Krawalle in Großbritannien: Das Feudalsystem explodiert

Gerechtigkeit, Einwanderung, Bildung: Die Briten haben in allen Bereichen versagt. Nun fliegt ihnen ein gesellschaftliches Konzept um die Ohren, in dem die Politik nur den Zweck hatte, die Privilegien einiger alter Geschlechter und den Profit kleiner, aber superreicher Eliten zu sichern.

Die blutigen Krawalle in Großbritannien sind keine Überraschung. Das Land hat seit Jahrzehnten dieselben Probleme: Jugendarbeitslosigkeit, hohe Kriminalität, mageres Wirtschaftswachstum. Erst kürzlich lieferte die OECD schlechte Zahlen: Das Wirtschaftswachstum im ersten Halbjahr 2011 hat Stagnationscharakter.

Die Ursachen der Misere sind vielfältig und einfach zugleich. Großbritannien hat sich strukturell nie wirklich vom schweren Erbe des „Empire“ emanzipiert. Immer noch zehrt die britische Politik von ihren hegemonialen Jahren. Das hat sie zu Pragmatikern und Internationalisten gemacht – zweifellos eine erfreuliche Entwicklung.

Dass jetzt in diesem vermeintlich gelassenen Land ein Flächenbrand auftritt, eine Massenkriminalität, eine ungeahnte Zerstörungswut – das hängt mit den einigen grundsätzlichen Irrtümern zusammen, die bis heute die britische Gesellschaft bestimmen. Sie alle haben ihre Wurzeln in der jahrhundertelangen monarchischen Tradition. Denn obwohl Großbritannien sich zu Recht als Mutterland der Demokratie fühl, so gibt es doch starke gesellschaftliche Barrieren.

Besonders sichtbar wird das bei den Bildung: Wer es nach Oxford oder Cambridge schafft, braucht sich um nichts mehr zu sorgen. Die Eliten vernetzen sich untereinander, auch über Generationen hinweg. Natürlich kann es jeder auf eine der Eliteschulen schaffen, theoretisch und praktisch. Finanziell ist es jedoch für eine durchschnittliche britische Familie kaum möglich, den Weg bis dorthin ohne dramatische Opfer zu beschreiten. Viele Familien verschulden sich, um ihren Kindern eine Bildung zu ermöglichen.

Diejenigen, die sich nicht verschulden können, bleiben vom sozialen Aufstieg ausgeschlossen. Das gilt im Besonderen für Migranten. Anders als in Deutschland gibt es eine knallharte Zwei-Klassen-Gesellschaft zwischen den „natives“ und den Migranten. „UK first“ ist ein ungeschriebenes, aber beinhart exekutiertes Gesetz, wenn es um Jobs geht. Das gilt nicht nur für ungelernte Arbeitskräfte. Auch ein Jurist, der in England studiert, findet sich stets am Ende der Reihe wieder. Vorgelassen wird allenfalls ein Quoten-Kandidat aus dem Commonwealth, am ehesten aus Bangladesch.

Ansonsten betrachten die Briten die Migranten mit einer Mischung aus Herablassung und Verachtung. Sie sollen die ihnen zugeteilten Dienste tun, ansonsten haben sie keine kulturelle Relevanz. Es ist nicht verwunderlich, dass die Briten die Polizei alles zutrauen, und sie so auch für den Tod des 29jährigen Marc Duggan verantwortlich machten – der Vorfall war der Auslöser der Krawalle.

Es ist auch kein Zufall, dass die Brutstätte der Attentäter vom 11. September in einem Londoner Milieu lag, in dem den Migranten zwar kein Hass entgegenschlug, aber doch jene snobistische Art der Verachtung, die Muslime besonders schmerzt.

Der Zwei-Klassen-Logik in der britischen Gesellschaft entspricht auch die Wirtschafts- und Sozialpolitik. Sie folgt dem Matthäus-Prinzip: Denen die haben, wird gegeben, denen die nichts haben wird auch noch das genommen. Auch Darwin war nicht zufällig Engländer. Das Gefälle zwischen Arm und Reich ist dramatisch: Nach einem Bericht der Regierung von 2010 ist das Vermögen der oberen zehn Prozent der Bevölkerung mehr als hundertmal so groß wie das der unteren zehn Prozent. Die Wohnungskosten sind explodiert, die öffentlichen Einrichtungen in Gesundheit und Transportwesen zeigen erschreckende Qualitätsmängel.

Nun plündern die Armen also die Städte. Sie raffen Plasma-Fernseher und Lebensmittel, und veranstalten eine egoistische Robin Hoodiade. Nichts von diesen kriminellen Taten kann gerechtfertigt werden. Das meiste jedoch hat seine Ursache in einem elitären gesellschaftlichen Rahmen – in dem noch dazu die Politiker dieselbe Raffgier zeigen wie das Volk. Die Korruptions-Skandale, in die hunderte Abgeordnete verwickelt sind, liegen nicht lange zurück.

Diesen ganzen Sumpf muss Premier Cameron trockenlegen. Erst dann wird auch die Wirtschaft wieder anspringen, kann ein solider Mittelstand entstehen, werden Arbeitsplätze geschaffen. Quite a challenge, indeed!

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