„Unsere Ziele orientieren sich nicht an Quartalszahlen“

Warum ein mittelständisches Unternehmen beim Angebot für Nachwuchskräfte mit großen Konzernen mithalten kann, verrät Udo Brechmann, Geschäftsführer der Franz Schneider Brakel GmbH und Co KG (FSB).

Deutsche Mittelstands Nachrichten: FSB ist Weltmarktführer im Bereich Klinken. Wird es die typische Türklinke in 50 Jahren noch geben oder werden wir jede Tür durch Chipcard oder Fingerabdruck öffnen?

Udo Brechmann: Ich bin mir sicher, dass der Anteil der elektronisch ausgestatteten Türen stetig ansteigen wird – der Prozess als solcher ist ja bereits in vollem Gange – auch aufgrund der vernetzten Haustechnik.

Wir bieten elektronische Lösungen, bei denen Sie einem Türbeschlag mit jedem FSB-Klinkendesign – auch über 50 Jahre alte Designs – durch das berührungslose Anlegen einer Transponderkarte öffnen können. Für Hauseingangstüren bieten wir Türgriffe an, die über das biometrische Einlesen des Fingerabdrucks den Zugang freigeben oder bei Nichtberechtigung die Haustür verschlossen halten.

Diese elektronischen Beschlaglösungen gehen also über das reine Öffnen und Verschließen einer Tür weit hinaus, da sie Einfluss auf die gesamte Gebäudeorganisation und dessen Funktionen nehmen. Etwa im Hotelbetrieb: Mit unseren intelligenten Türklinken kann der Hotelier definieren, zu welchen Bereichen oder zu welchen Zeiten ein Gast Zutritt haben kann – beispielsweise dem Spa – oder sogar Buchungsfunktionen für in Anspruch genommene Leistungen nutzen.

Wie Sie an meinen beiden Beispielen erkennen können, sind wir darauf bestens vorbereitet. Nichtsdestotrotz denke ich, dass das Gros der normalen Türen auch in 50 Jahren über Hand und Klinke geöffnet und geschlossen wird.

Wie viel Prozent des Umsatzes macht FSB im Ausland? Was sind Ihre stärksten Märkte im Ausland?

Ein Viertel unseres Umsatzes realisieren wir in den ausländischen Märkten. Unsere stärksten Märkte sind traditionell unsere europäischen Nachbarn Österreich, Schweiz, Niederlande, Belgien und Frankreich. Die zuletzt gegründeten Vertriebsgesellschaften in den USA und Hong Kong wird die Premiummarke FSB noch stärker internationalisieren und die Exportquote weiter entwickeln. Darüber hinaus arbeiten wir mit Handelsvertretungen und Stützpunkthändlern in nahezu allen Ländern der Welt.

Was sind die typischen Unterschiede im Geschmack der Kunden zwischen Westeuropa und beispielsweise der arabischen Welt?

Wir arbeiten seit vielen Jahren mit international renommierten Designern und Architekten zusammen, die ihre individuelle Gestaltungsauffassung für FSB in Form von Klinken – oder im weiteren Sinne Griffe – umsetzen. Eine intensive interkulturelle Auseinandersetzung ist hierfür Voraussetzung. Insofern gibt es kein rein deutsches oder länderbezogenes Design. Als führende Objektmarke statten wir weltweit öffentliche Gebäude, Hotels, Kliniken, Appartementhäuser, Banken, Versicherungen und viele andere mit unseren Beschlagsystemen aus. Insofern ist unser stringentes, zeitloses Design etabliert.

In der arabischen Welt dominieren Billigklinken chinesischer Herkunft den Markt, die an unsere Formensprache stark angelehnt sind. Dort, wo man in einem Bauprojekt auf eine qualitativ gehobene Bauausstattung, einen gewissen Stil oder schlicht auf die einschlägigen Marken im Interieur Wert legt, greift man auf unsere Produkte zurück.

Die deutsche Bevölkerung wird immer älter, dadurch ändern sich auch die Anforderungen an das Produktdesign. Wie arbeitet FSB um älteren Menschen das Leben zu erleichtern? Wie entstehen die Design-Inspirationen für die Zielgruppe der Senioren?

Die Auseinandersetzung mit dem menschlichen Greifen ist tief in unserer Unternehmens- und Markenphilosophie verankert. Schon Anfang der 1990er Jahre haben wir in Kooperation mit der Fraunhofer-Gesellschaft wissenschaftliche Studien zur optimalen Gestaltung einer Türklinke für viel begangene Türen angestellt. Hieraus ist eine eigenständige Produktlinie großformatiger Klinken entstanden, die auch Rollstuhlfahrern das Öffnen von Türen erleichtert. Ende der 1990er Jahre haben wir begonnen zu analysieren, wie sich räumliche Greifanforderungen bei älteren Menschen ändern und hieraus ein völlig eigenständiges barrierefreies Griff- und Ausstattungssystem abgeleitet.

Unsere barrierefreien Produktsysteme werden nicht nur umfassend mit den darauf abgestimmten Altersgruppen oder behinderten Menschen, sondern auch durch intensive Erprobungsreihen von unseren Mitarbeitern getestet. So können wir mit einem Handicap-Dress-Overall alterstypische, körperliche Funktionseinschränkungen wie auch typische Bewegungseinschränkungen simulieren, um unsere Produktsysteme im Selbstversuch zu testen.

FSB hat seinen Stammsitz in der 17.000 Einwohner-Stadt Brakel. Was spricht Ihrer Meinung nach für und was gegen eine ländliche Lage eines Industriebetriebes?

Schon der Firmengründer, Franz Schneider, hat nach seiner Firmensitzverlagerung von Iserlohn nach Brakel im Jahre 1909 den Standort in den späteren Firmennamen Franz Schneider Brakel aufgenommen.

Wir bekennen uns zum Produktionsstandort Brakel und untermauern dies seit Jahren mit kapazitätserweiternden Standortinvestitionen. Dieses Bekenntnis schafft in der Stammbelegschaft Vertrauen und ein familiäres Zugehörigkeitsgefühl. Mit unseren modernen, zukunftsorientierten Arbeitsplätzen und sozialen Einrichtungen sind wir der größte Arbeitgeber am Ort. Ein innovatives betriebliches Vorsorgewerk und eine Unterstützungskasse machen eine Anstellung bei uns noch attraktiver. In der Produktion wie auch in der Verwaltung herrscht eine niedrige Fluktuationsquote, so wird das Fertigungs-Know-how von Generation zu Generation weitergegeben.

Ein Standortnachteil ist die nicht optimale Anbindung an internationale Flughäfen. Gelegentlich gestaltet sich die Besetzung von Führungspositionen oder Spezialistenstellen dadurch etwas langwieriger. Wir haben auch die Erfahrung machen müssen, dass eine attraktive Position wegen des provinziellen Standortes nicht mit dem Wunschkandidaten besetzt werden konnte.

Unsere Vertriebsorganisation ist dagegen dezentral aufgestellt. Das heißt, wir verfügen in Deutschland über Vertriebsbüros in den Ballungszentren. Damit müssen wir bei der Rekrutierung von Vertriebspersonal nicht auf den regionalen Arbeitsmarkt zurückgreifen.

Die Top-Arbeitgeber der jungen Uni-Absolventen werden immer wieder angeführt von Unternehmen wie L’Oreal, McKinsey oder Porsche. Was kann FSB einem jungen Menschen bieten, das er bei einem globalen Konzern nicht bekommt?

Als Familienunternehmen mit ca. 600 Beschäftigten am Standort Brakel beziehungsweise den regionalen Vertriebseinheiten sowie 120 Beschäftigten in der Sächsischen Schlossfabrik bei Leipzig können wir jungen Menschen all die Vorteile bieten, die ein Mittelständler zu bieten hat. Das sind mittelständische Strukturen mit kurzen Entscheidungswegen, ein hohes Maß an Handlungsfreiraum mit gewünschter unternehmerischer Eigeninitiative sowie ein hohes Maß an Identifikation mit der Marke und den dahinterstehenden handelnden Menschen – und einem starken Zusammenhalt in der Mannschaft.

Bei einem mittelständischen Unternehmen wie FSB verlieren sich die Berufsstarter nicht in der Anonymität einer großen komplexen Organisation, sondern werden vom ersten Tag an mit produktiven Aufgaben betraut, an denen sie ihren Erfolg oder auch Misserfolg messen können.

Gleichzeitig bieten wir das gleiche Weiterbildungsspektrum wie ein Großkonzern. Wir fördern junge Menschen nach Abschluss ihrer Ausbildung oder einer Hochschulausbildung im Rahmen einer mehrjährig angelegten Personal- und Laufbahnplanung mit von dem Unternehmen finanzierten Weiterbildungsangeboten. Wir legen Wert darauf, dass sich die jungen Menschen entsprechend ihren Interessen und Fähigkeiten neben der eigentlichen beruflichen Aufgabe weiterbilden und in ihren ersten Berufsjahren in verschiedenen Abteilungen wirken können.

Seit 130 Jahren behaupten Sie sich erfolgreich am Markt. Was meinen Sie, sind die Erfolgsfaktoren, die den Unterschied ausmachen zwischen Kurzlebigkeit und Unternehmertum über mehrere Generationen?

Wir leben die Philosophie eines Familienunternehmens. Das Management in der fünften Generation hat die langfristige, von der Eigentümerfamilie vorgegebene Aufgabe, das Unternehmen möglichst gestärkt in die sechste Generation zu überführen.

Unsere strategischen Ziele sind langfristig ausgerichtet und orientieren sich nicht an Quartalszahlen. Wenn wir in neue Produkte oder in neue Märkte investieren, müssen sich diese neuen Aktivitäten mit unseren, zuvor in den Märkten verdienten, Eigenmitteln finanzieren lassen und sich nach einer gewissen Zeit selbst tragen. Dieses unternehmerische Verständnis bewahrt uns vor kreditfinanzierten Fehlern. So konnten wir in den letzten Jahren unser Kerngeschäft um die drei Säulen „Schließtechnik“, „Elektronische Zutrittsorganisation“ und den „barrierefreien Bereich Sanitär und Wohnen“ erweitern.

Herr Brechmann, vielen Dank für das Gespräch.

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