nur ein Fünftel der Mittelständler hat spezielle IT-Lösungen für das Risikomanagement eingeführt.

Hauptrisiken kommen aus dem direkten Wettbewerbs- und Marktumfeld, von Unterbrechungen der Wertschöpfungs-, Liefer- und Logistikkette sowie von Reputations- und Imageschäden

Die Herkunft von Risiken sieht die Mehrheit der Unternehmen im direkten Wettbewerbs- und Marktumfeld (90 %), in der Unterbrechung der Wertschöpfungs-, Liefer- und Logistikkette (88 %) sowie in Reputations- und Imageschäden (87 %). Diese Wertung zeigt die Bedeutung einer ganzheitlichen Risikobetrachtung.

„Vermeintlich fehlerhafte Bauteile eines Zulieferers können sich zu einem massiven, bestandsgefährdenden Imageschaden auswachsen und nach dazu die Position im Wettbewerb schwächen“, betont Bömelburg. „Ein Großkonzern mag solche Risiken bewältigen können. Bei einem Familienunternehmen geht es dann schnell ums Überleben. Gerade im Rahmen der internationalen Expansion in unsichere Märkte gehört das Risikomanagement ganz oben auf die Agenda.“

Trotz der im Rahmen der Untersuchung deutlich gewordenen Defizite waren über zwei Drittel der Unternehmen mit ihrem Risikomanagement in der Finanz- und Wirtschaftskrise sehr zufrieden bzw. zufrieden. Das Bewusstsein für die Steuerung von Risiken war ein wichtiger Faktor dafür, dass die deutschen Familienunternehmen die Krisenzeit so gut überstanden haben.

Für die Studie wurden zwischen November 2010 und Februar 2011 knapp 400 mittelständische Unternehmen aller Branchen detailliert zum Risikomanagement befragt. 63 Prozent der befragten Unternehmen weisen einen Umsatz über 50 Mio. Euro aus. 51 Prozent der Teilnehmer sind Familienunternehmen.

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