Auto-Experte Dudenhöffer: „Im Moment spielen die Politiker Roulette“

Auf der IAA jubeln die deutschen Automobilhersteller über gute Zahlen. Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer, Wirtschaftswissenschafter und Automobil-Experte an der Universität Duisburg-Essen, warnt jedoch im Interview mit den Deutschen Mittelstands Nachrichten: „Im nächsten Jahr kann es anfangen zu regnen.“ Wer dann noch mit Vollgas fährt, „fährt auch mit Vollgas Risiko“.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Professor Dudenhöffer, am Rande der IAA, die Sie ja auch besuchen, trumpft die deutsche Automobilindustrie der Krise zum Trotz mit Rekordzahlen auf: Das beste Jahre seit 2007 prognostiziert der Verband der deutschen Automobilindustrie VdA, mit fast 6 Millionen produzierten Fahrzeugen in 2011, Absatzsteigerungen um die 10% bis 15% und 18.000 neuen Arbeitsplätzen in der Branche in diesem Jahr. Besteht tatsächlich Grund zum Jubeln?

Ferdinand Dudenhöffer: Viel Grund zum Jubeln. Denn in diesem Jahr gibt es tatsächlich bei Zulieferern wie bei Autobauern bei Gewinn und Umsatz die besten Zahlen, die es jemals gegeben hat. Allerdings sollte man vorsichtig sein. Im nächsten Jahr kann es anfangen, zu regnen. Man sieht, was sich aktuell im Zusammenhang mit der Schuldenkrise alles zusammen braut. Das ist bisher überhaupt nicht handhabbar. Wir beobachten heute schon in Märkten wie dem deutschen Markt ein höheres Rabattverhalten, das heißt, die einzelnen Kunden werden jetzt vorsichtiger mit größeren Anschaffungen wie dem Autokauf. Im nächsten Jahr sollte die Branche also vorsichtig unterwegs sein und sich Wachstumserwartungen und Investitionen noch einmal genau anschauen. Derjenige, der nächstes Jahr mit Vollgas wächst, fährt auch mit Vollgas in ein Risiko.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: In der Finanzkrise 2008 hatten einige Konzerne massive Verluste – zum Beispiel BMW rund 2 Milliarden Euro – weil bei Leasingfahrzeugen, die nach Vertragsende zurück kamen und als Gebrauchtwagen verkauft werden sollten, die Preise einbrachen, und weil viele Kunden ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen konnten. Außerdem gab es weltweit Umsatzeinbrüche, zum Teil bis zu 20 %. Hat sich diese Situation geändert? Stehen die Unternehmen heute anders da; haben sie sich anders aufgestellt?

Ferdinand Dudenhöffer: Viele, auch bei den Zulieferern, haben viel gelernt aus dieser Krise. Sie haben die Flexibilität in ihren Unternehmen deutlich ausgebaut. Zeitarbeit und Leiharbeit ist ein ganz wichtiges Thema geworden. Das darf man sich auch nicht zerstören lassen: Wenn man das zerstört, zerstört man auch die Flexibilität in der Automobilindustrie – und es wäre schade, wenn man das ans Ausland abgäbe.

Bei den Leasingfahrzeugen ist es so: Die Autobanken haben gemerkt, dass der Kurs, einfache und günstige Leasingraten anzubieten und dann, wenn die Fahrzeuge zurück kommen, zu sagen: Dann fällt uns schon was ein, nicht mehr funktioniert. Die Finanzchefs haben erkannt, dass man die Risiken sauber berechnen muss. Deshalb glaube ich, dass bei den Banken weniger Schaden auftreten würde als im Jahr 2008. Bei den Zulieferern und den Autobauern gehe ich davon aus, dass viele jetzt schon Vorkehrungen für den Fall treffen, dass die Nachfrage zurück geht oder vielleicht sogar einbricht.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Wenn man sich das Verhältnis der Bilanzsummen der großen deutschen Hersteller zu Fremdkapital – also, den Schulden – und Eigenkapitalquote ansieht, sieht man, dass die Eigenkapitalquote um die 20% -25% liegt, und nur bei der Audi knapp über 30%. Wenn nun Griechenland pleite geht und eine Bankenkrise die Folge ist: Wie steht es dann um die Automobilindustrie?

Ferdinand Dudenhöffer: Dann steht es nicht nur um die Automobilindustrie sehr schlecht. Dann haben wir weltweit ein Szenario, das kaum mehr aufzufangen ist. Deswegen ist es sehr schwer nachzuvollziehen, warum es so lange dauert, dass tragfähige Lösungen auf dem Tisch liegen. Im Moment spielen die Politiker Roulette mit der wirtschaftlichen Zukunft aller europäischer Staaten, aber auch der USA und zum Teil auch in China.

Es würde die Automobilindustrie natürlich als erste sehr stark treffen. Aber bei der Automobilindustrie würde es dann ja nicht bleiben: Es wäre ein Zusammenbruch, den man mit der Krise 2008/2009 vergleichen kann. Und von dem man sich nicht so schnell wieder erholen würde.

Damals war China das Land, das den Westen aufrecht erhalten hat, in dem es produziert und Produkte abgenommen hat. Die Automobilindustrie ist damals in China um 40% gewachsen – in der Krise. Bei einer neuen Krise wird das nicht so funktionieren können, weil China eine hohe Inflationsrate hat und sich erst einmal um sich selber kümmern würde.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: VW, Daimler und BMW haben Schätzungen zufolge gemeinsam rund 338 Milliarden Euro Schulden. Das ist ungefähr so viel wie der Schuldenberg in Griechenland. Was bedeuten diese Schulden, wenn eine mögliche Griechenland-Pleite oder ein EU-Austritt einen Dominoeffekt auch bei den Banken auslöst?

Ferdinand Dudenhöffer: Zunächst ist es ja so, dass diesen Schulden im Gegensatz zu Griechenland ganz klare Werte gegenüber stehen. Das sind Investitionswerte, das sind Fabriken, das sind neue Modelle, das sind Patente. Griechenland hat faule Kredite – hinter den Krediten bei den Autobauern und Zulieferern stehen Werte. Wir denken auch nicht, dass die Weltkonjunktur in ein tiefes Tal fällt, wenn in der nächsten Wochen oder Monaten eine vernünftige Lösung zustande kommt. Aber wir gehen davon aus, dass es im nächsten Jahr eine Stagnation im Autogeschäft geben wird. Man muss sich also auf diese Stagnation einstellen.

Für die Banken bedeutet das, in der Automobilindustrie ihr Engagement zu halten. Das werden die Banken auch machen, weil sie in der letzten Krise gesehen haben, wie schnell und stabil sich die Automobilindustrie erholt hat. Außerdem haben alle Zulieferer und Autobauer Flexibilitätsmaßnahmen entwickelt. So können die Banken sicher sein, dass Nachfrageschwankungen eben nicht gleich knallrote Zahlen zur Folge haben werden – sie werden mit Hilfe von Arbeitszeitkonten und Zeitarbeit hindurch segeln können.

Es ist für diejenigen hochgefährlich, die ihren Wachstumskurs fortsetzen, ohne nach links und rechts zu schauen. Dazu zähle ich VW. VW ist unendlich selbstbewusst, weil sie Milliarden in der Kasse haben. Aber wenn ich mir anschaue, was zum Beispiel an Schadenersatzforderungen allein von Porsche kommen kann und was jetzt die Suzuki-Zusammenarbeit bringt, da muss ich sagen: Nach meiner Einschätzung ist VW zu optimistisch im Markt und müsste viel stärker Risikovorsorge betreiben, um Probleme in 2012 oder 2013 zu vermeiden.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Die Autobranche verdient ja nur noch einen Teil des Geldes über Industrieproduktion. Der Rest kommt über Finanz- und Finanzierungsgeschäfte, zum Beispiel auch Leasing. Was also, wenn auf Grund einer weltweiten Rezession in Folge einer neuen Bankenkrise riesige Verluste ins Haus stehen? Könnten dann nicht auch VW, Daimler oder BMW pleite gehen?

Ferdinand Dudenhöffer: Das halte ich für ausgeschlossen. Man sollte zwar nie ‚Nie’ sagen, aber ich denke dieses Szenario ist wirklich unrealistisch. Es hat für mich eine Eintrittswahrscheinlichkeit von Null. Ich gehe davon aus, dass in den nächsten Wochen Lösungen gefunden werden. Auch wenn Griechenland pleite geht, wäre das nicht der Untergang.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Welchen Tipp haben Sie für die Automobilbranche, um sicher durch eine mögliche Griechenlandkatastrophe hindurch zu steuern?

Ferdinand Dudenhöffer: Flexibilität, Flexibilität, Flexibilität. Man muss jetzt Vorkehrungen treffen, um mögliche Schwankungen oder Einbrüche auszugleichen.

Das Gespräch führte Regina Körner.

Professor Dr. Ferdinand Dudenhöffer ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft Fakultät Ingenieurswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen.

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