„Dies ist eine Bankenkrise, keine Liquiditätskrise“

Während sich die europäische Politik in neuen visionären Gedankenspielen über eine Wirtschaftsregierung verliert, sieht einer der Gründer der türkischen Zentralbank den Minsky-Moment gekommen: Ein Crash in Zeiten des Booms.

Eurobonds oder Wirtschaftsregierung? Ganz Europa jagt nach Antworten auf die Ursachen für die sich abzeichnende nächste Wirtschaftskrise. Während Politik und Wirtschaft versuchen, sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuzuschieben, kommen Geldmarktexperten zu ganz anderen, wenig überraschenden Schlüssen: „Es liegt an den Banken“, sagt Güven Sak. Sak war Gründungsmitglied des Geldpolitikausschusses der Türkischen Zentralbank und leitet heute den wirtschaftspolitischen Thinktank TEPAV in Ankara. Sak in einem Interview mit den Deutsch Türkischen Nachrichten: „Die laxen Offenlegungsanforderungen und der Mangel an Regulierung sind die wahren Übeltäter in einer Zeit, in der die Privatverschuldung massiv wächst. Unregulierte Finanzmärkte führen zu Instabilität. Dies ist der Minsky-Moment – also eine plötzliche Krise trotz boomender Wirtschaft – der entwickelten Welt.“

Sak hält gesunde Finanzmärke für unerlässlich, damit auch die Realwirtschaft funktionieren kann. Dazu müsse das Bankensystem reformiert werden. Die Staatsverschuldung sei eine Folge der zu hohen privaten Verschuldung, die wiederum von den Banken als Geschäftsmodell betrieben wurde. Das war deutlich in der verantwortungslosen Praxis der Vergabe der Subprime-Kredite zur Aufblähung des US-Immobilienmarktes zu sehen gewesen. Angetrieben durch die Niedrigzins-Politik von Alan Greenspan war eine Spirale in Gang gesetzt worden, die am Ende nicht mehr zu stoppen war.

Die Türkei hat bei Bankenkrisen ihre eigne Erfahrungen. Die bislang letzte war in den Jahren 2000-2001. Ursache war nach Saks Darstellung die Tatsache, dass „der Anteil der Verschuldung am Bruttoinlandsprodukt über 100% anwuchs“.

Daher sei das Pumpen von Geld in den Markt zum gegenwärtigen Zeitpunkt das falsche Signal. Sak: „Liquiditätsmaßnahmen führen nicht zu langfristigen Lösungen. Dies ist eine Bankenkrise und keine Liquiditätskrise. Ein Bankensystem mit Liquidität zu versorgen, das sich in einer Krise befindet, ist völlig nutzlos. Es hilft, sich irgendwie durchzumogeln. Aber in Wirklichkeit ist es so, als ob man Wasser in einen Eimer mit Loch gießt, und sich wundert, dass er nicht voll wird.“

Statt kopflos weitere Rettungspakete zu schnüren müsse das „strukturelle Problem“ in Europa gelöst werden: „Es geht darum, ein Konzept für die Lücken in den Bilanzen der wichtigen europäischen Zentralbanken zu finden. Ohne massive Refinanzierung wird das langfristig nicht möglich sein. Nicht zuletzt die Vergrößerung der EU hat einen Schuldenberg innerhalb der Bankbilanzen kreiert, und der muss nun beseitigt werden. Dabei steht Europa eindeutig schlechter da als die USA.“

Den gegenwärtigen Aktionismus der EU-Staaten hält Sak für nicht zielführend: „Während man also in Europa versucht, sich durch die Staatsverschuldungsproblematik hindurch zu fummeln und alle möglichen gemeinsamen finanzpolitischen Lösungen diskutiert, treten natürlich neue Probleme auf.“

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Kommentare

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  1. Albert Albern sagt:

    Gute Gedanken!
    Nur der Satz:
    „Die Staatsverschuldung sei eine Folge der zu hohen privaten Verschuldung,“
    ist schwer nachvollziehbar. (Vielleicht ein Übersetzungsproblem?)

    Die Staatsverschuldung verläuft parallel zur Privatverschuldung, muss aber gar nicht so verlaufen. Der Staat hat viele Aufgaben und nimmt sich auch neue vor, die irgendwie finanziert werden müssen. Deswegen muss sich der Staat auch um EINAHMEN kümmern, wie jedes anständiges Unternehmen…

    Dass die Ausgaben des Staates für die Wirtschaft wohltuend sind, weiß wahrscheinlich selbst ein Kleinunternehmer, wenn er in der Schule die Wände neu streichen darf…

  2. Albert Albern sagt:

    Gute Gedanken!
    Nur der Satz:
    „Die Staatsverschuldung sei eine Folge der zu hohen privaten Verschuldung,“
    ist schwer nachvollziehbar. (Vielleicht ein Übersetzungsproblem?)

    Die Staatsverschuldung verläuft parallel zur Privatverschuldung, muss aber gar nicht so verlaufen. Der Staat hat viele Aufgaben und nimmt sich auch neue vor, die irgendwie finanziert werden müssen. Deswegen muss sich der Staat auch um EINAHMEN kümmern, wie jedes anständiges Unternehmen…

    Dass die Ausgaben des Staates für die Wirtschaft wohltuend sind, weiß wahrscheinlich selbst ein Kleinunternehmer, wenn er in der Schule die Wände neu streichen darf…