Max Otte: „Wir haben eine latente, schwelende Bankenkrise“

Für den Finanz- und Wirtschaftswissenschaftler Max Otte ist die Lage der europäischen Banken nicht erfreulich. Im Interview mit den Deutschen Mittelstands Nachrichten sagt er: Die Banken vertrauen darauf, dass sie „im Zweifelsfalle gerettet werden“. Das größte Problem für die Politik sieht er darin, dass „wir die derzeitige Situation nur durch grenzenlose Liquidität retten können“. Für Konjunkturmaßnahmen und andere Formen zur Förderung des Mittelstands hätten wir jedoch „langsam unser Pulver verschossen“.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Wer treibt in der Krise eigentlich wen? Die Politik oder die Finanzwirtschaft? Und: Wie stark sind die Banken mit den Regierungen verbandelt?

Max Otte: Im Moment bestimmen die Investmentbanken die Politik. Investmentbanken wie die Deutsche Bank sind primär keine Kredit gebenden Banken und auch keine Investmentgesellschaften, die langfristig Vermögen investieren. Das ist Finanzoligarchie, die Politik rennt diesen Akteuren hinterher. Zum Schaden übrigens der klassischen Banken, die Mittelstandsgeschäfte und Mittelstandsfinanzierung betreiben. Wir haben gerade Regeln, die die Spekulation begünstigen und die Mittelstandsfinanzierung benachteiligen und zwar massiv.

Die Eurokrise nimmt ein immer größeres Ausmaß an, stehen wir kurz vor einer erneuten Bankenkrise?

Max Otte: Wir haben ja eine latente, schwelende Bankenkrise, nur werden wir nicht mehr so ein gegenseitiges Misstrauen erleben wie Ende 2008. Damals hatte die Panik die Banken getrieben. Alle wissen heute, dass sie im Zweifelsfalle gerettet werden. Es wird andere Verhaltensmuster geben: Man wird auf Scheingeschäfte ausweichen, aber es wird aus meiner Sicht nicht mehr zu Einfrieren der Finanzmärkte kommen. Man hat jetzt gelernt, dass man das vermeiden kann. So etwas wie 2008 ist sehr unwahrscheinlich.

Ist das positiv?

Max Otte: Grundsätzlich ja. Negativ ist natürlich, dass wir die derzeitige Situation nur noch durch grenzenlose Liquidität retten können. Aber für konjunkturpolitische und sonstige Maßnahmen haben wir langsam unser Pulver verschossen. Die Staaten stehen jetzt an den Grenzen dessen, was sie real an Schulden aufnehmen können. Die Hoffnung ist nun, dass wir die Schulden durch Inflation loswerden. Der jetzige Weg des Sparens wird auf Dauer jedenfalls nicht funktionieren.

Wieso legen denn dann so viele europäische Banken ihr Geld auf Konten der Europäischen Zentralbank (EZB) an, wo sie nur niedrige Zinsen erhalten?

Max Otte: Dieses Verhalten zeigt die angesprochene Liquidität, da das Geld noch verzinst ist. Sie könnten ihre Gelder zwar auch im eigenen Haus belassen, würden so aber keinerlei Zinsen erhalten. Das ist die einzige Möglichkeit für Sie, wirklich risikofrei Geld anzulegen und ist die Reaktion darauf, dass sie liquide bleiben wollen.

Welche europäischen Banken sind bereits aufgrund der Eurokrise stark angeschlagen?

Max Otte: Die Commerzbank in Deutschland ist wahrscheinlich insolvent, sie versteckt es nur. Die Reaktion der Politik nach 2008 zeigte, dass man es auch gar nicht so genau wissen will und die Stresstests sind natürlich auch nur ein sehr unvollkommenes Mittel. Aber auch die Banken in den Randstaaten: Im Prinzip sind es alle italienischen und portugiesischen Banken, aber auch die französischen Banken. Wobei es bei den italienischen Banken zum Teil ungerechtfertigt ist, weil die Rating-Agenturen eben auch ungerechtfertigte Noten vergeben wie bei den USA.

Warum belassen außer Standard & Poor’s die Rating-Agenturen die USA noch bei „Triple A“?

Max Otte: Sie sind natürlich nicht objektiv. Die Rating-Agenturen sind letztlich Behörden, auch wenn sie privatwirtschaftlich geführt werden. Die USA sind, sagen wir mal, national und chauvinistisch aufgestellt, für einen Amerikaner sind die USA immer das Größte. In den Rating-Agenturen, die in den USA sitzen, gibt es eben keine Menschen, die in irgendeiner Form für sich in Anspruch nehmen, alternative Szenarien zu entwickeln. Das sind Leute, die sich der Lage anpassen. Der Kongress hat ja damals schon allein auf die reinen Ankündigungen der S&P empört reagiert, also belässt man es lieber beim Alten.

Ist das so üblich?

Max Otte: Ja, vorher hat ja auch keine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft irgendeiner Bank in den USA oder in Europa das Testat versagt. Der ökonomische Nutzen der großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und der Rating-Agenturen geht gegen null. Und manchmal richten sie eben auch noch Schaden an, das ist Finanzsozialismus. Wenn wir die diese nicht hätten, wäre so manche Bank vorsichtiger mit Griechenland-Bonds und amerikanischen Zockerprodukten umgegangen.

Und wie werten Sie die Käufe von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank?

Max Otte: Das ist in dieser Situation eine verständliche Notreaktion und bedeutet für die EZB einen Machtzuwachs. Es gibt ja auch nicht so viele andere Politikinstrumente. Aber es ist natürlich wieder mal ein geldpolitischer Sündenfall und wir bewegen uns mehr und mehr weg vom sauberen Zentral-Banking. Die Notenbanken sollten Geldpolitik machen und keine Fiskalpolitik.

Wären die vielfach geforderten Euro-Bonds eine sinnvolle Maßnahme?

Max Otte: Man kann das mit Euro-Bonds machen, aber nur, wenn man die andere Seite berücksichtigt, indem man wirklich gegen Sünder vorgeht. Und eben nicht so, dass man über Brüssel Kontrolleure nach Griechenland schickt. Wir wären so ein Diktat aus Brüssel und das ist extrem undemokratisch. Wir könnten Euro-Bonds durchaus machen, wenn wir etliche der Randstaaten vorher aus dem Euro rausschmeißen würden.

An wen denken Sie da?

Max Otte: Griechenland, Irland, Portugal und Spanien.

Kann eine europäische Wirtschaftsregierung etwas bewirken, wie jetzt von Merkel und Sarkozy vorgeschlagen?

Max Otte: Nein. so etwas kommt am Ende des Prozesses und nicht am Anfang. Da wird nur eine Show gemacht, ohne die Sachfragen zu lösen.

Was schlagen Sie also vor?

Max Otte: Das Wichtigste wäre ein Schuldenschnitt für die Randstaaten und raus mit ihnen aus dem Euro.

Das Gespräch mit Max Otto führte Anika Schwalbe.

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