Austritt Deutschlands: „Ein Weg, das Ungleichgewicht in der Eurozone zu beseitigen“

Das Problem der Eurozone ist das Auseinanderklaffen von politischem Willen und wirtschaftlicher Realität. Für den UBS-Ökonomen Gerit Heinz ist die Krise nur mit radikalen Schnitten lösbar. Ein Interview.

Vor exakt einem Jahr sprachen die Deutschen Mittelstands Nachrichten mit Gerit Heinz von der UBS Deutschland AG über Ungleichgewichte in der Eurozone. Damals hatte die UBS Research in einer Analyse der Eurozone festgestellt: Deutschland ist zu stark für die Euro-Zone, nur ein Austritt Deutschlands könne den Euro retten. Die aktuelle Entwicklung bestätigt die UBS-Daten. Und Gerit Heinz hält die Lage für unverändert schwierig. Ökonomisch gesehen sieht er nur zwei Alternativen: Den Austritt Deutschlands aus dem Euro oder die teilweise Aufgabe der fiskalischen Souveränität in den Nationalstaaten Europas.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Herr Heinz, vor einem Jahr sagten Sie, es gäbe ein großes Ungleichgewicht zwischen Deutschland und den anderen Staaten der Eurozone. Warum ist Deutschland trotz der Krise 2008 noch immer das wirtschaftlich stärkste Land in der Eurozone?

Gerit Heinz: Deutschland besitzt eine extrem wettbewerbsfähige Wirtschaft, hat auf Lohnkostenzurückhaltung geachtet, strukturelle Reformen in die Wege geleitet und natürlich auch international gefragte Produkte exportiert. Ich glaube wichtig ist, dass Deutschland nicht nur in die Eurozone exportiert, sondern auch in andere Länder. Exporte in Schwellenländer etwa machen 28% des deutschen Exportvolumens aus. Die Summe dieser Maßnahmen lässt Deutschland noch immer vergleichsweise gut dastehen. Dennoch hat die enttäuschende Wachstumsrate des zweiten Quartals deutlich gezeigt, dass auch Deutschland sich nicht von etwaigen Schwächetendenzen in der Weltwirtschaft abkoppeln kann.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Gibt es überhaupt Länder in der Eurozone, die annähernd an die wirtschaftliche Kraft Deutschlands heranreichen könnten?

Gerit Heinz: Die Wirtschaftsstrukturen der einzelnen Länder in der Eurozone sind im Grunde recht unterschiedlich. Sicherlich gibt es Länder, die ähnlich strukturiert sind, wie Deutschland. Aber grundsätzlich ist die Wirtschaft in der Eurozone generell ein sehr heterogenes Gebilde.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Also kann es kein Land der Euroländer mit der wirtschaftlichen Kraft Deutschlands aufnehmen?

 

Gerit Heinz: Die wirtschaftliche Struktur Deutschlands ist über Jahrzehnte hinweg gewachsen. Unsere Industrie war immer exportorientiert. In anderen Ländern findet sich das zum Teil auch. Grundsätzlich besteht natürlich für alle Länder die Möglichkeit Arbeitsmarktreformen durchzuführen. Allerdings verdeckt die Wachstumsstärke in diesem und im letzten Jahr ein wenig den Blick darauf, dass das langfristige Wachstum in Deutschland in den letzten Jahren eigentlich eher schwächer war als in anderen Ländern. Besonders hinsichtlich unserer demographischen Herausforderungen, die es in anderen Ländern wie Frankreich so nicht gibt, wird das langfristige Wachstum eher tief sein.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Damals sagten Sie auch, dass es für alle Beteiligten am besten wäre, wenn Deutschland aus dem Euro ausscheiden würde. Vertreten Sie diese Ansicht noch immer?

Gerit Heinz: Unsere Recherchen ergaben damals, dass das große Ungleichgewicht in der Eurozone zwischen Deutschland und den meisten anderen Ländern besteht und die Situation nicht dadurch gelöst wird, dass ein kleines Land wie Griechenland austreten würde. Aber ein Austritt Deutschlands ist in der Realität natürlich nur schwer vorstellbar. Wir hätten dann beispielsweise das Problem, dass Deutschland und Frankreich sich in zwei verschiedenen Lagern wiederfinden würden. Zudem ist der Euro ein politisches Projekt und kein ökonomisches. Insofern sollte die Aussage damals nur das große Ungleichgewicht illustrieren und das gilt nach wie vor. Durch das stärkere Wachstum Deutschlands ist das Ungleichgewicht nicht kleiner geworden.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Theoretisch wäre es aber am besten?

Gerit Heinz: Es wäre ein Weg, das Ungleichgewicht in der Eurozone zu beseitigen, allerdings ist das wie gesagt politisch schwer vorstellbar und hätte natürlich auch negative Folgen für die deutsche Wirtschaft, deren Waren sich in der verbleibenden Eurozone und auch außerhalb der Eurozone deutlich verteuern würden.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Aber ist es nicht so, dass Deutschland gerade von den Schwächen der anderen Euroländer profitiert?

Gerit Heinz: Sicherlich, was die deutsche Exportindustrie angeht. Auf der anderen Seite muss man jedoch auch sehen, dass die Leistungsbilanzüberschüsse hierzulande auch zur Defizitfinanzierung in anderen Ländern beitragen. Mit der Folge, dass Deutschland natürlich auch wieder von der Schuldenkrise betroffen ist. Die entsprechenden Kredite und Anleihen der schwächeren Länder aufgenommen werden, finden sich eben in den Bilanzen deutscher Finanzinstitute oder privater Anleger wieder.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Einerseits sagt man, die Eurozone wäre aus politischen Motiven heraus geschaffen worden, andererseits beschwert man sich, dass die Politiker mit ihren derzeitigen Maßnahmen eher von den Finanzmärkten getrieben werden. Wie stellt sich die Situation für Sie dar?

Gerit Heinz: Wir haben zu Beginn der Eurozone ein Angleichen der Zinssätze erlebt, die jetzt wieder auseinandergehen. Natürlich wird der ein oder andere sagen, die Finanzmärkte würden hier die Politik treiben. Auf der anderen Seite denke ich, kann man auch sehr gut argumentieren, dass die Finanzmärkte momentan schlechtes Haushalten sanktionieren, in dem sie schlicht und ergreifend von denjenigen, die über ihre Verhältnisse gelebt haben und günstige Zinssätze im Wesentlichen zum staatlichen und privaten Konsum verwendet haben, entsprechende Sparmaßnahmen einfordern. Ich glaube das hat tatsächlich auch etwas Positives. Die jüngsten Sparmaßnahmen, die in Spanien oder Italien beschlossen worden sind, sind wahrscheinlich nur so drastisch ausgefallen, weil die Finanzmärkte durch das Verlangen höherer Zinssätze das Signal gesendet haben, dass man hier eine entsprechend stärkere Konsolidierung möchte.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Damals schlugen Sie vor, dass sich Deutschland auf den Binnenmarkt und die anderen Länder sich auf den Export konzentrieren sollten – ist das auch heute eine Lösung?

Gerit Heinz: Das Positive für Deutschland wäre auf der einen Seite, dass die Wachstumsschwankungen etwas reduziert würden und man sich dadurch ein bisschen von der Weltkonjunktur abkoppeln könnte. Auf der anderen Seite würde es aber auch dazu beitragen, dass die Länder in der Peripherie ihre Defizite abbauen könnten. So dass das Ungleichgewicht etwas schrumpfen würde. Diese theoretische Überlegung ist in der Praxis aber auch wieder sehr schwierig umzusetzen. So etwas kann natürlich nicht verordnet werden, zumal die Struktur der deutschen Wirtschaft über Jahrzehnte gewachsen ist und sich nicht einfach schnell ändern lässt. Insofern ist es sicher notwendig, auf mittlere und lange und Sicht in der Eurozone andere Ausgleichsmechanismen zu finden.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Welche könnten das sein?

Gerit Heinz: Ich glaube, die Politik in der Eurozone muss sich die Frage stellen, wohin sie gehen möchte. Wenn sie die Eurozone in dieser Form erhalten möchten, führt über kurz oder lang kein Weg an einer fiskalischen Koordinierung der Wirtschafts- und Finanzpolitik vorbei, um die Ungleichgewichte zu beseitigen oder zumindest auszugleichen. Ohne einen solchen Ausgleich lässt sich die Eurozone langfristig so nicht halten.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Wäre die von Kanzlerin Merkel und Sarkozy vorgeschlagene Wirtschaftsregierung eine Lösung?

Gerit Heinz: Das ist ja noch vergleichsweise unkonkret. Es ist sicherlich ein Schritt, der in irgendeiner Weise auf eine Fiskalunion hindeuten kann. Am Ende kann die ultimative Lösung der Probleme der Eurozone in dieser Zusammensetzung nur die fiskalische Integration sein. Insofern ist es ein Schritt in die Richtung, aber eben nur ein Schritt.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Was wäre ein deutlicherer Schritt?

Gerit Heinz: Letzten Endes, und das ist auch wiederum nur eine Frage der politischen Praxis, müssten Länder fiskalpolitische Kompetenzen an eine supranationale Institution abgegeben, es müsste eine Konsolidierung der Wirtschafts- und Finanzpolitik stattfinden und damit auch eine teilweise Aufgabe der fiskalischen Souveränität.

Gerit Heinz ist Leiter der Wealth Management Research bei der UBS Deutschland AG.

Das Gespräch führte Anika Schwalbe.

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Kommentare

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  1. spontaner Gast sagt:

    Einen hohen Anteil an den jetzigen Zuständigen im Rahmen des Euro und auch der ausufernden Staatsverschuldung trägt das Bundesverfassungsgericht,

    das über Jahrzehnte hinweg alle Gesetzesverstößte, wenn es ums Schuldenmachen und um Europa ging durchgewunken hat,

    ohne an die kommenden Generationen zu denken.

    Kommende Generationen werden in der Schule lernen, dass es das Bundesverfassungsgericht war, das Schmiere bei der Zerstörung der Demokratie in Deutschland gestanden hat.

    Das Bundesverfassungsgericht hätte den Anfängen wehren sollen, es hätte den Weg in die Staatsverschuldung verhindern und die Aushebelung der Demokratie im Rahmen einer EUdSSR verbieten müssen; es hatte die Chance dazu. Aber leider waren und sind die Verfassungsrichter nur brave System-Mitläufer, die glauben, ihre Pensionen wären sicher und nach ihnen die Sintflut.

  2. spontaner Gast sagt:

    Einen hohen Anteil an den jetzigen Zuständigen im Rahmen des Euro und auch der ausufernden Staatsverschuldung trägt das Bundesverfassungsgericht,

    das über Jahrzehnte hinweg alle Gesetzesverstößte, wenn es ums Schuldenmachen und um Europa ging durchgewunken hat,

    ohne an die kommenden Generationen zu denken.

    Kommende Generationen werden in der Schule lernen, dass es das Bundesverfassungsgericht war, das Schmiere bei der Zerstörung der Demokratie in Deutschland gestanden hat.

    Das Bundesverfassungsgericht hätte den Anfängen wehren sollen, es hätte den Weg in die Staatsverschuldung verhindern und die Aushebelung der Demokratie im Rahmen einer EUdSSR verbieten müssen; es hatte die Chance dazu. Aber leider waren und sind die Verfassungsrichter nur brave System-Mitläufer, die glauben, ihre Pensionen wären sicher und nach ihnen die Sintflut.

  3. spontaner Gast sagt:

    Einen hohen Anteil an den jetzigen Zuständigen im Rahmen des Euro und auch der ausufernden Staatsverschuldung trägt das Bundesverfassungsgericht,

    das über Jahrzehnte hinweg alle Gesetzesverstößte, wenn es ums Schuldenmachen und um Europa ging durchgewunken hat,

    ohne an die kommenden Generationen zu denken.

    Kommende Generationen werden in der Schule lernen, dass es das Bundesverfassungsgericht war, das Schmiere bei der Zerstörung der Demokratie in Deutschland gestanden hat.

    Das Bundesverfassungsgericht hätte den Anfängen wehren sollen, es hätte den Weg in die Staatsverschuldung verhindern und die Aushebelung der Demokratie im Rahmen einer EUdSSR verbieten müssen; es hatte die Chance dazu. Aber leider waren und sind die Verfassungsrichter nur brave System-Mitläufer, die glauben, ihre Pensionen wären sicher und nach ihnen die Sintflut.

  4. spontaner Gast sagt:

    Einen hohen Anteil an den jetzigen Zuständigen im Rahmen des Euro und auch der ausufernden Staatsverschuldung trägt das Bundesverfassungsgericht,

    das über Jahrzehnte hinweg alle Gesetzesverstößte, wenn es ums Schuldenmachen und um Europa ging durchgewunken hat,

    ohne an die kommenden Generationen zu denken.

    Kommende Generationen werden in der Schule lernen, dass es das Bundesverfassungsgericht war, das Schmiere bei der Zerstörung der Demokratie in Deutschland gestanden hat.

    Das Bundesverfassungsgericht hätte den Anfängen wehren sollen, es hätte den Weg in die Staatsverschuldung verhindern und die Aushebelung der Demokratie im Rahmen einer EUdSSR verbieten müssen; es hatte die Chance dazu. Aber leider waren und sind die Verfassungsrichter nur brave System-Mitläufer, die glauben, ihre Pensionen wären sicher und nach ihnen die Sintflut.

  5. nk sagt:

    Euro-Theater: Man stelle sich vor, ein Student würde einen Leoparden, einen Elefanten und eine Schildkröte sowie weitere 13 Tiere vom Rennpferd über den Wind-hund bis zum Regenwurm an ein Seil binden und dann zu versuchen, diesen »Konvoi« im Gleichschritt »in Marsch zu setzen«. Wie schnell würde er wohl von der Uni fliegen?

    Was real nie funktionieren kann, wird aber seit Jahren mit der politischen Brechstange versucht nach dem Motto: »Gleichgültig, ob die Viecher krepieren, Hauptsache, das Seil bleibt ganz«. Das Theater funktioniert aber nicht mehr lange, und es stellt sich deshalb für viele heute nicht mehr die Frage ob, sondern wann der Euro »platzt« und damit auch der EU-Wahnsinn begraben wird. (Besser noch feuerbestatten, sonst besteht Exhumie-rungsgefahr!)

  6. nk sagt:

    Euro-Theater: Man stelle sich vor, ein Student würde einen Leoparden, einen Elefanten und eine Schildkröte sowie weitere 13 Tiere vom Rennpferd über den Wind-hund bis zum Regenwurm an ein Seil binden und dann zu versuchen, diesen »Konvoi« im Gleichschritt »in Marsch zu setzen«. Wie schnell würde er wohl von der Uni fliegen?

    Was real nie funktionieren kann, wird aber seit Jahren mit der politischen Brechstange versucht nach dem Motto: »Gleichgültig, ob die Viecher krepieren, Hauptsache, das Seil bleibt ganz«. Das Theater funktioniert aber nicht mehr lange, und es stellt sich deshalb für viele heute nicht mehr die Frage ob, sondern wann der Euro »platzt« und damit auch der EU-Wahnsinn begraben wird. (Besser noch feuerbestatten, sonst besteht Exhumie-rungsgefahr!)

  7. nk sagt:

    Euro-Theater: Man stelle sich vor, ein Student würde einen Leoparden, einen Elefanten und eine Schildkröte sowie weitere 13 Tiere vom Rennpferd über den Wind-hund bis zum Regenwurm an ein Seil binden und dann zu versuchen, diesen »Konvoi« im Gleichschritt »in Marsch zu setzen«. Wie schnell würde er wohl von der Uni fliegen?

    Was real nie funktionieren kann, wird aber seit Jahren mit der politischen Brechstange versucht nach dem Motto: »Gleichgültig, ob die Viecher krepieren, Hauptsache, das Seil bleibt ganz«. Das Theater funktioniert aber nicht mehr lange, und es stellt sich deshalb für viele heute nicht mehr die Frage ob, sondern wann der Euro »platzt« und damit auch der EU-Wahnsinn begraben wird. (Besser noch feuerbestatten, sonst besteht Exhumie-rungsgefahr!)

  8. nk sagt:

    Euro-Theater: Man stelle sich vor, ein Student würde einen Leoparden, einen Elefanten und eine Schildkröte sowie weitere 13 Tiere vom Rennpferd über den Wind-hund bis zum Regenwurm an ein Seil binden und dann zu versuchen, diesen »Konvoi« im Gleichschritt »in Marsch zu setzen«. Wie schnell würde er wohl von der Uni fliegen?

    Was real nie funktionieren kann, wird aber seit Jahren mit der politischen Brechstange versucht nach dem Motto: »Gleichgültig, ob die Viecher krepieren, Hauptsache, das Seil bleibt ganz«. Das Theater funktioniert aber nicht mehr lange, und es stellt sich deshalb für viele heute nicht mehr die Frage ob, sondern wann der Euro »platzt« und damit auch der EU-Wahnsinn begraben wird. (Besser noch feuerbestatten, sonst besteht Exhumie-rungsgefahr!)