Erneuerbare Energie als Geldanlage

Rolf Wüstenhagen, Professor für Management erneuerbarer Energien an der Universität St. Gallen, sieht immense Wachstumschancen für Anlagenbauer und Komponentenlieferanten und verrät regenerative Energiequellen, die die Industrie noch gar nicht in Betracht gezogen hat.

Rolf Wüstenhagen, Professor für Management erneuerbarer Energien an der Universität St. Gallen, sieht immense Wachstumschancen für Anlagenbauer und Komponentenlieferanten und verrät regenerative Energiequellen, die die Industrie noch gar nicht in Betracht gezogen hat.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: In Deutschland prognostizieren Studien eine hundertprozentige Stromversorgung durch erneuerbare Energie bis zum Jahr 2050. Dafür kann man bestimmt nicht übermäßig viele Windräder plötzlich in der Landschaft stellen. Wie kann man auf Erneuerbare Energie umstellen, ohne den Umweltschutz zu beschneiden und zahlreiche Nutzungskonflikte auszulösen?

Rolf Wüstenhagen: Diese Studien zeigen auf, dass für die zukünftige Energieversorgung ein Mix aus verschiedenen Erneuerbaren Energien zum Einsatz kommen wird. Das ist auch sinnvoll, weil es eine bessere Diversifikation erlaubt als das bei der heutigen Fokussierung auf fossile Energieträger und Kernenergie der Fall ist. Die Erneuerbaren Energieträger ergänzen sich: Im Sommer gibt es viel Sonnenschein, im Herbst und Frühjahr mehr Wind, während Biomasse und Geothermie rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Ein hoher Anteil des Stroms kommt in vielen dieser Modellrechnungen aus Offshore-Windenergie. Dort sind die Nutzungskonflikte geringer als an Land. Daneben ist jedoch auch die Förderung dezentraler Produktion in der Nähe des Verbrauchs sinnvoll, und stößt bei Einhaltung geeigneter Planungs- und Beteiligungsverfahren ja durchaus auf Akzeptanz. Was für Deutschland die Offshore-Windenergie, ist für die Schweiz die Wasserkraft, die bereits heute knapp 60 Prozent des Stromverbrauchs deckt – insofern hat die Schweiz eine komfortablere Ausgangslage auf dem Weg zu einer vollständig erneuerbaren Stromversorgung.

Halten Sie die momentane Förderpolitik für Erneuerbare Energien für optimal? Wenn nicht, welche Verbesserungsvorschläge haben Sie?

Die Stabilität der politischen Rahmenbedingungen für Erneuerbare Energien in den letzten 20 Jahren in Deutschland sucht weltweit ihresgleichen. Solche stabilen und vorhersehbaren Rahmenbedingungen sind ein ganz entscheidender Bestandteil erfolgreicher Förderpolitik, weil sie die nötige Investitionssicherheit schaffen. Man sollte daher auf dem eingeschlagenen Pfad fortfahren, natürlich mit Anpassungen, wo es die Situation erfordert, wie etwa bei der weiteren Kostendegression bei der Solar-Einspeisevergütung, um die sinkenden Marktpreise zu reflektieren. Das EEG ist auch ein Instrument zur Mittelstandsförderung, hat es doch die Energielandschaft in den letzten Jahren vielfältiger gemacht – wo noch vor 20 Jahren die großen Energieversorger quasi ein Monopol hatten, sind heute gerade auch viele kleine und mittelständische Unternehmen im Energiemarkt engagiert.

Welche regenerativen Energiequellen müssten Ihrer Meinung nach stärker ausgebaut werden?

Sonne, Wind und Wasser werden das Rückgrat der künftigen Energieversorgung sein – sie alle zeichnen sich dadurch aus, dass sie Brennstoffpreisrisiken eliminieren und ihr „Brennstoff“ von der Natur gratis an den Ort der Stromproduktion transportiert wird. Zudem handelt es sich um ausgereifte Technologien, die zum Teil seit Jahrzehnten zuverlässig Strom produzieren. Die Biomasse wird ebenfalls eine gewisse Rolle spielen, weist aber nicht die gleichen Vorteile betreffend Brennstofflogistik und -preisrisiken auf. Die geothermische Stromerzeugung steht auf der technologischen Reifekurve noch eher am Anfang, kann aber ebenfalls großes Potenzial entfalten.

Gibt es erneuerbare Energiequellen, die die Industrie noch gar nicht in Betracht gezogen hat?

Es gibt in vielen Bereichen faszinierende neue Technologien – seien es etwa organische Solarzellen, Wellenkraftwerke oder auch die Nutzung kleinster Mengen Energie durch menschliche Bewegungen, etwa durch Trittgeneratoren. Der Umbruch im Energiemarkt ist nicht zuletzt auch eine faszinierende Spielweise für Wagniskapitalgeber.

Erneuerbare Energien sind zweifellos auf dem Vormarsch. Wie wird das die Industrie verändern? Werden neue Industriezweige entstehen?

Technologische Umbrüche waren immer auch mit Veränderungen in der Industrie verbunden – denken wir an die Fotografie. Kodak, einst stolzer Marktführer in der Analogfotografie, ist mit dem Aufkommen der Digitalfotografie in der Bedeutungslosigkeit versunken. In der Energiebranche werden wir ähnliches erleben – einige der heutigen Großunternehmen, etwa im Bereich Erdöl oder Stromproduktion, werden in Kodaks Fußstapfen treten. Andere werden Beispielen wie der Telekom folgen, die erfolgreich den Übergang von der Festnetztelefonie ins Mobilfunkzeitalter bewältigt hat. Daneben werden wir den Markteintritt neuer Akteure erleben. Ich denke, es ist kein Zufall, dass einige der größten Firmenübernahmen in der Solarbranche in den letzten Jahren von Firmen wie Saint Gobain (Glasherstellung), Bosch (Automobilzulieferung) und Total (Mineralöl) getätigt wurden. Wenn wir von der Technologie- zur Projektfinanzierung schauen, wird das Bild noch vielfältiger: Firmen wie IKEA, Aldi, Allianz und Google haben sich in letzter Zeit an Windparks und Solaranlagen beteiligt.

Wie schätzen Sie die Wachstumschancen für Anlagenbauer und Komponentenlieferanten ein, die für den Bereich regenerative Energien tätig sind?

Wir stehen am Anfang der Entwicklung von 20:80 zu 80:20 – in den nächsten Jahrzehnten wird sich der Anteil Erneuerbarer und nicht-erneuerbarer Energien an der Energieversorgung umkehren. Die Wachstumschancen daraus sind immens – auf allen Stufen der Wertschöpfungskette. Erfolgsbeispiele wie etwa der Schweizer Solar-Zulieferer MeyerBurger zeigen auf, dass gerade auch Vorlieferanten von diesem Wachstum profitieren können. Mit weiterer Reifung der Branche wird es aber auch immer wieder Konsolidierungswellen geben, was zu mehr vertikaler Integration in der Wertschöpfungskette führen kann, wie Beispiele aus der Windturbinenherstellung zeigen.

Wie schätzen Sie die Wachstumschancen deutscher und Schweizer Technologielieferanten für die Schwellenländer ein?

Die Schwellenländer zeichnen sich schon heute durch ein immenses Wachstum im Bereich Erneuerbarer Energien aus, allen voran China, das seit 2009 die Weltrangliste im Solar- und Windbereich anführt. 2010 hat sich dieser Trend noch akzentuiert, jede zweite neue Windturbine weltweit wurde in China installiert, während der chinesische Solarmarkt nach wie vor primär ein Exportmarkt ist. Von diesem Wachstum zu profitieren, ist zweifellos auch für europäische Firmen attraktiv, wobei die Regierungen der Schwellenländer Wert darauf legen, einen zunehmenden Anteil der Wertschöpfung im Inland zu sehen. Insbesondere für spezialisierte, F&E-intensive Produkte und Dienstleistungen wird es aber auch in Zukunft einen großen Markt für deutsche und Schweizer Unternehmen geben.

Wie viele Arbeitsplätze werden Ihrer Meinung nach in der deutschen und Schweizer Energiebranche durch die stärkere Fokussierung auf Erneuerbare Energien geschaffen?

Das Bundesumweltministerium schätzt, dass in Deutschland 340.000 Arbeitsplätze in der erneuerbaren Energiebranche geschaffen wurden. Für die Schweiz gibt es keine vergleichbare Statistik, aber bei Technologielieferanten, Finanzdienstleistern und Installationsbetrieben sind es schon heute einige tausend Jobs – Tendenz steigend.

Laut einer Studie des Kölner Energieinstitutes r2b kämen bis zum Jahr 2020 auf die Stromverbraucher durch einen vorgezogenen Kernenergieausstieg Mehrkosten von insgesamt rund 33 Milliarden Euro zu. Die steigenden Preise würden sich vor allem durch den Einsatz teurerer Erzeugungstechnologien und durch höhere CO2-Preise erklären. Eine Greenpeace-Studie erklärt genau das Gegenteil. Wie schätzen Sie die Kostenfrage ein?

Vieles spricht dafür, dass ein mittelfristiger Ausstieg und ein konsequenter Ausbau Erneuerbarer Energien zu überschaubaren Mehrkosten führt, und langfristig ein positives Risiko-Rendite-Verhältnis aufweist. Je stärker dabei flankierende Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz ergriffen werden, desto günstiger wird es.

Sehen Sie noch eine Zukunft für die Kernenergie?

In Deutschland verdichten sich die Anzeichen, dass im Lichte der Ereignisse von Fukushima der ohnehin geplante Übergang ins Zeitalter der Erneuerbaren Energien viel schneller als noch vor einigen Monaten geplant ohne Kernenergie stattfinden wird. Die Schweizer Politik lässt sich ein bisschen mehr Zeit, doch auch hier ist die Mehrheitsfähigkeit für neue Atomkraftwerke in weite Ferne gerückt. Und zunehmend wird in beiden Ländern erkannt, dass eine risikoarme, klimaverträgliche Energieversorgung auf der Basis Erneuerbarer Energien nicht nur einem Wunsch breiter Bevölkerungskreise entspricht, sondern auch aus ökonomischer Perspektive mittelfristig die vernünftigere Lösung ist.

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