Alle warten auf die europäische Ratingagentur

Die Diskussion über eine eigene europäische Ratingagentur hält an. Viele halten die Idee für abstrus, andere fordern sie umso vehementer. Eines wollen alle: Wenn eine Rating Agentur kommt, muss sie unabhängig sein.

Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) ist der Ansicht, dass sich eine europäische Ratingagentur etablieren wird. Er sagte den Deutschen Mittelstands Nachrichten: „Eine europäische Ratingagentur wird wohl kommen, die Signale aus Berlin deuten klar darauf hin. Mehr Wettbewerb im engen Oligopol der drei Big Player belebt auf jeden Fall das Geschäft.“

Die größte Hürde für eine Agentur sei die Finanzierung. Die Eintrittsbarrieren in den Markt sind hoch, der Wettbewerb wird sich unter den bestehenden Playern verstärken. Experten sind sich einig, dass eine europäische Agentur zwar Chancen hätte – allerdings nur, wenn sie sich nicht als europäisches Lobby-Instrument verstehe. Dazu hält Jürgen Matthes institutionelle Vorkehrungen für nötig – bei der Finanzierung, die vielleicht über eine Stiftung laufen könnte, sowie bei der Besetzung der Führungspositionen.

Naturgemäß skeptischer sind die Lobbyisten-Verbände. Schließlich würden auch sie durch eine unabhängige Agentur an Einfluss verlieren. Stefan Heidbreder, der Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen, warnt daher schon mal vor zu viel Euphorie in der Diskussion. Zwar sei die Idee es Wert, verfolgt zu werden. Aber es könne noch Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern, bis eine europäische Ratingagentur funktioniere. In der aktuellen europäischen Schuldenkrise spiele die Idee keine Rolle.

Wenn eine solche Agentur kommt, dann müsse die „marktbeherrschende Position der US-amerikanischen Ratingagenturen aufgebrochen werden“, sagte Heidbreder den Deutschen Mittelstands Nachrichten. Vor dem Hintergrund der Eurokrise gäbe es politische Interessen, die Familienunternehmen dazu bewegen würden, eine europäische Agentur auf die Beine zu stellen.

Dennoch positionieren sich die Lobbyisten bereits. Wenn eine Ratingagentur unvermeidlich ist, dann will auch Heidbreder lieber ein unabhängiges Institut. Vor allem sollten nicht diejenigen bewertet werden, die für das Ratingverfahren bezahlen, wie es im jetzigen anglo-amerikanischen System der Fall sei. Vielmehr müsse ein Finanzierungsmodell her, bei dem Kunden für Rating-Informationen zahlen. Die Agentur müsse in der Lage sein, aufwändige Ratings unabhängig zu finanzieren. Eine Stiftung wäre laut Heidbreder ein guter Ansatz.

Die Ratingagentur Fitch gibt sich in der Diskussion besonders erfinderisch: Fitch sehe sich bereits als eine europäische Ratingagentur. 60 Prozent der Anteile lägen bei einem französischen Eigentümer, in London stehe die Europazentrale, die gleichberechtigt mit der in New York sei. Das Team der Länderanalysten sei in London stationiert, berichtet ein Sprecher der Agentur. Auf die Frage, wie realistisch eine europäische Konkurrenz sei, antwortete der Sprecher diplomatisch: „Das werden die Nachfrage der Investoren, die Akzeptanz am Markt und die Zeit zeigen.“

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