Schuldenkrise: Italien verliert den Glauben an sich selbst

Der italienische Finanzminister Tremonti hat die Einführung von Eurobonds gefordert. Offenbar glaubt Italien nicht mehr an die Rettung aus eigener Kraft. Eine heiße Woche an den Finanzmärkten kündigt sich an.

Giulio Tremonti genießt hohes Ansehen in der Finanzbranche. Er gilt als kühler Technokrat, als die Stimme der Vernunft hinter dem unberechenbaren Renaissance-Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Als es in kürzlich zu Gerüchten auf dem Markt kam, Tremonti könnte zurücktreten, war das Entsetzen groß, und prompt kam die Diskussion um eine bevorstehende Pleite Italiens auf. Nur durch eine umstrittene Rettungsaktion der Europäischen Zentralbank (EZB) konnte der ganz große Crash abgewendet werden. Mit Galgenhumor hatten Analysten bereits die Möglichkeit kommentiert, Berlusconi könne eines seiner Bunga-Bunga-Mädchen in die Tremontis Position hieven – so wie er es, ganz ohne Spaß, bereits bei mehreren wichtigen öffentlichen Ämtern gemacht hat.

Tremonti blieb zwar im Amt, die Intervention der EZB beruhigte die Märkte. Aber die Probleme verschwanden nicht. Dass Tremonti nun die Einführung der Eurobonds fordert bedeutet: Italien hat den Glauben an die Rettung aus eigener Kraft verloren. Zwar hat die Regierung Berlusconi unter dem Druck der Finanzmärkte zwei Sparpakete innerhalb kürzester Zeit beschlossen – aber selbst das zusätzliche erst am Freitag beschlossene, 45 Milliarden Euro schwere Programm reicht offenbar nicht.

Tremonti tritt nun mit einem dramatischen Appell an die Öffnetlichkeit. „Wir wären nicht da, wo wir jetzt sind, wenn wir Euro-Bonds gehabt hätten“, sagte Finanzminister Giulio Tremonti am Samstag. Tremonti hofft nun auf Einsicht in Berlin und Paris. Viel hänge davon ab, was nun über und für Europa beschlossen werde, sagte Tremonti in Anspielung auf das geplante Treffen von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy am kommenden Dienstag. Die besorgten Worte aus dem Munde Tremontis werden der Finanzcommunity einiges Kopfzerbrechen bereiten.

Die deutsche Reaktion kam prompt und zunächst ablehnend. Wirtschaftsminister Philipp Rösler und Finanzminister Wolfgang Schäuble lehnten den Vorstoß kategorisch ab – wohl vor allem im Hinblick auf die deutschen Wähler. Auch der Obmann der CDU/CSU-Fraktion im Bundestags-Finanzausschuss und Vorsitzender der CSU-Mittelstands-Union, Hans Michelbach, ist gegen eine Vergemeinschaftung der Schulden. Eine solche Maßnahme lege „die Axt an die Stabilität des Euro“.

Es wird sich zeigen, wie lange die Politik in Deutschland sich gegen Eurobonds sperren kann. Denn der Druck nimmt von allen Seiten zu. Schon am Samstag hatte der Investor George Soros die Einführung Eurobonds gefordert.

Der Markt habe „das Vertrauen verloren in die Gestaltungsfähigkeit der Politik“, sagte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, im Deutschlandfunk. Die Zahlungswilligkeit der Regierungen werde infrage gestellt. Wenn man so leichtfertig mit dem Vertrauen der Märkte umgehe, brauche man sich nicht über den Verlust des Vertrauens durch die Märkte zu wundern.

Und die Zahlen sprechen eindeutig gegen die Politik, zumindest gegen die in Italien. Die Analysten des britischen Wirtschaftsforschungs-Instituts CEBR kommen ihrer neuesten Untersuchung zu dem Ergebnis, dass die Explosion der italienischen Schulden die ebenfalls kämpfenden Spanier wie Musterschüler aussehen. Während Spanien auf eine Verschuldung von im schlechtesten Fall 75% kommt, droht den Italienern eine Schuldenquote von 150%.

Bleibt noch die Hoffnung auf die Reserven, die Italien in beträchtlichem Maß besitzt – und die sozusagen als Tafelsilber noch einmal in die Waagschale geworfen werden könnten. An der Notwendigkeit eines radikalen Umbaus der italienischen Staatsfinanzen würde allerdings auch eine solche Verzweiflungsmaßnahme nicht ändern.

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Kommentare

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  1. sebastian s. sagt:

    Karl Aiginger
    Europa – die wahren Probleme

    http://www.biallo.at/artikel/Recht_Steuer/karl-aiginger–europa-die-wahren-probleme.php

    Von Erwin J. Frasl
    Wachstumsschwäche, verdeckte Arbeitslosigkeit, überbürdende Staatsschulden – in der Europäischen Union gibt es zahlreiche Defizite. Ein Überblick.

  2. sebastian s. sagt:

    Karl Aiginger
    Europa – die wahren Probleme

    http://www.biallo.at/artikel/Recht_Steuer/karl-aiginger–europa-die-wahren-probleme.php

    Von Erwin J. Frasl
    Wachstumsschwäche, verdeckte Arbeitslosigkeit, überbürdende Staatsschulden – in der Europäischen Union gibt es zahlreiche Defizite. Ein Überblick.

  3. sebastian s. sagt:

    Karl Aiginger
    Europa – die wahren Probleme

    http://www.biallo.at/artikel/Recht_Steuer/karl-aiginger–europa-die-wahren-probleme.php

    Von Erwin J. Frasl
    Wachstumsschwäche, verdeckte Arbeitslosigkeit, überbürdende Staatsschulden – in der Europäischen Union gibt es zahlreiche Defizite. Ein Überblick.

  4. sebastian s. sagt:

    Karl Aiginger
    Europa – die wahren Probleme

    http://www.biallo.at/artikel/Recht_Steuer/karl-aiginger–europa-die-wahren-probleme.php

    Von Erwin J. Frasl
    Wachstumsschwäche, verdeckte Arbeitslosigkeit, überbürdende Staatsschulden – in der Europäischen Union gibt es zahlreiche Defizite. Ein Überblick.

  5. Und die Deutschen? sagt:

    Haben auch den Glauben an sich selbst verloren und haben die Verantwortung für ihr Schicksal der Merkel übertragen. Apathie statt Rebellion!

  6. Und die Deutschen? sagt:

    Haben auch den Glauben an sich selbst verloren und haben die Verantwortung für ihr Schicksal der Merkel übertragen. Apathie statt Rebellion!