Hat Italien noch Kredit?

Ist die negative Einschätzung der Kreditwürdigkeit Italiens berechtigt? Die Deutschen Mittelstands Nachrichten haben Deutschlands Top-Ökonomen gefragt. Die Meinungen gehen weit auseinander.

Die Kreditwürdigkeit Italiens steht auf dem Prüfstand, nachdem die US-amerikanische Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) den Ratingausblick von „stabil“ auf „negativ“ gesenkt hat. Können Deutschlands Top-Okonomen die Begründungen nachvollziehen?

„Meiner Meinung nach ist die Ratingaktion gerechtfertigt“, sagte Torge Middendorf den Deutschen Mittelstands Nachrichten. Torge Middendorf ist bei der WestLB für die Analyse der Eurozone zuständig. Zwar sei die Dynamik der Staatsverschuldung in Italien weitaus geringer als in Griechenland, Irland oder Portugal, allerdings müsste man sich die Frage stellen, ob Italien das hohe Verschuldungsniveau (im vergangenen Jahr: 119 % des BIP) in absehbarer Zeit wieder auf ein tragfähiges Niveau zurückführen kann. „Zum Vergleich: Die Slowakei wird von S&P im Moment ebenfalls mit ‚A+‘ bewertet, weist aber im Vergleich zu Italien lediglich einen Schuldenstand von 41 % des BIP auf“, erklärt Middendorf.

„Italienische Politik verhindert Reform der Finanzen“

Auch für sie sei das Rating „nachvollziehbar“, meint Ulrike Rondorf, Italien-Expertin der Commerzbank. Für sie ist die Begründung von S&P, dass Italiens Regierung bisher kaum nennenswerte Reformen auf den Weg gebracht habe, plausibel. Die von der italienischen Politik vorgestellten Reformprogramme müssten mit konkreten Maßnahmen gefüllt werden. „Die schwierigen Machtverhältnisse in Italien behindern den Reformprozess. Ein politischer Konsens über die Parteien hinweg ist nicht zu erkennen“, sagte Ulrike Rondorf.

„Die Staatsschulden in Italien haben mittlerweile eine Besorgnis erregende Höhe erreicht. Mit rund 120 Prozent liegen sie doppelt so hoch wie die Grenze des Maastricht-Vertrags. Der Warnung von Standard & Poor’s sollte von Italien genutzt werden, nun endlich auf Haushaltskonsolidierung zu setzen“, meint Dirk Schlotböller vom DIHK.

Kritik an der Ratingagentur S&P

Michael Holstein von der DZ Bank kritisiert die Ratingagentur: „Ein aktueller Anlass für den veränderten Ausblick ist nicht erkennbar. Insofern hat die S&P-Entscheidung einen etwas opportunistischen Charakter, denn sie trifft auf ein durch die Schuldenkrise hoch sensibilisiertes Umfeld. Grundsätzlich stellen natürlich der hohe Schuldenstand Italiens und die politischen Probleme im Land nicht zu vernachlässigende Risikofaktoren für jedes Investment dar.“

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank, schätzt die Lage Italiens optimistischer als die Analysten der Ratingagentur ein: „Italien spielt von der Wirtschafts- und Steuerkraft her in einer anderen Liga. Das Wachstum ist niedrig, aber positiv und das ohne Konjunkturprogramme. Italien hat auch in der Vergangenheit bereits den eigenen Reformbedarf erkannt und erste wichtige Reformschritte bereits vor der Krise eingeleitet.“

Italien hat bei S&P das schlechteste Rating der drei großen Ratingagenturen

Gernot Griebling von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) stellt die Meinung der S&P-Analysten über Italien in einen größeren Zusammenhang. Er kann die S&P-Einschätzung aus mehreren Gründen schwer nachvollziehen: Zwar schließt er sich der Meinung an, dass Italien zu den wachstumsschwachen Ländern gehört. Mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum pro Jahr von 1,3 % von 1999 bis 2008 (Beginn der Finanzmarktkrise) zähle Italien zu den Nachzüglern – die Eurozone im Mittel verzeichne ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 2,5 % in der gleichen Periode, so Griebling.

„Aber gleichwohl ist unseres Erachtens dieser Schritt von S&P aus zwei Gründen schwer nachvollziehbar: zum einen besitzt Italien bei S&P mit A+ das schlechteste Rating der drei großen Ratingagenturen (Moody’s, S&P und Fitch). Das Rating von Italien bei Fitch liegt bei AA- und damit einen Notch höher bei zugleich stabilem Ausblick. Bei der Ratingagentur Moody’s wird Italien mit Aa2 und ebenfalls stabilem Ausblick geratet. Die Note Aa2 bei Moody’s entspricht bei S&P einem AA und liegt somit sogar zwei Notches über dem aktuellen S&P-Rating. Insofern gibt S&P den Schwächen Italiens in Form der Wachstumsschwäche ein deutlich stärkeres Gewicht als es die Wettbewerber tun“, analysiert Griebling.

Als zweites Argument führt der LBBW-Analyst an, dass das Bonitätsrisiko von Italien nach dem LBBW-eigenen Risikoindikator niedriger als das von Spanien sei. „Dies ist darauf zurückzuführen, dass Italien eine vergleichsweise niedrige Pro-Kopf-Verschuldung von ca. 17.000 Euro aufweist (zum Vergleich: in Deutschland beträgt der entsprechende Wert 25.500 Euro) und damit eine hohe Eigenfinanzierungskraft besitzt. Bei S&P besitzt demgegenüber jedoch Spanien ein um zwei Notches besseres Rating als Italien, wenngleich auch für Spanien der Ausblick ’negativ‘ ist. Daher halten wir diese Aktion von S&P für schwer nachvollziehbar“, sagte Griebling abschließend.

Meinung der UBS zur S&P-Entscheidung

Kommentare

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  1. Seidel sagt:

    Das gesamte Analystengeschwätz halte ich für verlogen; jeder weiß doch das sämtliche Staaten in Europa völlig überschuldet sind und es nur eine Frage der Zeit ist, bis der große Knall kommt.
    Aber keiner traut sich dem Bürger die wahrheit zu sagen.
    Aber auch hier wird der Bürger für dumm verkauft und „ruhig gestellt“

    Die meisten Politiker verteilen das Fell des Bären, den sie uns vorher aufgebunden haben.