„Die Chinesen haben Zeit und lassen sich nicht unter Druck setzen“

SaarGummi wurde von einem Unternehmen aus China übernommen. Der Insolvenzverwalter des Automobilzulieferers, Udo Gröner, beschreibt die Verhandlungen mit Vertretern des chinesischen Staatskonzerns CQLT. Wie hungrig ist China auf weitere deutsche Unternehmen?

SaarGummi geht als erster mittelständischer deutscher Automobilzulieferer an einen chinesischen Eigentümer. Der Insolvenzverwalter des Automobilzulieferers SaarGummi, Udo Gröner, über die spannenden Verhandlungen mit Vertretern des chinesischen Staatskonzerns CQLT und über den Hunger der Chinesen auf deutsche Firmen.

Deutsche Mittelstands Nachrichen: Herr Gröner, ist SaarGummi gerettet?

Udo Gröner: SaarGummi ist endgültg gerettet. Die Verträge sind vorbehaltlos in Kraft getreten und zwischenzeitlich auch – soweit es um die Zahlungsverpflichtungen der chinesischen Käuferin geht – ordnungsgemäß und pünktlich erfüllt worden.

Ab welchem Moment wussten Sie, dass der monatelange Verhandlungsmarathon mit Chongqing Light Industry & Textile Group (CQLT) erfolgreich beendet werden konnte? Gab es einen Handschlag?

Die Verhandlungen standen bis zur Durchführung der Beurkundung auf der Kippe. Einen Handschlag hat es – im Gegensatz zu einer Transaktion vergleichbaren Umfanges, die ich vor zwei Jahren durchgeführt habe und bei der es nach einem 30minütigen Gespräch mit dem CEO in der Tat einen Handschlag gegeben hat – nicht gegeben.

Warum haben die Verhandlungen mit den Chinesen phasenweise gestockt?

Die Tatsache, dass es phasenweise zu Stockungen in den Verhandlungen gekommen ist, war im Wesentlichen auf unterschiedliche Denkweisen im rechtlichen Bereich zurückzuführen. Darüber hinaus waren generell erhebliche Vorbehalte des chinesischen Vertragspartners gegen die Redlichkeit und die Aufrichtigkeit des deutschen Verhandlungspartners festzustellen. Teilweise wurden Dinge geregelt, die aus deutscher/europäischer Sicht selbstverständlich sind, für die aber nach den Vorstellungen des chinesischen Vertragspartners Handlungsbedarf bestanden hat.

Wie unterscheiden sich chinesische von europäischen Geschäftstaktiken?

Der Hauptunterschied, der in der Verhandlungsführung zu verzeichnen war, bestand im Faktor Zeit: Chinesen haben Zeit, lassen sich Zeit und lassen sich auch nur sehr schwer durch Fakten unter Handlungsdruck setzen.

Woran konnten Sie bei den Verhandlungen erkennen, dass CQLT ein Staatskonzern ist?

Das es sich bei CQLT um ein Staatskonzern handelt, war zu keinem Zeitpunkt erkennbar. Gremienvorbehalte sind selbstverständlich. Allenfalls bleibt festzuhalten, dass bei sämtlichen Verhandlungen ein Mitglied der zuständigen Kantonalregierung anwesend war, ohne dass dieses Mitglied jedoch in irgendeiner Form lenkend oder bestimmend in die Verhandlungen eingegriffen hat.

Welche Pläne hat der chinesische Konzern mit Saargummi in den nächsten fünf Jahren?

Der chinesische Konzern will den SaarGummi Verbund dazu nutzen, im europäischen PKW/LKW-Geschätf Fuß zu fassen und insbesondere Kontakte vor Ort hier in Deutschland mit den führenden Automobilherstellern herzustellen. Darüber hinaus soll der Standort Büschfeld zum Head Quarter in Europa sowohl in kaufmännische wie auch in technischer Hinsicht ausgebaut werden.

Welche Punkte müssen Ihrer Meinung nach schnell in den nächsten Monaten umgesetzt werden, damit die Neuausrichtung des Unternehmens gelingen kann?

In der gesamten Unternehmensgruppe besteht ein erhöhter Restrukturierungs- und Investitionsbedarf. Das Unternehmen hat auch in der Insolvenz mit deutlichen Verlusten gearbeitet. Das Erkennen der Verlustquellen und im zweiten Schritt das Abstellen der Verlustquellen gehört zu den Aufgaben, die schnellstmöglich gelöst werden müssen.

Was ist Ihr Eindruck? Wie groß ist der Appetit der Chinesen auf deutsche Unternehmen?
Inwieweit könnte die Prognose stimmen, dass Übernahmen von deutschen Firmen durch Chinesen in Zukunft häufiger werden?

Beeindruckend war die Anzahl und die Ausbildung der Personen, die auf der chinesischen Seite als Verhandlungspartner aufgetreten sind. Beeindruckend war darüber hinaus, dass es sich überwiegend um eine junges Verhandlungsteam gehandelt hat, das hervorragend ausgebildet war, sei es in technischer, betriebswirtschaftlicher Sicht oder sei es in Richtung Sprachen. Beeindruckend war gleichzeitig, dass es zu keinem Zeitpunkt interne Abstimmungs- oder Koordinationsprobleme gegeben hat, sondern dass eine klare Hierarchie vorgezeichnet war, ohne dass allerdings in irgendeiner Form von einer Bevormundung gesprochen werden kann.

Kann es sein, dass chinesische Unternehmer vor allem Auto- und Industriezulieferer im Visier haben? Wenn ja, warum könnte das so sein? Was könnte das Ziel der chinesischen Unternehmen in Europa sein?

Ich persönlich gehe davon aus, dass SaarGummi nicht der letzte Firmenkauf eines chinesischen Unternehmens in Europa war. Ich persönlich gehe weiter davon aus, dass seitens der chinesischen Verantwortlichen der derzeit – noch – bestehende Wettbewerbsvorsprung der europäischen Industrie, insbesondere im Bereich Auto- und Industriezulieferer klar analysiert worden ist und dies einer der Gründe ist, weshalb europäische Unternehmen derzeit für einen chinesischen Investor von Interesse sind.

Herr Gröner, vielen Dank für das Gespräch!

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