„Nur mit der Drachme wird Griechenland wieder wettbewerbsfähig“

Der Wirtschaftsexperte Matthias Kullas vom Centrum für Europäische Politik erklärt im Interview mit den Deutschen Mittelstands Nachrichten, warum Griechenland mit dem Austritt aus dem Euro besser fahren würde als mit weiteren Transfers.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Was würden Sie tun, wenn Sie griechischer Ministerpräsident wären? Sie brauchen dringend 8 Milliarden Euro. Ihr Volk beginnt gerade einen Aufstand, und ganz Europa drängt Sie, jetzt endlich radikale Kürzungen vorzunehmen?

Matthias Kullas: Ich würde ernsthaft überlegen, ob es möglich ist, mit weitere Einsparungen und Veräußerungen das von der Troika gesetzte Ziel zu erreichen und dann alles daran setzen, dies umzusetzen und glaubhaft zu vermitteln. Wenn nicht, würde ich den Staatsbankrot einleiten. Ich glaube allerdings, dass Ministerpräsident Papandreou der Troika alles versprechen wird – und man ihm wohl oder übel glauben wird. Und deswegen wird die Insolvenz nicht stattfinden.

Als Hintergrund sollte man sich dazu allerdings vor Augen führen: Ein Staat hat in der Regel drei Jahre Zeit, um wie von der Troika geforderte, radikale Maßnahmen durchzusetzen. Dann begehrt die Bevölkerung solcherart auf, dass eine Umsetzung kaum noch möglich ist. Inzwischen sind in Griechenland eineinhalb Jahre vergangen, ohne, dass Wesentliches passiert wäre. Die Bevölkerung wehrt sich, und in eineinhalb Jahren wird sie sich noch mehr wehren. Das heißt für die Regierung, es wird dann noch schwieriger, Maßnahmen durchzusetzen. Deswegen ist für mich klar: Es gibt keinen Ausweg, außer den Euro zu verlassen.

Für diesen Fall haben einige Wirtschaftsexperten Horrorszenarien entwickelt. Sie  und andere sagen dagegen, dass derAustritt Griechenlands immer noch das kleinere Übel sei. Warum?

Weil es für Griechenland momentan keine andere Lösung gibt. Die einzigen Alternativen sind entweder dauerhafte Transfers, damit die Griechen ihren Lebensstandard halten können, oder – wenn sie auf eigenen Beinen stehen wollen – aus dem Euro auszutreten, damit sie abwerten können. Das heißt, in dem Moment, in dem Griechenland pleite wäre, müsste die Regierung auch den Austritt aus dem Euro erklären.

Welche Erwartungen haben Sie an den zeitlichen Ablauf der Ereignisse, wenn die Drachme dann eventuell schon Ende des Monats wieder eingeführt würde?

Die Banken müssten geschlossen werden um zu vermeiden, dass die Menschen ihr Geld abheben. Es müssten Kapitalverkehrskontrollen eingerichtet werden, um zu verhindern, dass die Menschen Geld außer Landes bringen, und dann müsste man innerhalb der ersten Tage eine neue Währung einführen.

Wo sollten die Tonnen von Drachmen herkommen, die dann über Nacht gebraucht würden?

Man muss das Geld vorher drucken. Alternativ kann man die Euro-Noten vorher stempeln. Und um ganz sicher zu gehen, müssten man die Euro-Noten im Rest der Euro-Zone mit einem anderen Stempel versehen. Damit wäre die Gefahr gebannt, dass die Griechen Euros horten und später versuchen, sie irgendwo auszugeben.

Kann sich Griechenland mit einer entwerteten Drachme retten – also bekommt es die Haushaltsschulden, die Wirtschaft und die Arbeitslosigkeit so in den Griff?

Ja, das ist die einzige Methode, um wieder wettbewerbsfähig zu werden: Die Menschen verzichten auf diese Weise auf Einkommen, ohne, dass sie sich aktiv dagegen wehren können. Die Drachme würde anfänglich eins-zu-eins gegenüber dem Euro eingeführt, würde aber schnell rund 60 Prozent an Wert verlieren. Durch die Abwertung sinken automatisch die Kaufkraft und der Lebensstandard. Gleichzeitig kann niemand – auch keine Gewerkschaft – dagegen protestieren oder auf die Straße gehen, weil der Markt dann die Regeln bestimmt. Aber ich denke, genau das braucht Griechenland jetzt.

Welche Schritte müsste Griechenland anschließend noch in den nächsten zwölf Monaten unternehmen, um sich mit der Drachme zu stabilisieren?

Das Wichtigste ist eine glaubwürdige und unabhängige Geldpolitik – eine unabhängige Zentralbank. Das andere ergibt sich automatisch: Griechenland würde erste einmal kein Geld mehr von den Kapitalmärkten erhalten. Dadurch müsste es Menschen aus dem Staatsdienst entlassen, die Arbeitsmärkte flexibilisieren und sich um ausländische Investitionen bemühen. Und das geht nur mit den entsprechenden strukturellen Veränderungen wie Arbeitsmarktreformen, Bekämpfung der Korruption und einer Steuer- und Verwaltungsreform. Griechenland wäre dann gezwungen, diese Reformen tatsächlich umzusetzen, weil es keine andere Möglichkeit mehr gäbe.

Die EU hat diese Reformen zwar gefordert, aber man muss ganz klar sagen, dass sie in dem aktuellen politischen Umfeld in Griechenland kaum umzusetzen sind. Das Problem ist, dass die Regierung die notwendigen Einschnitte aktiv beschließen muss. Aber in einer Demokratie haben die Menschen natürlich die Möglichkeit, sich dagegen zu wehren. Deswegen macht der Austritt aus dem Euro und die Abwertung der Drachme Sinn: Der Effekt auf die Wirtschaft ist der gleiche wie die Troika-Forderungen, aber er erfolgt automatisch.

Wie müsste ich mir denn als Grieche das Leben mit der Drachme in Griechenland in einigen Monaten vorstellen?

Es wird noch einmal eine Rezession geben, die circa eineinhalb Jahre dauern würde. Das wäre eine sehr schwere Zeit mit großen Einbußen, auch des Wohlstandes. Aber nach dieser Zeit kann Griechenland dann wieder auf den Wachstumspfad zurück kehren. Die Griechen kaufen dann zum Beispiel nicht mehr teure deutsche Produkte, sondern heimische Produkte und kurbeln dadurch die heimische Wirtschaft an. Und dank der durch die Abwertung bedingten Lohnsenkungen sind sie dann auch auf dem Weltmarkt wieder wettbewerbsfähig.

Welche Konsequenzen hätte der Austritt für Deutschland, den Rest der Euro-Zone, und insbesondere auf die Banken?

Es ist im Moment völlig unklar, ob sich andere Länder anstecken würden. Das ist ja auch die große Angst, die alle umtreibt. Wenn es nur um Banken geht, die griechische Anleihen haben, ist das aufzufangen. Die Frage ist, was passieren würde, wenn andere Länder wie Portugal, Spanien oder Italien angesteckt würden, in denen die Banken sehr große Anleihen haben. Ob das finanzierbar ist und dafür das Geld reicht, ist fraglich. Das ist ein Szenario, das niemand vorhersagen kann und deswegen ist die Angst nicht unbegründet.

Gibt es denn überhaupt eine Methode, sich tatsächlich auf einen solchen Fall vorzubereiten oder einzuschätzen, was die Märkte dann tun?

Natürlich gibt es Szenarien. Aber vorherzusagen, wie die Märkte reagieren werden, ist einfach nicht möglich. Deswegen ist ja auch die Bundesregierung so besorgt.

Grundsätzlich war die Idee des Rettungsschirmes ja nicht schlecht. Dadurch wurde auch anderen gefährdeten Ländern Zeit gegeben, verloren gegangenes Vertrauen an den Finanzmärkten zurück zu erarbeiten und sich somit gegen eine Ansteckung im Falle einer Griechenland-Pleite zu wappnen. Aber man sieht ja gerade am Beispiel Italien, dass es die Zeit nicht genutzt hat. Gleiches gilt für Frankreich, weil auch da die Maßnahmen meines Erachtens unzureichend sind.

Was kommt die Euro-Zone unterm Strich teurer zu stehen – der Wechsel zur Drachme oder der Verbleib im Euro?

Das hängt davon ab, was nach einem Austritt Griechenlands aus dem Euro passieren würde. Wenn sich kein anderes Land – oder zum Beispiel nur Portugal – ansteckt, ist das mit Sicherheit das günstigere Szenario. Anders sieht es aus, wenn große Volkswirtschaften wie Italien oder Frankreich mit hineingezogen würden. Dann gäbe es auch eine Bankenkrise mit unabsehbaren Folgen auf die Wirtschaft in Europa und darüber hinaus.

Kann Griechenland nach dem Austritt denn wieder eintreten – oder die Mitgliedschaft einfach ruhen lassen?

Es gibt kein juristisches Szenario, das das irgendwie regelt. Auch der Austritt aus der Euro-Zone ist überhaupt nicht vorgesehen. Aber wir haben ja in der Vergangenheit gesehen, dass ökonomische Zwänge sich nicht um Gesetze scheren. Wenn die ökonomischen Zwänge da sind, wird Griechenland daher austreten. Und wenn es ökonomisch Fuß gefasst hat, kann es auch wieder eintreten. Ob Griechenland das anstreben sollte, ist eine andere Frage.

Es gibt Regeln, an die man sich halten muss, wenn man in der Euro-Zone ist. Dazu zählt nicht nur die Fiskalpolitik, sondern auch, dass man wettbewerbsfähig bleibt und mit den wettbewerbsfähigsten Ländern in der Euro-Zone Schritt hält. Wenn das nicht passiert, wird sich das Land privat oder öffentlich verschulden.

Wenn Griechenland es also nicht schafft, Institutionen und Gewerkschaft zu etablieren, die – wie in Deutschland – die Notwendigkeit erkennen, wegen des gesamtgesellschaftlichen Vorteils auch einmal Nullrunden zu akzeptieren, dann ergibt es für Griechenland keinen Sinn, wieder in die Eurozone eintreten zu wollen.

Müsste Griechenland also als kleines Land in der großen Euro-Zone zurück in die Steinzeit?

Nein, denn es gibt ja eine Reihe von Ländern in der EU, die auch ohne den Euro sehr glücklich sind. Ich denke daher, dass Griechenland zwar aus dem Euro, nicht aber aus der EU austreten sollte.

Das Gespräch führte Regina Körner.

Mehr zum Thema:
Deutsche Banken: 389 Milliarden Risiko
Finnland will weiter Sicherheiten
China kann Europa nicht helfen

Kommentare

Dieser Artikel hat 32 Kommentare. Wie lautet Ihrer?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

  1. Karla Moser sagt:

    Ich finde das Gespräch mit Herrn Kullas und Frau Körner gut und realistisch. Allerdings wurden schon viel zu viele Versprechen abgegeben und Hoffnungen geschürt. Der echte Wille, etwas zu verändern, verhindert Aktivitäten, die notwendig wären. Von schnellen und guten Entscheidungen ganz abgesehen. Ich glaube nicht, daß Griechenland zu retten ist und ich denke, daß es gut ist, wenn sie aus der Euro-Zone austreten.

  2. Karla Moser sagt:

    Ich finde das Gespräch mit Herrn Kullas und Frau Körner gut und realistisch. Allerdings wurden schon viel zu viele Versprechen abgegeben und Hoffnungen geschürt. Der echte Wille, etwas zu verändern, verhindert Aktivitäten, die notwendig wären. Von schnellen und guten Entscheidungen ganz abgesehen. Ich glaube nicht, daß Griechenland zu retten ist und ich denke, daß es gut ist, wenn sie aus der Euro-Zone austreten.

  3. Karla Moser sagt:

    Ich finde das Gespräch mit Herrn Kullas und Frau Körner gut und realistisch. Allerdings wurden schon viel zu viele Versprechen abgegeben und Hoffnungen geschürt. Der echte Wille, etwas zu verändern, verhindert Aktivitäten, die notwendig wären. Von schnellen und guten Entscheidungen ganz abgesehen. Ich glaube nicht, daß Griechenland zu retten ist und ich denke, daß es gut ist, wenn sie aus der Euro-Zone austreten.

  4. Karla Moser sagt:

    Ich finde das Gespräch mit Herrn Kullas und Frau Körner gut und realistisch. Allerdings wurden schon viel zu viele Versprechen abgegeben und Hoffnungen geschürt. Der echte Wille, etwas zu verändern, verhindert Aktivitäten, die notwendig wären. Von schnellen und guten Entscheidungen ganz abgesehen. Ich glaube nicht, daß Griechenland zu retten ist und ich denke, daß es gut ist, wenn sie aus der Euro-Zone austreten.

  5. Dimitrios sagt:

    `Projekt´ €uro gescheitert!

    Zurück zu den alten Währungen!

  6. Dimitrios sagt:

    `Projekt´ €uro gescheitert!

    Zurück zu den alten Währungen!

  7. Dimitrios sagt:

    `Projekt´ €uro gescheitert!

    Zurück zu den alten Währungen!

  8. Dimitrios sagt:

    `Projekt´ €uro gescheitert!

    Zurück zu den alten Währungen!