China bremst bei Hochgeschwindigkeits-Zügen

Bisher galt China als das Land des hemmungslosen Wachstums. Nun lässt ein Interview aufhorchen, die chinesischen Staatsbahnen wollen den Kunden entgegenkommen und sparsamer werden.

Bisher galt China als das Land des hemmungslosen Wachstums: Höher, schneller, breiter – im Grunde dominierten Superlative jede wirtschaftliche Entwicklung. Nun lässt ein Interview aufhorchen, das der chinesische Eisenbahn-Minister Sheng Guangzu einer staatlichen Zeitung gab: Man wolle prestigeträchtigen Hochgeschwindigkeits-Züge bremsen, eine Höchstgeschwindigkeit von maximal 300 km/h werde erlaubt. Und man wolle die Preise senken – die chinesischen Staatsbahnen wollen den Kunden entgegenkommen.

Diese Töne überraschen: Zeigen sie doch, dass in China ein Umdenken auf mehreren Ebenen beobachtet werden kann. Erstens sparen langsamere Züge Energie. Alles, was über 300 km/h geht, stellt wesentlich höhere Anforderungen an Material und Schienen. Der Energieverbrauch steigt in den hohen Regionen überproportional. Dass ein chinesischer Minister solche Fakten so ernst nimmt, zeigt: Im Reich der Mitte sind manche weiter, als man denkt.

Mindestens ebenso interessant ist seine zweite Begründung: Man müsse sich an den Bedürfnissen der Fahrgäste orientieren und werde daher ab sofort eine flexiblere Preisgestaltung anbieten. Bisher waren die Preise für Hochgeschwindigkeitszüge für den Normalchinesen praktisch unerschwinglich. Deshalb rasten die Züge sehr oft leer von einer Stadt zu anderen. Die Bahn reagiert also auf die Verweigerung der Marktes – und passt sich den Möglichkeiten ihrer Kunden an.

Man sieht: Die Chinesen sind in der Realität angekommen. Nicht mehr das Vorzeigen von Projekten ist wichtig, sondern auch, dass sie in der chinesischen Gesellschaft tatsächlich funktionieren. Und diese Gesellschaft richtet sich immer mehr auch so aus, wie alle globalen Gesellschaften es tun. Kundenfreundlichkeit wird selbstverständlich, Energiesparen ebenso.

Europäische mittelständische Unternehmen sollten diese Entwicklung genau verfolgen: Sie bedeutet möglicherweise, dass Exportstrategien überdacht werden müssen. Was gestern noch „in“ war, kann heute schon überholt sein. Mit altem Denken – schneller, höher, weiter – kann man in China heute nicht mehr reüssieren. Schon viel eher dagegen mit Zukunftstechnologien. Wie eine aktuelle DIHK-Studie zeigt, plant die Mehrheit der deutschen Unternehmen, verstärkt in Umwelttechnik zu investieren. Hier können sich grünes Denken und deutsche Ingenieurskunst vereinen und die Exportschlager von morgen auf den Markt bringen.

Michael Maier

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  1. Andreas Teiler sagt:

    Dies folgt konsequent dem Linksschwenk der kommunistischen Partei seit dem letzten nationalen Volkskongress – zum absoluten Vorteil des chinesischen Volkes.

    Hu Jintao und Wen Jiabao leisten sehr sehr gute Arbeit, schon länger galten sie als linke „Hardliner“, nach der Wirtschaftskrise, die China nur durch extreme staatliche (d.h. im sozialistischen Stil) Eingriffe so gut überstehen konnte, gewinnt der sogenannte „neue Linke“ Flügel der kommunistischen Partei immer mehr an Zuspruch, weiter so!