„Es ist kein Gesetz, dass alle Unternehmen immer und überall hin expandieren müssen“

Urs Füglistaller, Leiter des Instituts für KMU-Forschung an der Hochschule St. Gallen(HSG) sieht auch in Zukunft die EU als wichtigsten Handelspartner der Schweiz. Der hohe Wert des Franken verglichen zum Euro hat seiner Meinung auch Vorteile für die Schweizer Wirtschaft.

 

Die Schweiz verhandelt mit China ein Freihandelsabkommen aus? Damit wäre die Schweiz unabhängiger von der EU und hätte eine Nasenlänge Vorsprung in China. Ist das die Zukunftsstrategie der Schweiz?

Nein, das ist sicher nicht die Zukunftsstrategie der Schweiz. Der größte Handelspartner der Schweiz ist die EU, und so wird es aus geographischen und kulturellen Gründen wohl auch noch für lange Zeit bleiben. Dennoch sind solche Freihandelsabkommen natürlich auch Teil einer Außenhandelspolitik, und je nach Branche und Unternehmensgröße auch von einiger Bedeutung. Aber von „zentral“ würde ich dabei nicht sprechen, und sicher für ganz viele Klein- und Mittelunternehmen, eben die „KMU“, nicht von großer Bedeutung. Das gute Verhältnis mit der EU und dort insbesondere mit unseren Nachbarländern liegt mir und sicher auch den allermeisten KMU sehr viel mehr am Herzen.

Kann der Franken noch zur Gefahr für die Schweizer Exportindustrie werden? Oder ist die Schweizer Industrie durch ihren Technologievorteil geschützt?

Der starke Franken gibt mir schon enorm zu denken, übrigens nicht nur für die Schweizer Exportindustrie, sondern auch für die grenznahen Schweizer Detailhändler. Dennoch haben sich die Exporteure bisher erstaunlich gut geschlagen. Ich würde auch meinen, dass die meisten von ihnen bereits ihre Planungen auf einen dauerhaft tiefen Euro angepasst haben dürften. Ich glaube hingegen nicht, dass ein „Technologievorteil“ ein genügend starkes Mittel ist gegen eine Währungsstärke bzw. eine Währungsschwäche, da braucht es Maßnahmen auch in anderen Bereichen, wie beispielsweise Produktionsverlagerungen oder Einführung von effizienteren Prozess-Strukturen wie Lean Production für den Produktionsstandort Schweiz oder vermehrte Akquisitionstätigkeiten. 

Nicht vergessen dürfen wir bei der Frage übrigens, dass der schwache Euro nicht nur Nachteile hat. Einkaufsseitig stehen da ja auch günstigere Beschaffungspreise gegenüber. Und wenn der Schweizer Franken auch gegenüber dem Dollar stark ist, dann gilt das nicht nur für Beschaffungen aus dem Euro-Raum, sondern auf für die, die in Dollar abgewickelt werden.

Sie sind das Gesicht zu „My-Innovation“, einem Projekt das Unternehmen bei der Produktentwicklung helfen soll. Können Sie kurz beschreiben, was „My-Innovation“ ist?

Die Idee hinter „My-Innovation“ ist, dass Unternehmen selbst im geschützten Web ihr Unternehmen im Hinblick auf ihre Innovationsfähigkeiten und -potentiale untersuchen können. Dabei muss man sich zuerst registrieren, damit man beim späteren Besuch der Webseite wieder Zugriff und unter Wahrung absoluter Sicherheit und Vertraulichkeit auf seinen Daten hat. Anschließend geht es Schritt um Schritt weiter: Zuerst wird das eigene Unternehmen analysiert, die eigenen Produkte, Dienstleistungen und die Märkte. Anschließend ist es möglich, Produkt-Markt-Strategien durchzuspielen. Für neue Produkte ist dann auch möglich, für diese Business-Pläne anzulegen.

Dieser Service steht für Graubündner, Salzburger und Südtiroler Unternehmen zur Verfügung. Wie kam es zu dieser Zusammensetzung und sind die jeweiligen Voraussetzungen ähnlich?

Da muss ich widersprechen: Der Service steht prinzipiell allen Unternehmen zur Verfügung, nicht nur Bündner, Salzburger und Südtiroler Unternehmen. Was aber richtig ist: Das Web-Tool entstand aus einer Kooperation aus drei Ländern, konkret aus der Beteiligung des Bündner Gewerbeverbands, dem Innovationsservice der Handelskammer Bozen und dem Innovationsservice der Wirtschaftskammer Salzburg. Und was auch richtig ist: KMU, die diesen Gebieten angehören, erhalten zusätzlich noch besondere Dienstleistungen in Form von Unterstützung von Experten in der Produkt- oder Dienstleistungsentwicklung – also tutorbegleitete Web-Plattform „My-Innovation“. Die drei Partner haben je nach ihren Kompetenzen unterschiedliche Inputs geliefert, von Graubünden und von der Universität St. Gallen, respektive von mir kam mehr der konzeptionelle Bezug, der „technische Teil“ lief über das Südtirol und Salzburg. Eine Aufgabenteilung, wie es bei solchen Kooperationen üblich ist.

Wie ist dieses Projekt bisher angelaufen, gibt es viel Interesse? Gibt es schon Anfragen aus anderen Regionen?

Ja, die Zahlen stimmen mich zuversichtlich, das liegt vielleicht auch daran, dass das Service für die Unternehmen als „Interreg“-Projekt kostenfrei ist. Übrigens ist es auch mein Ziel, das Tool in der Weiterbildung unseres Instituts intensiv einzusetzen. Da bin ich dann schon gespannt, wie es sich auch in diesem Bereich bewährt. Und ja, es kam schon eine Anfrage, ob es das Webtool auch auf Französisch und Englisch gibt. Soweit sind wir aber noch nicht.

Wie haben KMU vom Internet profitiert? Etwa im Umgang mit den Kunden, Marktpositionierung, Informationsstand…

Das Internet bietet natürlich auch für viele KMU Informationsvorteile, die sie vor dem Internet unmöglich hätten haben können. Aber da unterscheiden sich die KMU nicht von Privatpersonen oder von großen Unternehmen. Wir alle profitieren von dieser wirklich wunderbaren Erfindung, sie ist ein großer Segen in vielen Lebensbereichen, das merken wir ja alle am eigenen Leib.

Wenn Sie aber auf den Umgang mit Kunden und die Marktposititionierung zu sprechen kommen: Da bin ich nach wie vor ein großer Fan von persönlichen Beziehungen, und darin verstehen sich die KMU bekanntlich besonders gut.

Können kleinere Unternehmen dynamischer auf Veränderungen reagieren und sich schneller auf einen Markt einstellen?

Das ist eine Binsenwahrheit, dass Kleinunternehmen das können, und sie müssen noch nicht einmal besonders stolz darauf sein: Ich bin geneigt zu sagen, dass das fast eine „mechanische“ Funktion ist. Die Kleinheit bietet diese Vorteile also sozusagen von sich aus, ohne dass der Kleine besonders was dazutun muss. Um es plakativ zu formulieren: Eine Maus kommt einfach besser und schneller in eine Ecke rein als ein Elefant, das hat die Natur so vorgegeben.

Wie können sich kleinere Unternehmen günstig und nachhaltig davor schützen, dass ihre Ideen gestohlen, plagiiert werden?

Grundsätzlich und mit dem nötigen Humor gratuliere ich jedem Unternehmen, wenn seine Ideen übernommen werden. Das heißt doch nur, dass sie besonders gut sind und jemand darauf scharf ist. Aber natürlich sollte man sich überlegen, wie man etwas schützen kann, wenn dies rechtlich überhaupt möglich ist, zum Beispiel in der Schweiz via das Institut für Geistiges Eigentum, wo man Marken und Produkte schützen kann. Aber alles kann man dann eben auch nicht immer schützen, was ich übrigens auch gut finde, es gibt Dinge, die man kopieren darf und soll. Kommt aber auch hinzu, dass der weltweite Schutz und dann auch insbesondere die Durchsetzung von Rechten auf Marken und Produkten aufwendig sein kann, gerade auch, wenn man dazu nicht die nötigen Kapazitäten hat wie bei KMU oft üblich.

Mein Rat an die KMU, die gefährdet sind, dass sie kopiert werden: „Schaut, dass Ihr den Klauern einen Schritt voraus seid und nochmals besser als die werdet!“ Und: „Geht an die großen Messen Eurer Branchen und lasst die Kopien via Behörden vor Ort beschlagnahmen.“ Das funktioniert übrigens auch mehr und mehr in China.

Welche Chancen haben kleinere Unternehmen, sich auf einem Weltmarkt zu behaupten, dessen Rahmenbedingungen oft von großen Konzernen gestaltet wird? Wie können KMU ihre eigenen Interessen international vertreten?

Ich glaube nicht, dass die Rahmenbedingen oft von großen Konzernen gestaltet werden, das ist ein bisschen eine Cliché-Vorstellung. Auch große Konzerne müssen sich ihre Märkte erkämpfen und stehen dabei in Konkurrenz zu anderen großen Unternehmen und eben auch zu vielen KMU. Aus meiner Sicht ist es die Aufgabe der verschiedenen Staaten und Staatenbünden, den eigenen und fremden Unternehmen die Rahmenbedingungen setzen, in denen sie sich vernünftig entwickeln können, seien sie nun klein oder groß.

Bei einer Ausdehnung in neue Märkte steigt auch die Komplexität des Unternehmertums, wie können Unternehmen damit umgehen, was sollte vor der Expansion beachtet werden?

Da haben Sie natürlich recht, die Expansion in neue Märkte (und namentlich solche im Ausland) ist für alle Unternehmen ein nicht zu unterschätzender Schritt, und viele haben hier schon viel Lehrgeld zahlen müssen. Als genereller Rat kann man vielleicht sagen, dass man nicht expandieren soll, wenn man nicht will, es ist kein Gesetz, dass alle Unternehmen immer und überall hin expandieren müssen. Und wenn es doch sein muss, dass soll es mit Lust und gleichzeitig auch Besonnenheit geschehen.

Für KMU ist das Personalmanagement ein zentrales Thema, wie gehen kleinere Unternehmen damit um, dass die besten Mitarbeiter von Großkonzernen abgeworben werden? Übernehmen hier KMU eine Rolle, von der die Anderen profitieren? Sollte es hier Ablösen geben, wie sie im Profisport üblich sind?

Nein, von Ablösen halte ich grundsätzlich nicht viel. Gerade im Profisport hat man ja gesehen, dass das auch zu Exzessen führen kann, mit langfristig nicht gerade erfreulichen Resultaten für die handelnden Vereine und gleichzeitigen Übertreibungen im Markt. Aber ich finde auch, dass sich das Abwerben von Personal von KMU durch Großkonzerne durchaus in Grenzen hält, oder es sich dann nicht um ein Abwerben handelt, sondern um den Wunsch eines Mitarbeiters oder einer Mitarbeiterin, auch einmal in einem größeren Gebilde zu arbeiten. Das muss man dann akzeptieren, gehört halt dazu.

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