„Die Griechen haben erstaunliches vollbracht“

Jürgen Matthes, Experte für internationale Finanzfragen am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, über die Fehler und den weiteren Umgang mit Griechenland in der Eurokrise.

Die Deutschen Mittelstands Nachrichten haben mit Jürgen Matthes, Experte für internationale Finanzfragen am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, über den weiteren Umgang mit der Eurokrise gesprochen. Er erklärt, was sich in Griechenland ändern muss, warum eine Teilung der Währungsunion nicht sinnvoll ist und welche Gefahren eine Umschuldung mit sich bringen würde.

Mittelstands Nachrichten: Die Diskussion um eine Teilung der Währungsunion halten an. Wie bewerten Sie die Situation – zusammenbleiben oder nicht?

Matthes: Das ist eine müßige Diskussion. Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als könnte ein Ausstieg Griechenlands vorübergehend die griechische Wettbewerbsfähigkeit steigern. Doch die war in Griechenland auch schon vor der Einführung des Euro schlecht. Die Abwertungsstrategie half nicht auf Dauer. Ein Austritt aus dem Euro birgt hingegen ein extrem hohes Risiko einer Bankenkrise. Ausgelöst würde diese durch Kontenplünderungen der Menschen, die versuchen würden, den Kaufkraftverlust zu verhindern.

Mittelstands Nachrichten: Es gibt auch Vorschläge wonach nicht Griechenland sondern die stabilen Staaten aus dem Euro aussteigen sollten.

Matthes: Darüber darf man vielleicht als Ökonom nachdenken. Aber politisch ist das ein absolut undenkbares Szenario. Das wäre ein massiver Bruch der europäischen Einigung. Vor allem wenn Deutschland und Frankreich in unterschiedliche Währungsblöcke geteilt würden, wäre das ein No-Go. Ökonomisch würde eine Teilung bedeuten, dass die neue Währung, die man schaffen müsste, massiv aufwerten würde – zum Nachteil unserer Exportwirtschaft. Das ist also eine durch und durch fragwürdige Überlegung.

Mittelstands Nachrichten: Das Rettungspaket für Griechenland muss nachgebessert werden. Es heißt, dass die Griechen bereits massiv gespart haben. Woran liegt es, dass der Rettungsplan noch nicht geglückt ist?

Matthes: In der Tat haben die Griechen enormes vollbracht. Sie mussten sogar mehr einsparen, als ursprünglich vorgesehen war. Doch leider ist auch die Wirtschaft stärker eingebrochen als erhofft und mit ihr die Staatseinnahmen. Das ist der Grund für die nötigen Nachbesserungen. Man kann nun hoffen, dass der Turnaround vielleicht zur Jahreswende 2011/2012 gelingt. Dann würden die wieder steigenden Staatseinnahmen das Defizit möglicherweise schneller ausgleichen können, als mancher Skeptiker glaubt. Aber das ist im Moment noch eine Hoffnungsbuchung.

Mittelstands Nachrichten: Wie kann das durch die Haftungs-Verlängerung ändern?

Matthes: Dann hätte man mehr Zeit, den Turnaround abzuwarten. Doch eine einfache Verlängerung darf es nicht geben. So bedarf es zum einen einer kritischen Schuldentragfähigkeitsanalyse. Denn wenn der Turnaround zu lange auf sich warten lässt, ist die Schuldenlast nicht mehr tragbar. Zum anderen muss zunächst abgewartet werden, ob Griechenland die vorgeschriebenen Reformen nicht bewusst hinauszögert und verwässert. In beiden Fällen wäre eine Verlängerung der Hilfen das falsche Rezept und es muss eine Umschuldung her. Andernfalls könnte eine Aufstockung des Hilfspaketes für Griechenland weitere Zeit kaufen, damit die umfangreichen Reformen wirken können.

Mittelstands Nachrichten: Aber erdrücken die Reformen die griechische Wirtschaft nicht zu sehr?

Matthes: Sicherlich wirken die öffentlichen Ausgabenkürzungen erst einmal bremsend auf die Wirtschaft. Doch angesichts des fiskalischen Schlendrians zuvor ist das letztlich unvermeidlich. Außerdem ist die Konsolidierung des Staatshaushaltes nur eine Seite der Reformen. Mindestens so wichtig sind die im Anpassungsprogramm von IWF und EU vorgeschriebenen Strukturreformen. Sie machen die gesamte griechische Wirtschaft mittelfristig flexibler und leistungsfähiger. Ein höheres Produktivitätswachstum hilft dann, die schlechte Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.

Mittelstands Nachrichten: Was ist mit Strukturreformen genau gemeint?

Matthes:Die Chance für Griechenland ist jetzt, dass sie mit dem Druck der anderen Euroländer Reformen durchführen könnten, die vorher unmöglich waren. Zu viele Menschen profitieren von der aktuellen Situation. In vielen Märkten, etwa dem Energiesektor, und gerade bei den freien Berufen gibt es in Griechenland viel zu wenig Konkurrenz – und Konkurrenz belebt das Geschäft, wie viele Studien zeigen. Eine Öffnung und Liberalisierung dieser Bereiche würde die Wettbewerbsfähigkeit steigern und ein enormes Wachstumspotential freisetzen. Doch diese Reformen umzusetzen, hat man sich in der Vergangenheit politisch nicht getraut. Denn zu viele Menschen profitieren von schützenden Regulierung und wollen ihre gute Position nicht aufgeben. Die Chance für Griechenland ist jetzt, dass sie mit dem Druck der anderen Euroländer Reformen durchführen könnten, die vorher unmöglich waren. Auf längere Sicht wird das Land davon klar profitieren.

Mittelstands Nachrichten: Sie sprachen von der Möglichkeit einer Umschuldung in Griechenland. Sind die Risiken dabei nicht zu groß?

Matthes: Eine Umschuldung muss auf jeden Fall als Drohung im Raum stehen bleiben, damit die Anleger nicht zu leichtfertig Kredite vergeben und Risiken eingehen. Aber das wird in der Tat kein Zuckerschlecken. Griechenland droht ein riesiger Imageschaden, und der dortigen Wirtschaft eine massive Krise. Deshalb wird man finanzielle Überbrückungshilfen geben müssen, solange das Land mit seinen Gläubigern über eine Schuldenkürzung verhandelt. Diese Hilfen müssten aber an eine Fortsetzung des Reformkurses gebunden und ausgesetzt werden, falls dieser nicht weiter befolgt wird.

Mittelstands Nachrichten: Gibt es noch mehr Risiken?

Matthes: Ja. Darüber hinaus droht bei einer Umschuldung das Risiko einer systemischen Finanzkrise. Denn die Banken könnten sich wieder untereinander kein Geld mehr leihen, weil sie fürchten, ihre Geschäftspartner erleiden durch einen griechischen Staatsbankrott zu große Verluste. Um eine Umschuldung möglich zu machen, muss also sichergestellt sein, dass der europäische Bankensektor eine griechische Umschuldung tragen könnte. Um zu sehen, wie groß die Verlustrisiken sind und wo bei welchen Instituten sie liegen, brauchen wir jetzt schnell die Stresstests für die europäischen Banken. Dort wo eine Umschuldung von Griechenland Banken mit sich reißen würde, brauchen wir klare Zusagen der Staaten, diese Banken aufzufangen.

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