Gefühlte Konjunktur: Dolce Vita in Deutschland, Tristesse in Frankreich

Die neuesten Daten der Konjunktureinschätzung zeigen das deutsche Vertrauen weiter auf hohem Niveau. Je weiter gen Süden desto mehr Wolken ziehen auf – trotz der Urlaubssonne.

Ist die europäische Konjunktur-Party schon wieder vorbei? Die am Donnerstag veröffentlichten Zahlen der Europäischen Kommission zeigen, dass sich sowohl in der Industrie als auch bei den Verbrauchern eine gewisse Ernüchterung breit macht.

Bei den Verbrauchern fällt auf: Während besonders Italien und Frankreich von einem grundlegenden Pessimismus erfasst zu sein scheinen, ist die gute Laune der Deutschen ungebrochen. Ihre Stimmung hält sich auf konstant hohem Niveau. Deutschland profitiert nach Einschätzung von Johannes Mayr, Analyst bei der Bayern LB, von der im Vergleich zum Euro-Raum hohen Wettbewerbsfähigkeit, vom Boom in Asien, den soliden Staatsfinanzen und dem anhaltenden Aufschwungs am Arbeitsmarkt

Interessant: Die Franzosen sind zwar skeptischer als die Deutschen – sie haben jedoch seit 2008 mehr Geld für Konsum ausgegeben als die Nachbarn.

Daher hat die französische Wirtschaft immer noch einen vorderen Platz in der europäischen Wertung. Allerdings warnt Mayr: „Im Gegensatz zu Deutschland hat Frankreich seine Wettbewerbsfähigkeit in den vergangenen Jahren weniger stark gesteigert und profitiert weniger von der hohen Dynamik in den aufstrebenden Ländern Asiens.” Außerdem sei die Arbeitslosenquote in Frankreich ist vom Höchststand zum Jahreswechsel 2009/2010 auf aktuell 9,5% nur leicht gesunken.

Ob sich die Deutschen von der schlechten Laune anstecken lassen, werden die kommenden Wochen zeigen. Anders als die Verbraucher ist die „Industrie deutlich skeptischer. Ausgelöst durch die Griechenland-Krise und die nun aufkommenden Diskussionen über Italien und Spanien zeigt sich auch in der deutschen Industrie skeptisch über die Zukunft. Gesunkene Produktionserwartungen und eine mäßige Auftragslage haben dazu geführt, dass die positive Stimmung in der deutschen Industrie erstmals seit November 2008 rückläufig ist.
Johannes Mayr sieht noch keinen Grund zur Besorgnis: „Der Aufschwung im Euro-Raum wird zwar weiter an Fahr verlieren; er bleibt jedoch insgesamt in Takt, da die Geldpolitik weiterhin außerordentlich expansiv ist und die Konjunktur anschiebt und die Energiepreise nicht mehr so stark steigen wodurch der Ausgabenspielraum der Verbraucher erhöht wird.“

Allerdings kann man die Gefühle immer noch als „Hochstimmung“ einschätzen. Und anders als bei den Verbrauchern ist Gemütslage der italienischen und französischen Industrie-Kapitäne der ihrer deutschen Kollegen sehr ähnlich. Eine europäische Spaltung ist bei den Wirtschaftsbossen nicht zu erkennen. Der allgemeine Trend zeigt jedoch nun schon seit einigen Monaten nicht mehr ungebrochen nach oben. Auch wenn die Experten davon ausgehen, dass die Konjunktur bis 2012 weiter brummt – die Vertrauenszahlen müssen den Beobachter nachdenklich machen. Dass nicht mehr alles rund läuft, könnte an den verschiedenen staatlichen Konjunkturprogrammen liegt, die ausgelaufen sind. Auch der schwache Euro hat eine Rolle gespielt. Nun wird sich jedoch zeigen, wer in Europa die Krise nicht nur zum kurzfristigen Geschäft, sondern auch zur langfristigen Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit genutzt hat.

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