China: Abschied vom Wachstum um jeden Preis?

Das Zugsunglück von Wenzhou hat in China zu einer Debatte über eine rücksichtslose Wachstumspolitik geführt. Plötzlich wird größerer Wert auf die Solidität von innovativen Produkten gelegt.

Als vergangene Woche ein Hochgeschwindigkeitszug bei Wenzhou entgleiste und 39 Menschenleben und 190 Verletzte forderte, versuchte die Regierung zunächst noch, die Angelegenheit herunterzuspielen. Ein Blitzschlag trage Schuld an dem Unglück, dagegen sei niemand gefeit. Die chinesischen Behörden entfernten das Wrack eiligst von der Unglücksstelle und weigerten sich zunächst, den Angehörigen Entschädigungen zu zahlen.

Doch über das Internet brach ein regelrechter Proteststurm los. Vor allem über den Microblogging-Dienst Weibo – einer chinesischen Variante von Twitter – empörten sich viele Chinesen. Einer der prominentesten Blogger, Han Han, schrieb eine Artikel mit dem Titel „Das entgleiste Land“, in dem er vor allem die Arroganz des chinesischen Polit-Apparats anprangerte. Er schrieb, dass die Regierung Dankbarkeit erwarte – und solange die Leute die vom Regime geschaffenen Segnungen benutzen, hätten sie kein Recht, sich kritisch zu äußern. Der Beitrag wurde kurz nach seinem Erscheinen von der chinesischen Zensur entfernt. Dass die Argumentation von vielen Usern aufgegriffen wurde, konnte die Maßnahme indessen nicht verhindern.

China könnte die Compliance entdecken

Im Mittelpunkt der Kritik steht eine Entwicklung, die auch all jene Firmen betrifft, die in China investieren oder mit chinesischen Partnern Geschäfte machen. China kaufe ausländische Technologie ein und kopiere dann die wesentlichen Komponenten. Dies geschieht oft nicht mit der nötigen Sorgfalt. Das politisch verordnete schnelle Wachstum fordert Fehler oft geradezu heraus. Compliance ist in diesem Zusammenhang noch keine Vokabel der chinesischen Politik geworden. Ein Kommentator des „Wall Street Journal“ zitiert Konfuzius: Man solle nicht ungeduldig sein, wenn man eine Idee verwirklichen wolle. Denn Ungeduld sei der Feind der Gründlichkeit.

Der öffentliche Proteststurm hat auch eine Kehrtwende bei der politischen Führung ausgelöst. China will Wachstum, aber kein „blutverschmiertes Bruttoinlandsprodukt“, schrieb die offizielle kommunistische Zeitung „People’s Daily“. Man wolle vor allem jene bestrafen, die sich über Korruption persönliche Vorteile aus der dynamischen Wirtschaftsentwicklung verschaffen.

Chancen für deutsche Qualität

Die emotionale Debatte könnte auch Folgen für den chinesischen Eisenbahnbau haben. China arbeitet fieberhaft am Ausbau des Netzes und versucht, seine Entwicklungen auch auf dem Weltmarkt erfolgreich zu positionieren. Hier deutet sich nun ein Umdenken an: Abgesehen von den hohen Fahrpreisen – Chinas Pro-Kopf-Einkommen liegt immer noch hinter Jamaika – wird nun auch die Beherrschbarkeit von technologischen Innovationen neu bewertet.

Für die deutsche Exportwirtschaft bietet diese Entwicklung möglicherweise neue Chancen. Statt einer auf kurzlebigen Erfolg ausgerichteten Politik des Kopierens könnte ein kritisches Bewusstsein größeren Wert auf Qualität legen. Dies eröffnet den deutschen Komponenten-Herstellern, etwa im Maschinenbau, die Perspektive auf langfristigere Kooperationen. Die deutschen Mittelständler können in Zukunft vermutlich die Solidität ihrer Produkte als zusätzliches Verkaufsargument ins Treffen führen.

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