Nach Rating: Top-Ökonomen warnen vor Krise durch US-Schulden

Deutschlands Top-Ökonomen sind besorgt über das große Staatsdefizit der USA. Sie warnen vor einer Zuspitzung, bei der die USA das Vertrauen der Anleger verlieren könnten und eine zweite Weltwirtschaftskrise heraufziehen könnte. Ein Überblick über die Expertenmeinungen.

Nach den negativen Prognosen der Ratingagentur Standard & Poor’s für die Kreditwürdigkeit der USA sprachen die Deutschen Mittelstands Nachrichten mit Deutschlands Top-Ökonomen über die wirtschaftliche Lage der USA.

1. Leitfrage: Führende Ökonomen, der IWF und selbst Präsident Obama weisen auf Gefahren für die Weltwirtschaft aufgrund des enormen Staatsdefizites der USA hin. Wie ist Ihre Einschätzung? Wie würden Sie die Lage in einem kurzen Statement für eine exportorientierte Klientel zusammenfassen?

Antworten:

DIHK-Ökonom Dirk Schlotböller:

„Trotz aller Bekenntnisse stehen konkrete Schritte zur Lösung des Haushaltsproblems aus. Derweil wird mit einer Politik der niedrigen Zinsen versucht, dieses Problem zu lindern. Das äußert sich auch in einem schwachen Dollar, der deutsche Exporte in die USA verteuert. Das drückt auf Margen und Absatz deutscher Unternehmen.“

Stefan Marotzke, Sprecher des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV):

„Im Kern können wir die Einschätzung des IWF in seinem neuen Weltwirtschaftsausblick nur bestätigen. 10 Prozent Neuverschuldung in 2011 sowie in den beiden vorhergehenden Jahren sind nicht nachhaltig und müssen deutlich reduziert werden. Zudem bleibt die kritische Erwartung, dass die Konsolidierungsbemühungen in den USA noch deutlich verstärkt werden müssen.

Insgesamt kann aus ökonomischer Sicht aktuell nur Besorgnis über die Entwicklung in den USA zum Ausdruck gebracht werden. Wir erleben in Europa in einigen aus gesamteuropäischer Perspektive vergleichsweise weniger wirtschaftlich bedeutenden Ländern aktuell, welche durchgreifenden Reformen die Folge einer Überschuldung einzelner EU-Staaten sind. Ungleich größer und dramatischer wären die Folgen solcher Reformen und Konsolidierungen in einem weltwirtschaftlich so bedeutenden Land wie den USA.“

Dr. Vera Schubert, Abteilungsdirektorin der Volkswirtschaftlichen Abteilung der KfW:

„Das Defizit der USA ist gegenwärtig zu hoch, um beim aktuellen Wachstum von nominal ca. 5,5 bis sechs Prozent Schuldenstandsquote stabil zu halten. Wir gehen davon, dass die Schuldenstandsquote in den nächsten Jahren weiter wächst. Allerdings glauben wir, dass die Finanzmärkte auch eine höhere Staatssschuld der USA auf Sicht tolerieren und refinanzieren werden, aus folgenden Gründen:

1. Der amerikanische Kapitalmarkt ist der breiteste und tiefste der Welt, der US-Dollar nach wie vor die wichtigste Reservewährung. Schon aus Gründen des Portfoliomanagements werden Anleger auch weiterhin US-Staatstitel kaufen.
2. Der wichtigste ausländische Käufer von US-Staatstiteln ist der chinesische Staat. Als großer Gläubiger kann die VR China kein Interesse daran haben, US-Staatstitel unter Druck zu setzen und wird auch weiterhin tendenziell als Käufer zur Verfügung stehen.
3. Das Beispiel Japan zeigt, wiewohl nicht direkt vergleichbar, dass Kapitalmärkte bei großen Industrieländern durchaus bereit sind, auch Schuldenstandsquoten von deutlich über 100% des BIP zu tolerieren.
4. Die Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Exportwirtschaft ist in den vergangenen eineinhalb Jahren gestiegen, sodass wir insgesamt gute Voraussetzungen für eine allmähliche Verbesserung der Struktur der US-Wirtschaft sehen.
5. Nicht zuletzt hat die Politik in den USA die Gefahr erkannt. Ob sie sie auch bannt, ist abhängig von der Kooperationbereitschaft der Parteien und nicht zuletzt der ubterschiedlichen sozialen Gruppen. Für eine echte Stabilisierung des Staatshaushalts wären zum Beispiel höhere Steuern für die amerikanische Oberschicht nötig.

Alles in allem erwarten wir in unserem Basisszenario keine krisenhafte Zuspitzung aufgrund des US-Staatsdefizits. Ein niedrigeres Rating (ähnlich wie im Falle Japans) ist in Abhängigkeit vom Verlauf der nächsten Jahre allerdings durchaus im Bereich des Möglichen.“

Dr. Christoph Balz, USA-Experte der Commerzbank:

„Die US-Staatsfinanzen sind auf einem unsoliden Pfad. Regierung und Gesetzgeber werden diesen Pfad aber nicht bis zum Ende gehen. Unhaltbare Entwicklungen werden die nötigen Reaktionen der Politik früher oder später erzwingen. Der wichtigste Grund für Optimismus hat mit der Politik allerdings nur indirekt zu tun: Die USA werden weiterhin wachsen. Und das gilt sowohl für die Bevölkerung als auch für die Wirtschaft. Trotz aller Schmerzen, die der gegenwärtige Anpassungsprozess nach der Rezession von 2007/09 verursacht, wird das auch die Finanzen der US-Bundesregierung wieder auf eine solidere Grundlage stellen.“

Dr. Oliver Arentz, Stellvertretender Geschäftsführer des Instituts für Mittelstandsforschung (ifm) in Bonn:

„Die Lage in den USA ist ohne Zweifel ernst. Dennoch besteht zurzeit kein Anlass für Schwarzmalerei. Die Finanzmärkte haben positiv auf die Sparankündigungen Obamas reagiert. Allerdings mussten wir in Europa in den vergangenen Monaten schmerzhaft lernen, wie schnell die Stimmung kippen kann. Die Sparvorhaben müssen daher schnell und konsequent umgesetzt werden, um einen Vertrauensverlust an den Finanzmärkten zu verhindern. Auf keinen Fall dürfen Maßnahmen aus wahltaktischen Erwägungen verschleppt werden.“

Rudolf Besch, Volkswirt der DekaBank:

„Die USA sind in punkto Haushaltskonsolidierung derzeit eine unrühmliche Ausnahme. Während vor allem in Europa große Anstrengungen unternommen werden, die Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen, finden diese in den USA nicht im ausreichenden Maße statt. Die Schieflage der US-Staatsfinanzen resultiert sowohl aus zu hohen Ausgaben als auch zu geringen Steuereinnahmen. Steuererhöhungen für private Haushalte und damit letztlich schlechtere Absatzperspektiven hiesiger Unternehmen sind nach der nächsten Präsidentschaftswahl Ende 2012 zu erwarten.“

2. Leitfrage: Welche negative Dynamik könnte sich schlimmstenfalls entwickeln und auf andere Wirtschaftsräume Einfluss nehmen?

DIHK-Ökonom Dirk Schlotböller: „Die US-Politik kommt gar nicht umhin, ihre Haushalts- und Wettbewerbsprobleme ernsthaft anzugehen. Die amerikanische Wirtschaft hat oft genug unter Beweis gestellt, dass sie zu solchen Kraftanstrengungen in der Lage ist. Ein Sparkurs bringt zwar zunächst weniger staatliche Aufträge mit sich – auch für deutsche Unternehmen – und könnte die wirtschaftliche Erholung in den USA bremsen. Über kurz oder lang verbessern sich dadurch aber die Wachstumsperspektiven spürbar.“

Stefan Marotzke, Sprecher des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV): „Mit Blick auf das Leistungsbilanzdefizit der USA und damit verbundenen steten Kapitalhunger der Vereinigten Staaten, wäre ein Vertrauensverlust für Kapitalzuflüsse in die USA problematisch. Am Kapitalmarkt würden sich höhere Zinsen und Inflationsraten ergeben, was mit Blick auf die weltweite Konjunktur zur Abkühlung führen könnte. Schließlich sind noch auf die Handelswirkungen eines im Vergleich zum Euro schwächeren US-Dollar hinzuweisen, die auch die Konjunktur in Europa belasten.“

Dr. Vera Schubert, Abteilungsdirektorin der Volkswirtschaftlichen Abteilung der KfW: „Denkbar wäre, dass das Vertrauen der Finanzmärkte in US-Staatstitel überraschend schnell verlorengeht. Dafür könnte es eine Reihe von Gründen geben, etwa wenig überzeugende Konsolidierungsmaßnahmen, eine überraschend hohe Inflationsdynamik, Ansteckung durch Schuldenkrisen in einem anderen großen Industrieland usw. In so einem Fall würden die Zinsen, insbesondere die Risikoprämie auf US-Anleihen stark anziehen und die Kurse der Anleihen fallen. Ersteres würde deutlich konjunkturbremsend wirken, letzteres könnte zu Schieflagen bei institutionellen Investoren führen. Beides würde über die Finanzmärkte und den Außenhandel weltweit zu sehr spürbare Auswirkungen führen.“

Dr. Christoph Balz, USA-Experte der Commerzbank: „Sollten die Anleger das Vertrauen in die langfristige Solidität der USA verlieren, würden sie amerikanische Staatsanleihen nur dann kaufen, wenn diese eine erhebliche Risikoprämie bieten. Der resultierende Zinsanstieg würde die US-Wirtschaft stark belasten. Aufgrund des Leitcharakters der Treasuries könnten die Zinsen auch in anderen Ländern steigen. Insgesamt würde dies die Weltwirtschaft dämpfen. Eine solche Entwicklung ist aber nicht unser Basisszenario.“

Dr. Oliver Arentz, Stellvertretender Geschäftsführer des Instituts für Mittelstandsforschung (ifm) in Bonn: „Dass die USA tatsächlich zahlungsunfähig werden, ist nur schwer vorstellbar. Allerdings steigt mit den Schulden die Versuchung für die US-amerikanische Regierung und die Fed, eine Entschuldung durch Inflation zu erreichen. Beides hätte massive Vermögensverluste für die Besitzer US-amerikanischer Staatsanleihen zur Folge. Davon wäre China als größter Gläubiger der USA am stärksten betroffen. Aber auch zahlreiche andere Länder und das internationale Bankensystem müssten mit einer schleichenden Entwertung ihrer Forderungen rechnen.“

Rudolf Besch, Volkswirt der DekaBank: Am schlimmsten wäre es, wenn die Politik abwartet und hofft, dass der wirtschaftliche Aufschwung zu hinreichend stark steigenden Staatseinkünften führt. Diese Hoffnung wird sich aufgrund der zu niedrigen Steuersätze nicht erfüllen. Die Folge wäre, dass an den Kapitalmärkten ein nachhaltiger Vertrauensschwund eintreten könnte. Höhere Zinsen und eine Abschwächung der wirtschaftlichen Aktivität in den USA wären dann möglich. Da die US-Zinsen im globalen Kontext eine wichtige Rolle spielen, wären Übertragungseffekte auf die europäischen Zinsniveaus mit entsprechenden wirtschaftlichen Bremsspuren ebenfalls denkbar.

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