Wirtschaft begrüßt Zinserhöhung der EZB höflich

Maßvolle Erhöhung ist keine Gefahr für den Aufschwung, Rohstoffpreise bereiten mehr Kopfzerbrechen.

Die steigende Inflation ist der Hauptgrund für die Leitzins-Erhöhung auf 1,25 Prozent der Europäischen Zentralbank (EZB). Es war die erste Erhöhung seit Juli des Jahres 2008. Damals wollte die EZB die Wirtschaft vor der ausgebrochenen Krise stützen. Beobachter rechnen damit, dass die EZB im Laufe dieses Jahres mindestens noch einmal den Leitzins erhöhen wird. In den Schuldenstaaten der EU wie Irland, Griechenland und Portugal könnte die Zinserhöhung den Problem-Banken noch mehr Schwierigkeiten bereiten, da sie vom EZB-Geld abhängig sind.

Die deutsche Wirtschaft unterstützt die Zinswende, obwohl Finanzierungen für Unternehmer jetzt teurer werden. „Die Erhöhung des Leitzinses liegt wegen der rasanten Geldvermehrung der letzten Monate und der wachsenden inflationären Tendenzen nahe“, sagte der Präsident des Verbandes Die Familienunternehmen, Patrick Adenauer, der Nachrichtenagentur Reuters. „Nach der monatelangen spottbilligen Refinanzierung der Geschäftsbanken setzt damit die notwendige Normalisierung der Märkte ein.“

Vertreter des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall äußerten sich positiv: „Die Risiken liegen eher in steigenden Preisen, vor allem für Energie und Rohstoffe“, sagte Michael Stahl, Chefvolkswirt des Arbeitgeberverbandes. Zwar treffe die Verteuerung von Krediten die Metall- und Elektroindustrie besonders, weil häufig auch die Kunden auf die längerfristige Finanzierung ihrer Bestellungen von Maschinen, Anlagen oder Fahrzeugen angewiesen seien. Eine moderate Erhöhung gefährde den Erholungsprozess aber nicht. Die Bauindustrie schließt sich an: „Das sehen wir eher entspannt“, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes HDB, Heiko Stiepelmann. Er befürchtet kein abruptes Ende des boomenden Wohnungsbaus, der von niedrigen Zinsen profitiert.

Kritik kommt vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK): Die Zinserhöhung komme zu früh. „So ist die Krise im Euroraum derzeit keinesfalls schon überwunden“, zitiert Reuters den IMK-Direktor Gustav Horn. Staaten wie Griechenland würden in dramatischer Weise noch unter den Folgen der Finanzkrise leiden. „Die Verhältnisse sind also noch nicht normal, folglich gibt es auch noch keinen Grund für eine Normalisierung des Zinsniveaus“, schrieb Horn. Die höhere Teuerung resultiere fast ausschließlich aus dem spürbaren Anstieg der Rohstoffpreise. „Dieser ist aber von der EZB allein überhaupt nicht zu beeinflussen, da er sich aus der guten Weltkonjunktur vor allem in Asien und in den Schwellenländern speist.“

Die Banken haben zurzeit keine Sorgen wegen ihren jetzt gestiegenen Refinanzierungskosten. „So wie es im Herbst 2008 richtig war, den Geldmarkt zu fluten, ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, die Schleusentore Schritt für Schritt wieder zu schließen. Denn in den vergangenen Monaten ist der Leitzins immer mehr in ein Spannungsverhältnis zu der sich erholenden Konjunktur und den erhöhten Inflationsrisiken getreten“, sagte der Chefvolkswirt des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Andreas Bley. Bis Jahresende rechnet der BVR noch mit mindestens zwei weiteren Zinsschritten auf dann 1,75 Prozent – vorausgesetzt, die Konjunkturaussichten bleiben freundlich und eine erneute Finanzkrise bleibt aus.

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