“Es gibt viel weniger Globalisierung als wir denken”

Pankaj Ghemawat, Management-Guru und Professor für Globale Strategie an der IESE Business School in Barcelona, sieht die Welt weit weniger globalisiert als häufig dargestellt und belegt, dass sich in den vergangenen Jahren die Handelsmuster mehr regional als global entwickelt haben.

Ist die Globalisierung nur ein Traum, der nie wahr geworden ist – eine Illusion jenseits der Realität?

Für einige ist sie ein Traum, für andere ein Alptraum. In einem sind sich Globalisierungsbefürworter und -gegner jedoch einig: Globalisierung ist bzw. wird in naher Zukunft den realen Zustand der Welt reflektieren. Aber damit haben beide Seiten unrecht. Eine genaue Analyse der Daten zeigt, dass Grenzen und Entfernungen nach wie vor eine große Rolle spielen. Von den vielen verschiedenen Aktivitäten, die entweder innerhalb eines Landes oder  grenzübergreifend stattfinden können, betragen die internationalen weniger als zehn Prozent und nur einige wenige überbieten die 25-Prozent-Marke.

Wird Globalisierung überbewertet oder sind wir noch nicht in der Globalisierung angekommen?

Der Zustand von Globalität ist noch lange nicht erreicht. Es ist daher unsinnig, überhaupt von einer Annäherung an einen Zustand der Globalisierung zu sprechen.

In gewisser Hinsicht wird jedoch Globalisierung mehr unter- als überschätzt. Die Potenziale, die aus einer stärkeren Zusammenarbeit und Integration zwischen einzelnen Ländern entstehen, sind weitaus größer als von Handels-Ökonomen erwartet. Die Globalisierungsangst ist jedenfalls übertrieben. Das aktuelle Integrationsniveau bietet reichlich Handelsspielraum, unerwünschten Nebenwirkungen, die durch zunehmende Integration entstehen können, entgegenzuwirken.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die Entwicklung von der Welt 0.0. zur Welt 3.0. Worin bestehen hierbei die echten Errungenschaften, und worin bestehen die größten Bedrohungen?

Diese Entwicklung beschreibt, wie die Menschheit über ihren langen Geschichtszeitraum durch verstärkte Zusammenarbeit zu Wohlstand gekommen ist. Die Welt 0.0 beschreibt den Großteil der Menschheitsgeschichte, wo kleine Stämme und Klans sich zusammentaten, um in Abwesenheit von umfassenden institutionellen Kooperationsmechanismen unter lebensfeindlichen Bedingungen zu überleben. Der menschliche Instinkt, zusammenzuhalten und Grenzen zu befestigen, wenn wir uns bedroht fühlen, ist ein Erbe der Welt 0.0, das wir bis heute in uns tragen. In der Moderne angekommen ist die Welt 1.0 eine Welt selbständiger Nationalstaaten und die Welt 2.0 die Illusion einer vollständig globalisierten “flachen” Welt. Die Welt 3.0 involviert die freiwillige Überwindung der geschützten regulierten Welt (Welt 1.0) und der globalisierten deregulierten Welt (der Versuch, die Welt 2.0 zu realisieren) – hin zu einer Weltvision, in der grenzüberschreitende Integration und Regulierung einander bedingen statt sich gegenseitig auszuschließen.

Wird sich die freie Marktwirtschaft weiter entfalten oder wird es eine Verstärkung der Marktregulierung geben?

Das ist schwer vorauszusagen. Im Moment befinden wir uns in einer Phase, die sowohl von Misstrauen in die freie Marktwirtschaft als auch von Misstrauen gegenüber den Möglichkeiten der Regierungen, positiv markregulierend zu wirken, geprägt ist. Mich fasziniert an einem solchen Umfeld besonders, dass die Ausweitung der grenzüberschreitenden Marktintegration in bestimmten Situationen marktkorrigierende Regulierungen ersetzen kann. Dies scheint der Fall zu sein, wenn es zu wenig nationalen Wettbewerb gibt. Erhöhte Marktintegration erhöht die Verbraucherwahl und verringert gleichzeitig die Notwendigkeit staatlicher Intervention. In Fällen, wo man die Märkte geografisch erweitert, so beispielsweise bei kurzfristigen Kapitalströmen, sind zusätzliche regulierende Maßnahmen sinnvoll.

Sie schreiben, dass das Exportvolumen nur 20 Prozent des weltweiten BIP entspricht. Ein exportorientiertes Land wie Deutschland fügt sich nicht leicht in diesen durchschnittlichen Spitzenwert. Würde man ausschließlich die Industriestaaten betrachten, wäre der Durchschnittswert vermutlich höher. Was meinen Sie ?

Deutschland überschreitet den weltweiten Exportdurchschnitt. Im Vergleich zu Ländern mit hohem Einkommen tragen jedoch Exporte einen größeren Prozentsatz zum BIP bei, als in Ländern, die von der Weltbank in die untere und mittlere Einkommensstufe eingeordnet werden. In der Regel sind kleinere Staaten mehr vom Handel abhängig als größere

Was müssen exportorientierte Unternehmen beachten? Könnte der Exporterfolg ein vorübergehendes Phänomen sein und sollte stattdessen das Hauptinteresse dem Binnenmarkt gelten?

Ich würde nicht befürworten, dass exportorientierte Unternehmen sich wieder auf den Binnenmarkt ausrichten – besonders dann nicht, wenn es sich um einen Binnenmarkt einer wachstumsschwachen Industrienation handelt. Ich würde die Unternehmen dazu ermutigen, eine größere Sensibilität für Entfernungen und Unterschiede zwischen einzelnen Ländern zu entwickeln. Diese würde ihnen zum Erfolg in sorgfältig ausgewählten internationalen Zielmärkten dienen. Ich habe das CAGE-System entwickelt, das kulturelle, administrative, geografische und wirtschaftliche Dimensionen von Entfernungen und Unterschieden berücksichtigt, um Unternehmen zu helfen, derartige Analysen durchzuführen. Das Onlinetool ermöglicht zudem eine Analyse auf Industrieebene. Wenn Unternehmen solche Dimensionen wie Entfernungen und Unterschiede spüren und berücksichtigen, können sie sich zu Unternehmen entwickeln, die ich als Cosmopolitan Corporations bezeichne. Cosmopolitan Corporations bleiben tief in ihren Ursprungsländern verwurzelt und können diese Wurzeln wirksam einsetzen, um effizient in neue Märkte zu expandieren.

Profitieren Industrieländer stärker als Schwellenländer von der Globalisierung?

Die Vorteile sind sowohl für Industrie- als auch für Entwicklungsländer von sehr großer Bedeutung – obwohl ich keinen systematischen Vergleich darüber erstellt habe, welches Entwicklungsniveau sich größerer Vorteile erfreut. Zu dieser Art von Fragestellung möchte ich bemerken, dass Globalisierung normalerweise kein ausbeuterischer Prozess ist bzw. sein muss, in dem wenige Länder von der Ausbeutung anderer profitieren.

Wie verhält es sich mit Freihandelszonen wie dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) oder  Freihandelsabkommen wie dem NAFTA? Wird die Globalisierung diesen Handelsabkommen nützlich sein oder haben derartige regionale Abkommen eine geringe Bedeutung für die Weltwirtschaft?

Aufgrund der geografischen, kulturellen und wirtschaftlichen Ähnlichkeiten zwischen Nachbarländern ist es ganz natürlich, dass der Großteil des Welthandelsvolumens eher innerhalb als zwischen den Regionen stattfindet. In den vergangenen Jahren haben sich die Handelsmuster mehr regional als global entwickelt. Deshalb sind regionale Handelsabkommen kein ärmlicher Ersatz für globale Abkommen. Es ist sinnvoll, die Integration auf regionaler als auch auf globaler Ebene weiter zu verfolgen.

Wo sehen Sie die Grenzen der Globalisierung und wo ihre besten Möglichkeiten?

Es gibt also einen beträchtlichen Freiraum, um von der zunehmenden Integration zu profitieren. Um bestmögliche Chancen identifizieren können, sollten Unternehmen zunächst ein Verständnis für grenzüberschreitende Entfernungen und Unterschiede entwickeln, die für ihre jeweilige Industrie bzw. den Industriezweig relevant sind. Dann sollten sie Veränderungen mit Bezug auf die Entfernungen und Unterschiede trendbezogen analysieren. Schließlich sollten sich Unternehmen auf jene Bereiche konzentrieren, in denen sie Entfernungen bzw. eine Sensibilität dafür mitgestalten können. Die besten Möglichkeiten für Unternehmen bestehen in der Anwendung spezieller Fertigkeiten zur Verringerung von Entfernungen bzw. Entfernungsempfinden, um neue Werte länderübergreifend zu erschaffen.

Glauben Sie, dass die Welt in 50 Jahren ein höheres Globalisierungsniveau erreicht haben wird? Oder werden wir in die Welt 1.0 zurückverfallen?

Ich bin optimistisch, dennoch wird dieser Prozess keine gleichmäßige oder kontinuierliche Aufwärtsbewegung darstellen. Es wird Rückschläge geben, doch ich hoffe, dass es in 50 Jahren stärkere Beziehungen zwischen einzelnen Ländern gibt, die uns auf eine Art zusammenbinden, die die Vielfalt der Welt unterstreicht, statt sie zu verschleiern. Wenn wir die Integration intelligent weiterentwickeln, unterstützt durch zielorientierte Regulierung, werden wir größeren Wohlstand und mehr Sicherheit genießen, so wie es die Welt 3.0 verspricht.

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