Die klügsten Köpfe wollen nicht in Deutschland arbeiten

Hochqualifizierte wollen nicht in Deutschland arbeiten. Die Regierung trifft die falschen Maßnahmen, um Fachkräfte im Land zu halten. High Potentials sehen im Ausland bessere Karrierechancen.

Keine guten Aussichten für die vom Fachkräftemangel geplagte deutsche Wirtschaft: Je höher die angestrebte Qualifikation der Studenten ist, desto größer ist der Wunsch, im Ausland zu arbeiten. So steigt der Anteil der angehenden Hochqualifizierten, die nicht in Deutschland Karriere machen wollen, auf stolze 25 Prozent. Das ist ein beunruhigendes Ergebnis einer Allensbach-Studie im Auftrag des Reemtsma Begabtenförderungswerks (BFW). Demnach will jeder fünfte Student mit Ambitionen im Ausland auf Dauer von Deutschland fern bleiben. Bei Studenten mit Migrationshintergrund sind es 26 Prozent.

Das Ergebnis für den Standort Deutschland verwundert, weil die Studenten eigentlich sehr zufrieden mit ihrer Ausbildung in Deutschland sind. So stellen fast drei Viertel von rund 3.000 Studenten aus allen Fachrichtungen den heimischen Studienbedingungen ein gutes Zeugnis aus. Auch hier zeigt sich ein Trend: Je besser die Qualifikation, desto höher die Zufriedenheit. Bei Promotions-Anwärtern steigt der Anteil der sehr Zufriedenen sogar auf 85 Prozent.

Mehr Geld im Ausland

Es sind die besseren Chancen bei Verdienst und Karriere, die gute Studenten abwandern lassen. Fast die Hälfte der Hochqualifizierten geht davon aus, dass sie im Ausland besser verdienen werden. Danach kommen die Gründe Aufstiegschancen und Karriereaussichten. Das Sammeln von Auslandserfahrung ist die Motivation für Studenten, die nicht auf Dauer im Ausland arbeiten wollen.

Mehr Aufstiegschancen könnten also gute Nachwuchskräfte in Deutschland halten, damit sich die deutsche Industrie dem globalen Wettbewerb stellen kann. Aber die Bundesregierung bearbeitet mit ihrem Konzept zur Sicherung der Fachkräfte andere Baustellen. Zwar ist es sinnvoll, dass die bürokratischen Hürden der Bundesagentur für Arbeit für ausländische Ingenieure und Ärzte endlich gefallen sind. Aber das macht Deutschland für gute Ingenieure nicht schlagartig attraktiver.

Im, von der Bundesregierung beschlossenen, Konzept zur Fachkräftesicherung werden sogenannte „Sicherungspfade“ beschrieben: „Aktivierung und Beschäftigungssicherung“, „bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, „Bildungschancen für alle von Anfang an“, „Qualifizierung: Aus- und Weiterbildung“ und „Integration und qualifizierte Zuwanderung“. Bis auf den Willen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern, sind das keine Maßnahmen, die auf mehr Aufstiegschancen und Verdienstmöglichkeiten zum Beispiel bei weiblichen Top-Kräften hindeuten. Seit Jahren kritisieren Vertreter der Wirtschaft und der Politik, dass die Abgabenlast auf Einkommen in Deutschland zu hoch sei.

Wirtschaftslage verstärkt Arbeitskräftemangel

Die Zeit drängt. Bis zum Jahr 2025 werden 6,5 Millionen Kräfte laut Prognosen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung fehlen, wenn es keine erfolgreichen Änderungen gibt. Schon jetzt steigt die Nachfrage nach Arbeitskräften stark an. Der Stellenindex der Bundesagentur für Arbeit (BA-X) erreichte im Juni dieses Jahres einen neuen Höchststand. Grund ist die wirtschaftlich gute Lage. Auf der einen Seite müssen Kandidaten für neu geschaffene Arbeitsplätze gefunden werden und auf der anderen Seite kündigen viele, um besser bezahlte Stellen anzunehmen. Hier müssen Nachfolger gefunden werden.

Laut der Bundesagentur haben Zeitarbeitsunternehmen momentan den höchsten Bedarf an Arbeitskräften. Jede dritte offene Stelle kommt aus der Zeitarbeit. Dann folgen die Branchen Handel, Bau, Gastronomie und Gesundheit.

Christoph Morisse

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