Italien: Von der Krise unberührt blüht die Schattenwirtschaft

Der italienische Mittelstand seht vor großen Veränderungen: Viel alte Patriarchen scheuen Risiken, zu viele junge Italiener sind arbeitslos. Was beim fünftwichtigsten Handelspartner Deutschlands jedoch weiter klaglos funktioniert ist jener Teil der Wirtschaft, der aus Prinzip keine Steuern und Abgaben zahlt.

Italien ist der fünftwichtigste Handelspartner Deutschlands. 2010 wurden allein nach Italien Waren im Wert von 58 Milliarden Euro exportiert. Doch wie steht es um Deutschlands Handelspartner wirklich? 2009 hatten mittelständische Unternehmen mit einem Jahresumsatz bis 50 Millionen Euro einen Anteil von 21,5 Prozent am Exportvolumen der gesamten deutschen Volkswirtschaft, das sich auf rund 177 Milliarden Euro belief. Zumal italienische Waren im Wert von fast 44 Milliarden Euro nach Deutschland importiert wurden. Das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn (IfW Bonn) geht davon aus, dass mindestens ein Fünftel des deutschen Exports in diese Länder auf mittelständische Unternehmen zurückgeht.

Diese engen wirtschaftlichen Verbindungen zeigten sich bereits nach der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise Ende 2008. „Die rasche Überwindung der Krise durch die deutsche Exportwirtschaft hat der italienischen verarbeitenden Industrie erheblich geholfen, die Krise ihrerseits zu überwinden“, sagt Siegfried Breuer Italien-Korrespondent von Germany Trade & Invest, der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing. Vor allem in Italiens verarbeitender Industrie profitierte man auch in diesem Jahr von der guten Auftragslage in Deutschland. Ein Großteil der Aufträge an deutsche Unternehmen wurden an italienische Unternehmen untervergeben.

Auswirkungen auf die italienische Wirtschaft und somit auch auf den deutschen Mittelstand wird nach Siegfried Breuer von Germany Trade & Invest (GTAI) vermutlich das beschlossene Sparprogramm haben. Bis 2012 soll das Haushaltsdefizit auf 1,4 Prozent gesenkt werden und ab 2013 ist ein neutraler Haushalt angestrebt. Ob sich dieses Sparprogramm jedoch letztlich durchsetzen kann, daran zweifelt Breuer stark. Aktuell seien Branchen wie beispielsweise der Bau von Spezialmaschinen, die Bekleidungsindustrie und der Nahrungsmittelsektor jedoch noch immer stark und könnten es sehr gut mit der internationalen Konkurrenz aufnehmen. Auch Firmen wie Solon Se bestätigen, dass die Eurokrise ihr Geschäft mit Italien bisher nicht beeinträchtigt hat. So sieht Siegfried Breuer in Italien noch kein akutes Finanzproblem: „Erst in dem Moment, wo die Zinsen ansteigen, wird diese wahnsinnige Schuldenquote von 120% mittelfristig gefährlich. Was Italien jedoch hat ist ein Wachstumsproblem.“ In diesem Jahr wird Italien ein maximales Wirtschaftswachstum von einem Prozent erreichen.

Die italienische Wirtschaft sieht sich mittelfristig aber zwei anderen, gewaltigen Strukturproblemen gegenüber. Ähnlich wie in Deutschland bildet auch der italienische Mittelstand das Rückgrat der Wirtschaft. Allerdings sind die Unternehmen generell kleiner als in Deutschland. Meist handelt es sich um Familienunternehmen, die zum großen Teil von den 70 oder auch 80 Jahre alten Familienoberhäuptern geführt werden und die Jungen nicht mit einbeziehen. „Diese Unternehmen investieren nicht unbedingt in Expansion und wollen eigentlich gar nicht groß wachsen, sondern versuchen, ihr Familienrisiko möglichst gering zu halten“, so Breuer. Ein zweites zentrales Problem ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit von 30 Prozent, „weil der Arbeitsmarkt blockiert ist von denen, die drin sind.“ Ohne Beziehungen finde heute kein Jugendlicher oder junger Akademiker eine Anstellung.

So hat die italienische Wirtschaft mittlerweile still und heimlich ein anderes Rückgrat gekommen: Dieses ist nach Aussage des GTAI-Experten Breuer die Schattenwirtschaft. Mit einiger Berechtigung kann man eigentlich davon ausgehen, dass jene Wirtschaft, die keine Steuern und Sozialabgaben zahlt, weitgehend unbeeinflusst von der offiziellen Konjunktur funktioniert und somit als stabilisierender Faktor agiert. Erst kürzlich war bekanntgeworden, dass dem italienischen Staat Milliarden durch Steuerhinterziehung entgehen. (mehr hier)

So könnte das italienische Beispiel unter Umständen auch in anderen Ländern Schule machen: Dass nämlich klammheimlich Parallelstrukturen entstehen, die nur deshalb funktionieren, weil sie sich aus allen gemeinschaftlichen Strukturen der staatlichen Organisation ausklinken.

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