Frankreich muss sich Sorgen um seine Bonität machen

Gestern die USA, heute Italien – und übermorgen vielleicht die Franzosen. Während Merkel und Sarkozy noch an einer Achse zur Euro-Rettung schmieden wird klar: Frankreich steht viel schlechter da als Deutschland.

Die Ursache der derzeitigen Schuldenkrise sei nicht allein in der Überschuldung der Haushalte zu suchen. In vielen Ländern ist schlicht die Wettbewerbsfähigkeit verloren gegangen. Die Importe überstiegen die Exporte, analysiert das Centrum für Europäische Politik (CEP) in ihrer Studie. Um dieses Defizit auszugleichen, werden Auslandskredite aufgenommen, aber eine Rückzahlung dieser ist nur möglich, wenn Leistungsüberschüsse erzielt werden. Dies scheitert jedoch oft an der eben mangelnden Wettbewerbsfähigkeit.

Vergleicht man Deutschland und Frankreich, so werden große Unterschiede deutlich. Seit 2002 produziert Deutschland kontinuierlich Kapitalexportüberschüsse und unterstützt schuldenbehaftete Euro-Länder seit 2005 mit einem Kapital von 5 Prozent und mehr des Bruttoinlandproduktes (BIP). Deutschland ist somit grundsätzlich nicht von einer Kreditunfähigkeit bedroht, allerdings wird es dann für Deutschland gefährlich, wenn die umfangreichen, gewährten Kredite und Kreditgarantien, die es anderen von Insolvenz bedrohten Ländern zur Verfügung gestellt hat, fällig werden und nicht zurückgezahlt werden können.

Frankreich hingegen ist seit 2004 Nettokapitalimporteur mit einem saldierten Kapitalbedarf von 3,8 Prozent des BIP um Jahr 2010. Das entspricht einer Neuverschuldung von 74 Milliarden Euro. Frankreichs Lage ist nicht so dramatisch wie in Italien oder Spanien. Dennoch steht es vor substantiellen Schwierigkeiten. Neben vergleichsweise hohen Mindestlöhnen und einem starkem Kündigungsschutz fehlt es der Volkswirtschaft vor allem an Wettbewerbsfähigkeit.

Zwar gibt es im Vergleich zu Griechenland eine industrielle Basis, doch Frankreich schützt seine Unternehmen quasi vor dem internationalen Wettbewerb. Deutlich wurde dies beispielsweise bei Gesprächen zwischen der französischen Regierung und Air France-KLM. Das Unternehmen wurde aufgefordert, nicht wie geplant Flugzeuge beim Wettbewerber Boing zu kaufen, sondern bei Airbus. Durch diese und weitere Bevorzugungen werden die französischen Unternehmen nicht mehr gezwungen, sich im internationalen Vergleich zu messen und verlieren so ihr internationale Wettbewerbsfähigkeit. Darüber hinaus verhindern die strengen Regulierungen das Entstehen von jungen, innovativen Unternehmen. Laut CEP steht Frankreich nicht direkt vor einer Insolvenz, aber ohne konkrete Änderungen der geschilderten wirtschaftlichen Umstände und Sparmaßnahmen kann es für die Volkswirtschaft gefährlich werden.

Erste Anzeichen sind bereits an den Märkten zu beobachten: Einem Bericht des „Handelsblatt“ zufolge sind Analysten besorgt dass die Risikoprämien für Frankreich massiv gestiegen sind.
Das Blatt veweist darauf, dass der „Renditeabstand von französischen zu deutschen Bundesanleihen ist auf bis zu knapp 0,9 Prozentpunkte geklettert und damit so hoch wie seit mindestens 20 Jahren nicht“. Sollte Frankreich seine Topbonität „AAA“ verlieren, würde das die Konstruktion des Rettungsfonds der Euro-Länder für überschuldete Mitgliedstaaten gefährden, sagte ein Analyst der Zeitung.

Für den CEP-Default-Index, der die Entwicklung in den Staaten misst, nimmt das CEP die gesamtwirtschaftliche Situation der einzelnen Länder unter die Lupe und beurteilt so ihre Kreditfähigkeit. Hierzu werden das gesamtwirtschaftliche Finanzierungssaldo (GFS), das Niveau der kapazitätssteigernden Investitionen und der Kapitalimportbedarf der jeweiligen Volkswirtschaft geprüft. Länder mit einem Leistungsbilanzüberschuss exportieren Kapital und weisen einen positiven GFS auf, da sie keine Auslandskredite benötigen. Wohingegen Volkswirtschaften mit einem Leistungsdefizit ausländisches Kapital brauchen und einen negativen GFS besitzen. In diesem Fall stellt sich die Frage, ob die entsprechenden Länder das ausländische Kapital für kapazitätserhöhende Investitionen nutzen, die dazu führen, dass eine Tilgung möglich ist, oder nicht.

Hieraus ergeben sich vier Risikokategorien. In der Risikokategorie 1 finden sich Volkswirtschaften wie Estland, Luxemburg und Deutschland, die einen positiven GFS aufweisen und keine Auslandskredite benötigen. Die Risikokategorie 2, zu der Slowenien, die Slowakei und Irland gehören, weist einen positiven Wert des CEP-Default-Indizes auf, da die kapazitätserhöhenden Investitionen eines Jahres die Nettokapitalimporte übersteigen und sich nicht grundsätzlich sagen lässt, dass die Kreditfähigkeit beeinträchtigt ist. Frankreich, Spanien und Italien haben einen negativen CEP-Default-Index Wert und liegen in der Risikokategorie 3. Hier übersteigen die Nettokapitaleingänge die kapazitätssteigernden Investitionen. Das jeweilige Land konsumiert mehr als das gesamte im Inland erwirtschaftete Einkommen. Die Solvenz dieser Länder ist bedroht. Zur Risikokategorie 4 gehören beispielsweise Griechenland, Malta und Portugal, Länder, die seit drei und mehr Jahren einen negativen CEP-Default-Index aufweisen. Ihre Solvenzbedrohung hat sich verfestigt.

Neben den veröffentlichten Daten zum CEP-Default-Index zeigt das CEP drei Lösungsmöglichkeit für die frappierend ernste Lage in den Euro-Ländern: Entweder müssten die betroffenen Länder sofort drastisch die Lohnstückkosten und die Regulierungen reduzieren oder es bliebe ihnen die Möglichkeit, aus der Eurozone auszutreten und eine neue Landeswährung einzuführen, um sie zugleich abwerten, oder es müsste zu einer dauerhaften Alimentierung mithilfe eines Staatenfinanzausgleiches zwischen den Euro-Ländern kommen. Betrachtet man jedoch alle Kreditfähigkeitslücken der von Insolvenz bedrohten Staaten, würde sich ein solcher Staatenfinanzausgleich im Jahr 2010 auf 108 Milliarden Euro belaufen.

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