Leimer: "Innovation ist nur mit einer unternehmerischen Vision möglich"

Axel Leimer ist Managing Director bei der AMSilk GmbH - einem Unternehmen das von der Technischen Universität München gegründet wurde. Mit den Deutschen Mittelstands Nachrichten hat er darüber gesprochen, warum Universitäten nicht öfter Unternehmen Gründen und wie sich Universitäten und andere Anteilshaber in der privaten Wirtschaft unterscheiden.

Axel Leimer ist Managing Director bei der AMSilk GmbH – einem Unternehmen das von der Technischen Universität München gegründet wurde. Mit den Deutschen Mittelstands Nachrichten hat er darüber gesprochen, warum Universitäten nicht öfter Unternehmen Gründen und wie sich Universitäten und andere Anteilshaber in der privaten Wirtschaft unterscheiden.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Die AMSilk Technologieplattform ermöglicht es, Seidenproteine und andere Biopolymere industriell herzustellen und diese Werkstoffe für die Erzeugung neuer Materialien zu verwenden. Geben Sie uns bitte zwei Beispiele von Produkten, in denen Ihre Technologie zum Einsatz kommt.

Axel Leimer: Spinnenseidenproteine sind äußerst vielseitige Biopolymere, die für die verschiedensten Anwendungen weiterverarbeitet werden können. So sind sie z.B. besonders für die Herstellung von Mikropartikeln geeignet, die als Träger für pharmazeutische Wirkstoffe verwendet werden können. Außerdem lässt sich der Werkstoff mit anderen Verfahren gut zu Vliesen und Folien verarbeiten. Diese Zwischenprodukte werden derzeit für den Einsatz in der Medizintechnik, wie z.B. bei der Wundversorgung, getestet.

In der Natur nutzt die Kreuzspinne die Seidenproteine hauptsächlich als Baustein für das Netz, um Beute zu fangen. Wir haben das Material für die industrielle Produktion weiter angepasst und – man könnte sagen – zweckentfremdet. Dabei stehen immer die besonderen Eigenschaften von AMSilks Spinnenseide im Vordergrund: extreme Stabilität der Proteine, gute Verarbeitungsmöglichkeiten mit besten mechanischen Eigenschaften der Produkte, Biokompatibilität des abbaubaren und nicht-allergenen Materials, sowie die Tatsache, dass es ohne Petrochemie hergestellt wird.

Was sind die derzeit aktuellsten Entwicklungen und Veränderungen in Ihrer Branche?

Es wird verstärkt nach neuen Materialien gesucht, die nicht nur eine marginale Veränderung bzw. Verbesserung der Eigenschaften von bisherigen Stoffen aufzeigen, sondern vollkommen neue Eigenschaften besitzen. Hier ist die Industrie insbesondere an Werkstoffen interessiert, die aus erneuerbaren Ressourcen hergestellt werden können und keine gesundheitlichen Risiken mit sich bringen. Das erklärt das rasante Wachstum der Biopolymere und Bioplastics. Hochwertigste Materialien werden vor allem dann benötigt, wenn sie direkt mit dem Menschen in Kontakt kommen, wie zu Beispiel in der Medizintechnik, aber zunehmend auch bei Funktionstextilien. Hier ist es von entscheidendem Vorteil, dass Spinnenseide nicht toxisch ist. Es ist ein sehr robustes Material, aber – da es vollständig aus Proteinen besteht – prinzipiell essbar.

AMSilk ist eine Ausgründung der Technische Universität München. Warum kommt es in Deutschland so selten zu universitären Ausgründungen? Was könnte Ihrer Meinung nach anders gemacht werden?

Die Ausgründung der AMSilk aus der Technische Universität München ist ein in Deutschland vielleicht einzigartiges Beispiel, weil hier die Universität eigenes unternehmerisches Risiko durch eine Beteiligung am Unternehmen selbst eingegangen ist. Das ist Teil der Patentpolitik und somit der Hochschulstrategie der TU München, nach der Forschungsergebnisse an der Universität geschaffene Werte darstellen, die , zielstrebig auch einem industriellen Nutzen zugeführt werden sollen. So kann langfristig ein weitaus größerer Wert, auch für den Standort Deutschland, geschaffen werden. Das hat für eine Ausgründung wie AMSilk einige entscheidende Vorteile. Zum Beispiel gehören die ursprünglichen Patente der Universität nun der Firma. Gelder, die von Investoren eingebracht werden, müssen so nicht direkt als Lizenzzahlungen an die Universität fließen, sondern können in der kritischen frühen Phase komplett in die Produktions- und Produktentwicklung investiert werden. Wir haben zudem volle unternehmerische Kontrolle über unser Patentportfolio. Zuletzt entsteht daraus eine gute Grundlage für weitere vertrauensvolle Forschungskooperationen mit Lehrstühlen der TU München.

Die TU München ist auch heute noch Teil Ihres Gesellschafterkreises. Unterscheiden sich die kurz- und langfristigen Ziele einer Universität als Anteilseigner von denen privatwirtschaftlicher Investoren? Wie schaffen Sie es, hier alle Investoreninteressen unter einen Hut zu bringen?

Alle Anteilseigner sind daran interessiert, in AMSilk neue Werte zu schaffen. Das geschieht anfangs durch Produkte, dann durch Umsatz und zuletzt durch den Exit. Bisher sind keine Interessenskonflikte zwischen den Gesellschaftern entstanden. Vielleicht sind gerade auch durch dieses besondere Modell die Interessen gleichgeschaltet. Als Gesellschafter sitzt man eben im selben Boot.

Neben der TU und weiteren Privatinvestoren sind die MIG Fonds als Venture-Capital-Investoren Eigentümer von AMSilk. Was sind Ihrer Meinung nach die Vorteile und was die Nachteile, wenn man sich einen institutionellen Investor ins Haus holt?

Die Vorteile liegen sicherlich in der unternehmerischen Erfahrung des MIG-Teams. Man weiß dort was es bedeutet ein Unternehmen aufzubauen, welche Herausforderungen dazu gehören und wo die Risiken liegen. Das führt zu einem konstruktiven Miteinander.

Dass man an einen institutionellen Investor weitere Anteile abgeben muss ist natürlich klar und der eigentliche Nachteil. Wer ein hohes Startkapital benötigt wird dies nicht umgehen können. Dann ist es umso wichtiger den richtigen Fonds zu finden – oder von ihm gefunden zu werden.

Halten die ursprünglichen Gründer noch Anteile am Unternehmen?

Alle Gründer sind noch am Unternehmen beteiligt.

Leider sind kaum Zahlen über AMSilk zu lesen. Können Sie unseren Leserinnen und Lesern verraten, wie viele Mitarbeiter Sie derzeit beschäftigen, welche Umsatzzahlen Sie erreichen und wie hoch Ihr Gewinn im vergangenen Geschäftsjahr ungefähr ausgefallen ist?

AMSilk beschäftigt derzeit 20 Mitarbeiter im Innovationszentrum Biotechnologie in Martinsried bei München. Alle unsere Industriekooperationen sind auf Produktentwicklung ausgelegt, und das Material Spinnenseide ist derzeit noch ausschließlich über Kooperationen erhältlich. Im Interesse eines größeren Endproduktanteils haben wir damit auf frühe Umsätze verzichtet. Erste Produkte sind noch in diesem Jahr produktionsreif, und erste Umsätze werden für 2012 erwartet.

Ihre Produkte leben von Forschung und Entwicklung. Wie lange hat es bis zur Marktreife Ihres ersten Produktes gedauert? In welche Richtung werden Ihre kommenden Entwicklungen gehen? Wie hoch liegt ungefähr Ihre F&A-Quote gemessen am Umsatz?

Bisher geben wir das meiste Geld für die Entwicklung und Skalierung der Produktionsprozesse sowie für Produktentwicklung aus. AMSilk ist das erste Unternehmen, welches rekombinante Spinnenseide in einem großen Maßstab produzieren kann. Spinnenseide ist nun in der Produktentwicklung für die genannten Partikel für pharmazeutische und medizintechnische Anwendungen, für Vliesstoffe, Filme und Folien, Beschichtungen für technische Anwendungen und Implantate, Fasern und einiges mehr. Uns war es von Anfang an wichtig, mehr als nur ein Rohstofflieferant zu sein. Wir wollen Produkte herstellen. Gerade dazu bedarf es einer unternehmerischen Vision, die alle Gesellschafter nicht nur teilen, sondern zu der jeder etwas beiträgt.

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