Wie deutsche Unternehmen die Schuldenkrise nützen können

Nicht die deutschen Unternehmen brauchen die Banken – es ist umgekehrt: Wo soll das ganze Geld denn hin, wenn immer mehr Staaten Bonitätsprobleme bekommen? Dorothea Schäfer vom DIW in Berlin im Interview über Kredite, Chancen für den Mittelstand und das M&A-Geschäft in der Krise.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), meint, dass sich in den Krisenjahren 2009 und 2010 gezeigt hätte, wie wenig die Industrie in ihrer Finanzierung durch Finanzmärkte und Banken beschränkt wurde. Wie schätzen Sie das Umfeld für Unternehmensfinanzierungen angesichts der nervösen Finanzmärkte ein?

Dorothea Schäfer: Es hat während der Krisenjahre keinen Credit Crunch gegeben, das hat sich auch in einer Untersuchung des DIW Berlin gezeigt. Auch die Finanzierung über den Kapitalmarkt ist für Unternehmen nur kurzfristig, unmittelbar nach der Lehman Insolvenz, schwierig gewesen.

In einer Situation sinkender Aktienkurse wird die Eigenkapitalfinanzierung über die Börsen sicherlich beeinträchtigt. Wie nachhaltig das ist, hängt davon ab, wie schnell sich die Börsen wieder fangen. Bei der Anleihefinanzierung kann es durchaus sein, dass Banken und Versicherungen teilweise nach einem Ersatz für Staatsfinanzierung suchen, so dass sich hier die Absatzmöglichkeiten für Unternehmensanleihen sogar verbessern könnten. Es ist nicht erkennbar, dass Banken ihre Kreditvergabe einschränken. Sie haben momentan keinen Grund dazu. Die Unternehmen stehen im Durchschnitt gut da, und die Banken brauchen das Geschäft.

Nach der letzten Finanzkrise ist die Kreditvergabe rigider geworden. Banken schränken sich zum Beispiel im Zuge der Vorbereitung auf Basel III ein. Wie schätzen Sie die langfristige Reaktion der Kreditinstitute auf die schwierigen Märkte in Europa und USA ein?

Eine nachhaltige Einschränkung der Kreditvergabe auf breiter Front war während der Krise nicht erkennbar. Eine Einschränkung der Kreditvergabe wegen Basel III ist auch nicht absehbar. Natürlich werden, wie im Vorfeld der Einführung von Basel II, düstere Szenarien über die Auswirkungen auf das Kreditgeschäft beschworen werden. Natürlich müssen sich die Banken stärker anstrengen um den verschärften Eigenkapitalvorschriften gerecht zu werden. Die Anhebungen bei der Eigenkapitalunterlegung sind jedoch moderat und die Übergangsfristen sind extrem lang. Damit haben die Banken genügend Zeit sich auf die Situation einzustellen. Warum sollten sie das Kreditgeschäft mit den Unternehmen stark einschränken, wenn es den Unternehmen gut geht und Kredite daher ein überschaubares Risiko darstellen? Es hat sich doch herausgestellt, dass auch alternative Anlagemöglichkeiten, wie z.B. der Kauf von Staatsanleihen, mit hohen Risiken behaftet sein können.

Wie schätzen Sie die Zinsentwicklung ein? Wird Geld jetzt teurer?

Kurzfristig ist das sicherlich nicht zu erwarten. Die Märkte werden angesichts der Turbulenzen ja gerade wieder mit Liquidität geflutet. Längerfristig aber, ist das Regime der Niedrigzinsen vermutlich dabei, sich zu verabschieden. Wenn alle Marktteilnehmer realisiert haben, dass die Welt grundsätzlich unsicher ist, müssen die Risikoprämien zunehmen und damit steigt das Zinsniveau an. Das hat zwar Nachteile für potentielle Schuldner, aber es hat auch Vorteile. Zu den Vorteilen gehört z.B. auch, dass Sparer wieder mehr für ihr Zurückgelegtes bekommen, und das ist für eine alternde Gesellschaft, die auf individuelle Selbstvorsorge in Form von Sparen angewiesen ist, ja nicht ganz unwichtig.

Viele Markbeobachter gehen davon aus, dass Banken und Regierungen die Herabstufung der USA und die europäische Schuldenkrise doch noch in den Griff bekommen, weil sie aus den letzten Krisen gelernt haben und jetzt konzentriert langfristig am Abbau der Schulden arbeiten werden. Es werde demnach wahrscheinlich zu keiner „Finanzkrise 2.0“ kommen. Was ist Ihre Meinung?

Wir sind noch in der Finanzkrise 1.0. Durch die Stützung von Banken und Realwirtschaft hat die Verschuldung der Staaten extrem zugenommen und nun haben wir es mit den Auswirkungen der Schuldenzunahme aufgrund von Stützungsmaßnahmen für das Finanzsystem zu tun. Es gibt keine Alternative zur Verminderung der jährlichen Staatsdefizite. Dazu müssen beide Seiten des Staatshaushaltes beitragen, die Einnahmeseite und die Ausgabeseite. Falls die Märkte bald erkennen können, dass die Staaten in dieser Hinsicht Fortschritte machen, wird sich die Lage wieder beruhigen.

Wie schätzen Sie die Reaktion der Unternehmen auf die Nachrichten aus den USA und Europa ein? Inwiefern ist es denkbar, dass Unternehmer geplante Investitionen jetzt verschieben?

Solange die Auftragsbücher voll sind und bleiben, besteht zumindest für deutsche Unternehmen kein Anlass zum Verschieben von Investitionen. Die Finanzierung von Investitionen dürfte oft schon gar einfacher geworden sein, da sich im Ausland die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Deutschland wieder ein attraktiver Investitionsstandort ist.

Werden jetzt Übernahmen und Transaktionen zurückgestellt, weil die Verunsicherung der Investoren zu groß ist?

Wenn die Aktienkurse sinken, leidet in der Regel das M&A Geschäft.

Der realen Wirtschaft geht es gut. Gerade jetzt müssten viele M&A-Geschäfte angegangen werden. Erwarten Sie, dass sich die Risikobereitschaft der Unternehmer durch die Finanzmarktturbulenzen trotz guter Konjunktur abschwächt?

In Zeiten sinkender Aktienkurse und starker Turbulenzen sind insbesondere fremdfinanzierte Übernahmen für den Übernehmer ein großes Risiko, siehe z.B. der Fall Schaeffler/Conti. Insofern erwarte ich bei den M&A-Aktivitäten Zurückhaltung, solange sich die Lage nicht beruhigt hat.

Wie schätzen Sie Prognosen ein, dass Raider die Situation von unter Wert gehandelten Firmen jetzt ausnutzen?

Auf dem deutschen Aktienmarkt besteht diese Gefahr momentan eher nicht. Auch potentielle Raider sind durch die Börsenschwäche wohl eher verunsichert, und warten vermutlich erst mal ab.

Prof. Dr. Dorothea Schäfer ist Forschungsdirektorin Finanzmärkte/Research Director Financial Markets, am DIW Berlin und Associate Professor of Jönköping International Business School/Jönköping University

Kommentare

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  1. Jost sagt:

    Es ist ja geradezu tragikomisch, dass jene Staatsvertreter, die die Banken am meisten für verkehrte Investments in Wertpapieren kritisiert und dann mittels Basel III, Bankenabgaben, Leerverkaufsverbote etc. pönalisieriert haben, nunmehr indigniert sind, dass Banken keine oder Staatsanleihen mehr kaufen. Im Übrigen haben die verschärften Bankenregularien durchaus ihre Schleifspuren bei der Kreditvergabe hinterlassen: es sind gerade die kleineren mittelständischen Unternehmen in Deutschland, die kaum noch Kredite erhalten, da Größe ja ein Effizienz- und Risikokriterium ist. Solchen Unternehmen bleibt als Ausweg oft nur Smava oder http://www.finpoint.de, um sich noch eine Finanzierung zu sichern. Vielleicht gibt es ja irgendwann eine elektronische Auktionsbörse für europäische Staatsanleihen!

  2. Jost sagt:

    Es ist ja geradezu tragikomisch, dass jene Staatsvertreter, die die Banken am meisten für verkehrte Investments in Wertpapieren kritisiert und dann mittels Basel III, Bankenabgaben, Leerverkaufsverbote etc. pönalisieriert haben, nunmehr indigniert sind, dass Banken keine oder Staatsanleihen mehr kaufen. Im Übrigen haben die verschärften Bankenregularien durchaus ihre Schleifspuren bei der Kreditvergabe hinterlassen: es sind gerade die kleineren mittelständischen Unternehmen in Deutschland, die kaum noch Kredite erhalten, da Größe ja ein Effizienz- und Risikokriterium ist. Solchen Unternehmen bleibt als Ausweg oft nur Smava oder http://www.finpoint.de, um sich noch eine Finanzierung zu sichern. Vielleicht gibt es ja irgendwann eine elektronische Auktionsbörse für europäische Staatsanleihen!

  3. Jost sagt:

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  4. Jost sagt:

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