Masdar City: versorgt durch erneuerbare Energien

Arnulf Dinkel berichtet darüber, wie sich deutsche Unternehmen am Bau der innovativen Stadt Masdar beteiligen können. Erneuerbare Energien sollen den gesamten Bedarf der Wüstenstadt decken.

„Es muss am Ende bezahlbar sein – darin liegt die große Herausforderung“

Arnulf Dinkel ist Architekt am Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme. Er erklärt wie sich deutsche Unternehmen am Projekt Masdar beteiligen können. Seit dem Jahr 2009 unterstützen verschiedene Institute der Fraunhofer-Gesellschaft das Projekt Masdar City mit dem Ziel eine Stadt zu realisieren, die vollständig durch erneuerbare Energien versorgt wird.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Unternehmen aus Deutschland sind führend was grüne Technologien angeht. Wie können deutsche Unternehmen einen Auftrag für das Projekt Masdar bekommen?

Arnulf Dinkel: Masdar selbst vergibt vorzugsweise schlüsselfertige Anlagen und Gebäude im Ausschreibungsverfahren. Hier ist es ratsam, mit einheimischen Developern Kontakte aufzubauen, um über diese Produkte und Serviceleistungen platzieren zu können. Generell sollten die Unternehmen strategisch überlegen, mit welchen Produkten und Serviceleistungen sie nicht nur in Masdar, sondern in der gesamten Region auftreten wollen.

Wir können dabei helfen, Produkte für diesen Markt spezifisch weiterzuentwickeln oder sogar gänzlich neue Anwendungen zu finden. Die Nutzung und die Akzeptanz der grünen Technologien stehen jedoch noch am Anfang, werden aber immer wichtiger. Die Energiepreise sind beispielsweise noch sehr niedrig. So besteht noch kein wirtschaftlicher Anreiz diese Techniken zu nutzen. Auch sind die staatlichen Forderungen nach Energieeffizienz und verpflichtender Nutzung grüner Technologien noch nicht genügend ausgebildet. Vor diesem Hintergrund muss Überzeugungsarbeit geleistet werden, um an entsprechende Aufträge zu gelangen. Die Region ist aber im Wandel. Man sollte diesen Markt aufmerksam beobachten.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Inwieweit sind deutsche Firmen bereits am Projekt beteiligt? Bzw. ist es geplant, dass zukünftig deutsche Firmen das Projekt unterstützen? Was sind das für Firmen? Was stellen sie her?

Arnulf Dinkel: Im gesamten Planungsprozess für Masdar City waren einige deutsche Firmen an unterschiedlichen Stellen mit Beratungs- und Planungsleistungen beteiligt. Die Erstellung der Infrastrukturen, Ver- und Entsorgungsanlagen und der Gebäude wird über öffentliche Ausschreibungsverfahren abgewickelt, bei denen auch deutsche Firmen bieten können. Was Forschung und Entwicklung betrifft, sollen die Aktivitäten über strategische Partnerschaften je nach Bedarf abgewickelt werden.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Menschen, die von dem Projekt Masdar City noch nie gehört haben, wie beschreiben Sie denen diese Modellstadt? Was unterscheidet Masdar von allen anderen Städten?

Arnulf Dinkel: Masdar City ist ein Teil des Masdar Projektes. Im Masdar Projekt sind viele Aktivitäten zur Nutzung und Erforschung erneuerbarer Energien und zur Nachhaltigkeit vereint. Masdar City soll ein gebautes Beispiel dafür werden. Daneben gibt es auch Masdar Power, das sich in den Emiraten und auch weltweit an Projekten zur Erstellung von regenerativen Kraftwerken beteiligt. Dann gibt es auch das Masdar Institute, das sich mit Energie und Nachhaltigkeitsthemen beschäftigt.

Masdar City selbst ist ein neues Stadtquartier der Hauptstadt Abu Dhabi des gleichnamigen Emirates. Modellhaft ist dieses Stadtprojekt in mehrerlei Hinsicht: Städtebaulich und energetisch werden Erkenntnisse traditioneller arabischer Städte aufgenommen wie beispielsweise enge verschattete Gassen, gleichhohe Gebäudemassen – keine Hochhäuser. Sie ist fußgängerfreundlich angelegt, und es werden die kühlen Winde genutzt. Daneben wird alles mit öffentlichem Nahverkehr vernetzt. Autos werden am Stadtrand geparkt. Bei der Erstellung der Gebäude und deren Betrieb werden größtmögliche Effizienz und Nachhaltigkeit vorgeschrieben. Zu guter Letzt wird der verbleibende Energiebedarf aus nachhaltigen Quellen – vor allem der Sonne – gedeckt.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Die Realisierung von Masdar City erfordert von Wissenschaftlern und Ingenieuren interdisziplinäre Lösungen? Wo setzt das Fraunhofer Institut genau an?

Arnulf Dinkel: Das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme ISE zum Beispiel hat Know-How entlang der gesamten Wertschöpfungskette im Bereich der Photovoltaik – von der Silizium-Erzeugung über die Wafer und von den Modulen bis hin zu solaren Kraftwerken. Hier beraten wir Masdar.

Darüber hinaus können wir systemisch die regenerative Art der Energieerzeugung optimal in intelligente und effiziente Gebäudekonzepte einbringen, die wir entwickeln. Das ganze muss im großen Maßstab auf Stadt und Quartiersebene implementiert und gesteuert werden, auch hier gibt es Forschungs- und Entwicklungsbedarf, den wir abdecken.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Was sind die Schwerpunkte der Zusammenarbeit, und wie sieht sie jetzt und zukünftig aus?

Arnulf Dinkel: Die Schwerpunkte liegen zunächst darin, im Gebäudebereich die Gebäudehüllen zu optimieren und die dafür notwendigen Parameter zu bestimmen. Daneben gilt es eine angemessene Gebäudetechnik zu entwickeln, insbesondere für die Kühlung oder auch für optimierte Fassaden. Ein weiterer Schwerpunkt wird darin liegen, PV-Module und -Anlagen zu überprüfen, thermische Kollektoren zur Prozesswärmeerzeugung für die solare Kühlung zu testen oder auch Bauteile wie Fassaden auf ihre Tauglichkeit in diesen Klimaten zu untersuchen.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Welche konkreten Punkte stehen in welcher Reihenfolge für das Fraunhofer Institut in Masdar an?

Arnulf Dinkel: Die gemeinsame Projektgruppe identifiziert je nach Bedarf die jeweiligen Aktivitäten und deren Umsetzungsmöglichkeiten. Konkret denken wir darüber nach, mit welchen Firmen welche angepasste Produkte für diese Region entwickelt werden könnten und welche technischen Voraussetzungen dafür in Masdar geschaffen werden müssen, um Forschung und Entwicklung dafür betreiben zu können.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Die Solarenergie soll ein zentraler Teil der Kooperation sein. Inwieweit spielen erneuerbare Energien eine Rolle bei dem Projekt Masdar?

Arnulf Dinkel: Neben der obligatorischen Effizienzoptimierung aller Systeme ist die Bereitstellung von erneuerbarer Energie Dreh- und Angelpunkt von Masdar. Schließlich soll Masdar City komplett mit erneuerbaren Energien versorgt werden. Masdar City ist mit dem Stromnetz von Abu Dhabi verbunden. Es sind solargetriebene Kraftwerke auf Photovoltaik-Basis und auch mit CSP-Technik (Anm. d. Red.: CSP: Concentrated Solar Power, d.h. solarthermisch) in Planung und im Bau. Diese Anlagen stehen zum Teil auf dem Gelände von Masdar City. Ein weiterer Ausbau dieser Techniken ist geplant. So wird nicht nur Masdar City mit Strom versorgt, es ist auch geplant, bis 2020 sieben Prozent der Stromversorgung des Emirates auf regenerativer Basis zu erzeugen. In Masdar City selbst wird natürlich auch Strom über Photovoltaik -Dachanlagen erzeugt, parallel dazu wird auch Geothermie genutzt werden.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Welche vom Fraunhofer Institut entwickelten innovativen Technologien werden in Masdar ihren Einsatz finden?

Arnulf Dinkel: Zunächst werden die bekannten Technologien so weiterentwickelt, dass sie in diesen Klimazonen funktionieren können. Was in Deutschland funktioniert und eingeübt ist, muss nicht automatisch in anderen Klimazonen oder generell mit den dortigen Rahmenbedingungen funktionieren. Es ist zum Beispiel nicht üblich, hoch wärmegedämmte Fassaden einzusetzen, die bei uns im Neubau Standard sind. Es gibt auch noch kein Energieeinspeisegesetz oder eine Energieeinsparverordnung, die den Rahmen bilden; ebenso wenig wie Ingenieure und Firmen vor Ort, die zum Beispiel Effizienz-Techniken adäquat umsetzen könnten. Es ist auch gut nachvollziehbar, dass gängige Glasfassaden nicht das Optimum für Gebäudehüllen darstellen; also Alternativen gesucht werden müssen. Auch da setzen wir an.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Wurden bereits Technologien für Masdar entwickelt, die uneingeschränkt auch heute schon für andere Städte infrage kämen? Wenn ja welche?

Arnulf Dinkel: Man kann sagen, dass Masdar schon Lernschritte gemacht hat, die auf andere Städte übertragbar sein könnten. Ein Beispiel dafür ist der Nahverkehr. Dieser wurde ursprünglich als ein führerloses Kabinensystem in einem Basisgeschoss vorgesehen. Während der Entwicklung musste man zweierlei feststellen: Erstens ist es sehr komplex und Risikoreich, für geplante 80.000 Menschen sich auf ein einziges System zum Transport zu verlassen – Ausfälle könnten leicht zum Kollaps führen. Andererseits gibt es inzwischen sehr viele andere Möglichkeiten sich elektrisch fortzubewegen, der Markt verändert sich da sehr schnell. Also hat man darauf reagiert und die Stadtplanung entsprechend verändert. Jetzt wird es auch Elektrobusse und andere emissionsfreie Fahrzeuge auf dem Stadtgebiet geben; in einem angepassten Straßenraum. So ist jeder Aspekt und jedes System Lernschritten unterworfen. Die Stadtentwicklung wird entsprechend angepasst, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Die einzelnen Systeme müssen aber auch am Ende bezahlbar sein. Darin liegt ebenfalls eine große Herausforderung.

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