EU und Wirtschaftsprüfer: Oligopol der Big Four muss fallen

Der Wirtschaftsprüfer Bernd Wehberg meint, dass die EU bei Ihren Reformvorschlägen für den Markt der Prüfungsunternehmen nicht den Mittelstand treffen darf. "Systemrelevant sind nicht alleine einzelne angelsächsische Prüfungskonzerne sondern der Mittelstand als Rückgrat der Wirtschaft und der Berufsstand der Wirtschaftsprüfer", so Wehberg.

Mit Datum vom 13.10.2010 hat die Europäische Kommission das Grünbuch zur Abschlussprüfung veröffentlicht und eine breit angelegte Konsultation eingeleitet, an der sich eine Vielzahl verschiedener Institutionen, Organisationen, Unternehmen und Interessengruppen sowohl des Berufsstandes der Wirtschaftsprüfer als auch der Wissenschaft, Wirtschaft und Politik rege beteiligt haben. Die EU-Kommission hat, wie der Titelzusatz „Lehren aus der Krise“ erkennen lässt, die weltweite Wirtschafts- und Finanzmarktkrise zum Anlass genommen und europaweit eine Grundsatzdiskussion über die Ziele, den Gegenstand und den Umfang gesetzlicher Abschlussprüfungen entfacht. Das Grünbuch adressiert inhaltlich Reformvorschläge, die u.a. die Themenbereiche Rolle des Abschlussprüfers, Governance und Unabhängigkeit von Prüfungsgesellschaften, Berufsaufsicht, Konzentration und Marktstruktur, Schaffung eines Europäischen Marktes für Prüfungsleistungen und Vereinfachungen für kleinere und mittlere Prüfungsgesellschaften betreffen.

Laut EU verstehe die Öffentlichkeit nicht, warum Prüfer nicht auf Risiken hingewiesen haben

Hintergrund des Diskussionspapiers ist laut EU-Kommission die Tatsache, dass Wirtschaftsprüfer Jahresabschlüssen von Banken in den Jahren 2007 bis 2009, trotz erheblicher Verluste und Risiken, uneingeschränkte Testate erteilt haben. Aufgrund der wirtschaftlich schwierigen Situation vieler Banken verstehe die Öffentlichkeit nicht, warum die Wirtschaftsprüfer in den Bestätigungsvermerken nicht auf die Risiken hingewiesen haben. Überdies untersucht die EU-Kommission die Struktur des europäischen Prüfermarktes und stellt zutreffend fest, dass in den letzten 20 Jahren eine Konzentration erfolgt ist, bei der große Prüfungsgesellschaften noch größer geworden sind. In der Marktkonzentration, die durch die sog. Big Four-Wirtschaftsprüfungsgesellschaften hervorgerufen wird, sieht die EU-Kommission eine Beeinträchtigung des Wettbewerbs und leitet daraus die Befürchtung ab, dass es zu einer Anhäufung systemrelevanter Risiken kommen könne, die eine ähnliche „Too big to fail“-Problematik wie im Bankensektor mit sich bringt. Aktuelle empirische Studien der deutschen Prüfungsmarktforschung belegen eindrucksvoll das Oligopol der Big Four gerade im Bereich der Prüfung kapitalmarktorientierter Unternehmen – ca. 93 % der im Jahr 2009 in diesem Bereich vereinbarten Prüfungshonorare entfallen auf die vier großen, angelsächsisch geprägten Wirtschaftsprüfungskonzerne.

Die mit dem Grünbuch verfolgte Zielsetzung ist aus mittelständischer Sicht ausdrücklich zu begrüßen. Mit Blick auf die fatalen Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise darf die Diskussion sich nicht nur auf die Rolle der Banken, Ratingagenturen und Hedge-Fonds beschränken. Denn es geht um nicht weniger als die Glaubwürdigkeit, das Ansehen und das Vertrauen in den Berufsstand des Wirtschaftsprüfers. Wenn die seit Menschengedenken schwerste Wirtschafts- und Finanzkrise zur Existenzbedrohung von Unternehmen und Banken führt, deren Rettung nahezu zweieinhalb Billionen Euro europäischer Steuergelder verschlingt, eben diese Banken und Unternehmen jedoch wenige Wochen zuvor uneingeschränkte Testate erhalten haben, kann und darf sich der Berufsstand mit derart wichtigem gesellschaftlichen Auftrag der Verantwortung und öffentlichen Diskussion nicht entziehen. Die Frage der Verantwortung mag durch die betroffenen Vertreter der Big Four-Gesellschaften freilich anders bewertet werden; das Beharren auf dem Standpunkt, dass die Wirtschaftsprüfer keinerlei Verantwortung trifft, erweist sich für den Berufsstand indes als Bärendienst.

Einige Reformvorschläge der EU begünstigen gerade die Big Four

So sinnvoll und folgerichtig der Vorstoß der EU-Kommission ist, das derzeitige Oligopol der wenigen großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zu bekämpfen und den fairen Wettbewerb zu fördern, so sind doch einige der diskutierten Reformvorschläge kontraproduktiv und begünstigen gerade die Big Four. Denn wenn die EU-Kommission den Ausbau des Verbots der Erbringung von Nichtprüfungsleistungen durch Prüfungsgesellschaften und die Schaffung von „reinen Prüfungsgesellschaften“ in Erwägung zieht, trifft sie die mittelständische Wirtschaft, sowohl die geprüften Unternehmen als auch ihre Wirtschaftsprüfer.

Die Unabhängigkeit eines Abschlussprüfers stellt zweifelsohne eine unabdingbare Voraussetzung für die Berufsausübung und das Fundament einer jeden Abschlussprüfung dar. Der Irrglaube, ein Abschlussprüfer, der für seinen Mandanten gleichzeitig Beratungsleistungen erbringe, gefährde seine Unabhängigkeit als Abschlussprüfer, ist zwar nicht neu; gleichwohl hält er sich hartnäckig in der politischen Diskussion. Eine Veranlassung oder gar einen Nachweis für diesen Trugschluss gibt es indes nicht. Neuere wissenschaftliche Studien belegen gar das Gegenteil: Eine vollständige Trennung von Prüfung und Beratung würde sich negativ auf die Prüfungsqualität und die Kosten auswirken. Dabei sind im geltenden Recht, national wie international, notwendige wie bewährte Regelungen verankert, die die sachliche wie finanzielle Unabhängigkeit der Abschlussprüfer sicherstellen. Hierzu gehört das Selbstprüfungsverbot ebenso wie die bestehenden Honorargrenzen. Einen Schutz durch Transparenz bietet auch die kürzlich eingeführte Pflicht zur Veröffentlichung der aufgegliederten Abschlussprüferhonorare im Anhang.

Die EU-Kommission ist angehalten, bei ihren Reformüberlegungen die dringend erforderliche Differenzierung zwischen kapitalmarktorientierten Konzernen einerseits und mittelständischen Unternehmen andererseits nicht aus dem Auge zu verlieren. Durch die enge Verknüpfung von Eigentum, Leitung, Haftung und Risiko unterscheidet sich der Mittelstand grundlegend von den kapitalmarktorientierten Konzernen. Die „Prüfung und Beratung aus einer Hand“ wird den Wesensmerkmalen und Interessen des Mittelstandes in besonderem Maße gerecht. Die Durchführung zulässiger Beratungsleistungen führt zu positiven Effekten für die Prüfer und Unternehmen, indem insbesondere das aus der Beratungstätigkeit erlangte Wissen für eine problemorientierte, damit wirksame und zugleich effiziente Prüfung genutzt werden kann. Die Wirtschaftsprüfung im Mittelstand ist geprägt durch einen langfristigen, vertrauensvollen und partnerschaftlichen Umgang. Es sind nicht nur die drohenden erheblichen Kostennachteile für die Unternehmen, die gegen eine weitergehende Trennung von Beratung und Prüfung sprechen. Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung bieten Wirtschaftsprüfer im Mittelstand eine breite und wertvolle betriebswirtschaftliche Expertise, unternehmerisches Denken und Know-how sowie ein gutes Verständnis des Geschäfts des Mandanten. Wirtschaftsprüfung im Mittelstand darf nicht auf das Ausfüllen vieler Checklisten beschränkt werden; sie bietet einen erheblichen Mehrwert, der unmittelbar dem Mittelstand zugutekommt. Abschlussprüfer dürfen sich nicht zu reinen Prüfungsgesellschaften im Sinne von Betriebsprüfern entwickeln. Der lebhafte Wettbewerb im Mittelstand sorgt dafür, dass die Prüfungsqualität mit zunehmender Beratungsintensität keinesfalls abnimmt. Ein Markteingriffe rechtfertigendes Marktversagen besteht nicht, weitere regulatorische Eingriffe würden die Big Four begünstigen.

Für die soziale Marktwirtschaft ist der Mittelstand Herz und Motor zugleich. Es war keineswegs der Mittelstand, dessen Fehlverhalten zur Krise geführt hat; es sind auch nicht die mittelständischen Wirtschaftsprüfer, deren Testate in der öffentlichen Diskussion und Kritik stehen. Bei den Reformvorschlägen darf die EU-Kommission diese Würdigung nicht außer Acht lassen und Reformen verabschieden, die den Mittelstand treffen. Systemrelevant sind nicht alleine einzelne angelsächsische Prüfungskonzerne sondern der Mittelstand als Rückgrat der Wirtschaft und der Berufsstand der Wirtschaftsprüfer. Wenn sich diese Einsicht durchsetzt und die Reformen dies berücksichtigen, hat das Grünbuch sein Ziel erreicht – eben die „Lehren aus der Krise“ zu ziehen.

Dr. jur. Bernd Wehberg ist Wirtschaftsprüfer, Fachanwalt für Steuerrecht sowie Steuerberater bei Dr. Wehberg und Partner GbR

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