US-Bonität: Welche Staaten werden als nächste herabgestuft?

Standard&Poor’s haben mit der Herabstufung der USA eine politische Nachricht ausgesendet. Experten sorgen sich schon länger auch um Staaten in Kerneuropa. Wählen die Ratingagenturen nun eine härtere Gangart?

Als die Analysten von Standard&Poor’s (S&P) am Freitag das US-Finanzministerium von der bevorstehenden Herabstufung der USA in Kenntnis setzten, reagierten die Beamten in Washington mit dem Taschenrechner: Sie fanden einen 3-Billionen-Rechenfehler. Als sie diesen de Agentur mitteilten, korrigierte S&P zwar die Zahlen. Aber das Triple A war trotzdem weg. Die Begründung von S&P stützte sich anders als im ersten Entwurf des Berichts nicht mehr in erster Linie auf wirtschaftliche Kennzahlen, sondern lieferten eine politische Mahnung: Schwache Führung in den USA und mangelnde Berechenbarkeit in den politischen Entscheidungsprozessen.

Der „Economist“ teilt diese Einschätzung: Die Amerikaner müssen sich schnellstens politisch zu organisieren, dass ihre Entscheidungen nicht mehr länger den Wettkampfcharakter eines Football-Spiels tragen dürfen. Die amerikanische Politik müsse sich ihrer Verantwortung für die Weltwirtschaft bewusst werden. Ähnliche Mahnungen kamen aus China. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua sprach davon, dass die Amerikaner „schuldensüchtig“ seien. China als Amerikas größter Gläubiger könne dies nicht länger akzeptieren.

Nun ist es natürlich schon peinlich, wenn sich eine Ratingagentur verrechnet. Ihre Aufgabe besteht in der nüchternen Analyse von Kennzahlen. Politische Statements sind nicht ihr Job. Ganz gewiss spielen auch simple Marketing-Überlegungen eine Rolle: Schließlich spricht jetzt die ganze Welt von S&P. Die Diskussion um die Ratingagenturen ist gerade an den amerikanischen Einrichtungen nicht spurlos vorüber gegangen. Der Gedanke liegt nahe, dass sich S&P nach jahrelangen Gefälligkeits- oder Fehlurteilen auch einmal kritisch über die USA äußert. Im Kern haben die Analysten nichts Falsches gesagt: Dass es in der amerikanischen Politik drunter und drüber geht weiß jeder durchschnittlich aufmerksame Zeitungsleser.

Dennoch spielen die Ratingagenturen im globalen Finanzwesen weiter eine zentrale Rolle. Vor allem können jene Staaten, die mit Amerika im Wettstreit um die wirtschaftliche Vorherrschaft streiten, das Ergebnis in ihrem Sinne interpretieren. So lässt sich im Krieg der Finanz-Propaganda leicht Kapital schlagen. In der Zeiten der Schuldenkrise ist jedes Argument willkommen.

Schadenfreude ist dennoch unangebracht. Es wäre besser, wenn sich die einzelnen Staaten mit ihrer eigenen Lage kritisch auseinandersetzten. Und da liegt gerade in Europa vieles im Argen. Möglicherweise sind die schlimmsten Fehlentwicklungen noch gar nicht bekannt.

Ein Blick auf die Zahlen des Freiburger „Centrums für Europäische Politik“ (CEP) zeigt: Einige europäische Staaten müssen in der europäischen Schuldenkrise mit Problemen rechnen. Der CEP-Default-Index gibt an, wo eine Staatspleite wahrscheinlich ist. Hier finden sich die bekannten Namen: Bei Portugal und Griechenland steht die Ampel am deutlichsten auf „Rot“. Ähnlich schlecht steht es bei zwei kleineren Staaten, die bisher noch nicht so stark in der öffentlichen Diskussion gehandelt wurden: Malta und Zypern.

Ebenfalls besorgniserregend: Italien und Spanien – die beiden Problemfälle sind hinlänglich bekannt. Interessanterweise befindet sich auch Frankreich in dieser Gruppe. Da wird es dann schon kritisch, denn Frankreich galt bisher als vergleichsweise solide. Allerdings ist die französische Wirtschaft seit jeher problematisch: Sie wird dominiert von großen Staatskonzernen im Energie-, Telekommunikations- und Medienbereich. Anders als der föderale, vielgestaltige deutsche Mittelstand ist das Schicksal dieser Unternehmen stark an das Wohl und Wehe des Staats gekoppelt – er ist ja nicht weniger als ihr Eigentümer.

Der Index, der leider Großbritannien nicht erhebt, sieht Estland und Luxemburg als die gesündesten Staaten an. Auf Platz drei folgt, ebenfalls mit sehr guten Werten, Deutschland.

Die Zahlen des CEP haben noch keinen direkten Einfluss auf Entscheidungen von Ratingagenturen. Wenn man jedoch das Vorgehen von S&P bei der Herabstufung der USA zum Modell nimmt, könnte das nächste Downgradingim Zug der Schuldenkrise jene Länder ereilen, in denen das politische System morsch ist. Da steht Italien mit der unsäglichen Privatherrschaft von Silvio Berlusconi an der Spitze. Spanien und Portugal sind interessanterweise politisch weniger schlecht beleumundet. Die Franzosen dagegen leiden unter einem ähnlich scharfne Rechts-Links-Antagonismus wie die USA: Die erbitterte Schlacht um Dominique Strauss-Kahn hat es gezeigt. Die Vorwürfe gegen die neue IWF-Chefin Lagarde tragen auch nicht dazu bei, Frankreich als sauberen und intakten demokratischen Staat mit starker, ethisch fundierter Leadership zu betrachten.

Möglicherweise kommt die nächste böse Überraschung in absehbarer Zeit für Paris. Auch hier besteht gerade für Deutschland kein Grund zur Schadenfreude. Die Achse Berlin-Paris ist das Rückgrat der EU. Wenn sie Schaden nimmt ist die Zukunft des Euro tatsächlich sehr ungewiss.

Mehr zu Italien und den USA hier (Berlusconi als Gefahr für den Euro) und hier (Chancen für Deutschland).

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