Societas Europaea als attraktive Rechtsform für Unternehmen

Was haben Allianz, BASF und Porsche gemeinsam? Sie haben sich für die Rechtsform der Europäischen Gesellschaft (auch Societas Europaea, kurz „SE“) entschieden. Erstaunlich: Diese Rechtsform erfreut sich mittlerweile auch bei Mittelständlern großer Beliebtheit.

Von über 150 deutschen SE’s entfällt nur ein kleiner Teil auf Großunternehmen. Der Gesetzgeber hatte ausdrücklich auch kleine und mittlere Unternehmen vor Augen, als er die SE aus der Taufe hob – zu Recht. Schließlich agiert der exportstarke deutsche Mittelstand ebenso international wie seine „großen Brüder“ aus dem DAX. Und immer häufiger wählt er die SE.

Nachdem die lange geplante Einführung der Europäischen Privatgesellschaft (EPG) – der so genannten „Europa-GmbH“ – erst kürzlich beim EU-Ministerratstreffen gescheitert ist, bleibt die SE weiterhin die einzige grenzüberschreitende Kapitalgesellschaft.

Rechtlich und steuerlich wird die SE wie eine Aktiengesellschaft behandelt. Für bestimmte Bereiche gelten allerdings spezielle Bestimmungen, insbesondere zur Gründung, zur Mitbestimmung und zur Leitungsstruktur – dazu sogleich. Zudem ist die SE international mobiler als andere Rechtsformen: Sie kann nicht nur mit ihrer Verwaltung, sondern auch mit ihrem registrierten Sitz ins europäische Ausland umziehen. Die SE wird aber auch häufig wegen ihres Images gewählt, das einen modernen, exportorientierten Marktauftritt gegenüber Kunden und Mitarbeitern erlaubt. Eine Erhebung der Universität München ergab sogar, dass dies das Hauptmotiv für die Gründung einer SE ist.

Corporate Governance und Mitbestimmung

Neben dem Imagegewinn bietet die SE aber auch handfeste Vorteile, insbesondere eine flexible Corporate Governance und maßgeschneiderte Lösungen für die Mitbestimmung. So kann die SE alternativ zu der in Deutschland üblichen Doppelstruktur von Vorstand und Aufsichtsrat auch durch einen Verwaltungsrat als zentrales Leitungs- und Kontrollorgan geführt werden. Damit lassen sich wesentliche Kompetenzen in einer Hand bündeln, ähnlich wie beim President & CEO in den USA – eine interessante Option vor allem für Gesellschafter-Geschäftsführer.
Anders als bei anderen Rechtsformen können Unternehmen und Arbeitnehmervertreter die Arbeitnehmerbeteiligung in der SE aushandeln. Dies erlaubt die Strukturierung und Umsetzung maßgeschneiderter Lösungen. Einigt man sich nicht, greifen gesetzliche Auffangregeln, die sich bei der Mitbestimmung an dem Status vor der Umwandlung orientieren. Hinzu tritt ein wesentlicher Vorteil: Die SE „konserviert“ die Mitbestimmungsregeln, die bei ihrer Gründung gelten. Dies sollte allerdings nicht das alleinige Motiv für einen Rechtsformwechsel bilden. Praxisbeispiel: Eine GmbH hat 400 Arbeitnehmer und will weiter wachsen. Mit mehr als 500 Arbeitnehmern müsste sie einen Aufsichtsrat einrichten, der zu einem Drittel mit Vertretern der Arbeitnehmer besetzt ist. Wird die Gesellschaft rechtzeitig als SE strukturiert, gilt dieser Schwellenwert nicht und die Gesellschaft bleibt mitbestimmungsfrei.

Erhöhter Gründungsaufwand

Den genannten Vorteilen steht der mit der Gründung einer SE verbundene Zeit- und Kostenaufwand gegenüber. Er ist in der Regel erheblich höher als bei anderen Rechtsformen. Zwar haben sich inzwischen einige Standards etabliert, die den Aufwand reduzieren. Dennoch: Man muss stets im Einzelfall prüfen, wie hoch der Aufwand zu veranschlagen ist und ob er sich lohnt. Für einen Spezialisten kann ein ausführliches Gespräch genügen, um einen „Quick Check“ durchzuführen.

Rechtsanwalt Dr. Thorsten Reinhard ist Partner im Frankfurter Büro der Kanzlei Noerr. Er berät Unternehmen und Unternehmer im Gesellschaftsrecht und bei Transaktionen (M&A).

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