„Reallöhne sind in Deutschland über die Jahre um 25% gesunken“

Die Wirtschaftsforscherin Friederike Spiecker warnt im Interview mit den Deutschen Mittelstands Nachrichten davor, mit einer von den Finanzmärkten diktierten Sparpolitik die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen weiter zu drücken. Eine nur auf den Export fixierte Wirtschaftspolitik mache „die Katastrophe unvermeidlich“.

„Wenn wir mit unserer auf Exportüberschüsse fixierten Wirtschaftspolitik so weitermachen wie bisher, dann ist die Katastrophe unvermeidlich.“ Für die Wirtschaftspublizistin Friederike Spiecker ist die Endlosdiskussion um den Euro ein trauriges Beispiel für die Unkenntnis der Entscheidungsträger über wirtschaftliche Zusammenhänge. So habe Deutschland einen wesentlich größeren Anteil an der Euro-Krise, als Schuldnerländer wie Griechenland. „Deutschland hält seine Inflationsrate trotz wachsender Produktivität künstlich durch Lohndumping niedrig und fegt dadurch die innereuropäische Konkurrenz vom Weltmarkt“, kritisiert sie. „Trotzdem steht

Deutschland auch noch als Euro-Saubermann da.“

Für Spiecker ist die extreme Lohnzurückhaltung in Deutschland ein Hauptgrund für das auseinanderdriften der Euro-Länder. In Deutschland seien die Reallöhne in den unteren Einkommensschichten in den letzten zehn Jahren um bis zu 25% gesunken. Folglich lahme die Binnennachfrage und die Inflationsrate unterschreite daher konsequent das EZB-Ziel von 2% um rund 1,5 Prozentpunkte jährlich.

„Zu glauben, niedrige Löhne schaffen Arbeitsplätze ist ein grundlegend falsches Verständnis von Marktwirtschaft“, bemängelt die Volkswirtin, die zusammen mit dem Chef-Ökonomen der UN Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD) Heiner Flassbeck ausgiebig zum Thema Euro-Krise publiziert. „Wenn man Produktivitätssteigerungen nicht in Form von Lohnerhöhungen an die Arbeitnehmer weiter gibt, schafft das nur immer mehr Arbeitslosigkeit. Das ist, als wolle man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.“

Gleichzeitig bedeute der ständige deutsche Wettbewerbsvorteil durch Niedriglöhne für die südlichen EU-Länder, dass die Lohnstückkosten dort rund 25% höher als in Deutschland seien und die Inflationsrate meist über den von der Europäischen Zentralbank (EZB) geforderten 2% liege.

Wettbewerbsfähigkeit durch Lohndumping sei nicht das gleiche wie Produktivitätswachstum durch Innovationen und Investitionen, erklärt die Publizistin. „Wettbewerbsfähiger wird man nur, wenn man günstigere Preise hat, als die anderen. Nach der Logik der Marktwirtschaft bedeutet mehr Wettbewerbsfähigkeit für Griechenland automatisch weniger Wettbewerbsfähigkeit für Deutschland. Das heißt aber weder sinkende Produktivität noch sinkendes Einkommen, sondern nur weniger Exportüberschüsse. Das haben Frau Merkel und ihre Berater nicht verstanden.“

Bei einem aktuellen Vergleich der Zusammenhänge zwischen Niedriglöhnen, flexiblen Arbeitsverhältnissen und der Arbeitslosenquote in den 27 EU-Staaten ist das Wall Street Journal ebenfalls zu dem Ergebnis gekommen, dass Flexibilität und Niedriglöhne keinesfalls Garant für niedrige Arbeitslosenzahlen seien. „Wenn die Menschen kein zusätzliches Geld in der Tasche haben, das sie ausgeben können, dann brauchen heimische Unternehmer auch keine zusätzlichen Leute“, erklärte Spiecker, „sondern dank gestiegener Produktivität sogar weniger.“

Die Expertin fordert daher eine gesamteuropäische Lohnkoordination, die langsam und kalkulierbar über Jahre das erreichen würde, was ein Crash oder Austritt Griechenlands aus dem Euro über Nacht auslösen würde: Eine Anpassung der Preisniveaus der Krisenländer und der Gläubigerstaaten. „Die Frage lautet nicht, ob wir das wollen, sondern nur, wann.“

Spieckers Modell sieht deutsche Lohnsteigerungen von 4,5% vor – 1,5% aus der Produktivitätssteigerung, der Rest als Preissteigerung. Gleichzeitig müssten die Südländer ein Inflationsziel von 1% anvisieren, plus 0 bis 2% nationaler Produktivitätssteigerung, also Lohnerhöhungen zwischen 1% und 3%. „Damit wäre das grundlegende Problem der auseinander strebenden Wettbewerbsfähigkeit in der Euro-Zone innerhalb der nächsten 10 Jahre lösbar, ohne dass sich die Krisenländer weiterhin zu Tode sparen müssen“, erklärt Spiecker.

Für die Expertin ist unverständlich, warum die Kanzlerin auf diesem Ohr taub bleibt.
„Ohne eines solchen Vorgehen ist der Euro nicht zu halten“, prognostiziert sie. „Dann brauchen wir auch keine Rettungsschirme mehr, denn dann ist der Crash zwingend vorprogrammiert.“

Mehr zum Thema:
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Kommentare

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  1. LarsLonte sagt:

    Ich möchte darauf hinweisen, dass die Freihandelstheorie nach Adam Smith samt ihren Verfälschungen seit Ricardo im Grunde schon lange widerlegt ist, siehe dazu auch Franz Groll in seinem Buch „Wie das Kapital die Wirtschaft ruiniert“!

    http://franzgroll.de/CMS/

    Manfred Julius Müller schlägt auf seinen zahlreichen Internetauftritten und Buchveröffentlichungen eine Lohnkostenreform nach dänischem Vorbild vor – das skandinavische Modell!
    Entlastung des Faktors Arbeit durch eine Senkung der Sozialabgaben als Lohnnebenkosten, Umfinanzierung des Sozialstaates über die Mehrwertsteuer – durch den auftretenden protektionistischen Effekt, da deutsche Arbeit und Produkte verbilligt werden und ausländische Importe relativ verteuert, werden das globalistische Lohn- und Sozialdumpingsystem mit seiner durch den Zollabbau erzwungenen Standortkonkurrenz beendet. Die Erpressungsmöglichkeit der Unternehmer ist vorüber, deutsche Betriebe und Produkte sind auf dem Weltmarkt wieder konkurrenzfähig. Dennoch aber steigen die Preise für deutsche Produkte zumindest nicht stark, da das Geld ja wieder an produzierende Unternehmer und Beschäftige über die Senkung der Sozialabgaben als Lohnnebenkosten zurückgegeben wird!
    Dies wurde schon erfolgreich von der Merkel Regierung der grossen Koalition 2005 bis 2009 mit der 2005 beschlossenen Mehrwertsteuererhöhung auf 19%, welche 2007 in Kraft trat, bei gleichzeitiger Senkung der Lohnnebenkosten durchgeführt! (in Skandinavien meist 25% Mehrwertsteuer).

    http://mehrwertsteuererhoehung-pro-contra.de/

    Jobwunder durch Konsumsteuer – erste erfolgreiche Ansätze unter Merkel

    http://www.direktzu.de/kanzlerin/messages/jobwunder-durch-konsumsteuer-21923

    Manfred Julius Müller und die Umsatzsteuer Demagogen

    http://www.dzig.de/Manfred_Julius_Mueller_und_die_Umsatzsteuer-Demagogen

    Wer ist Manfred Julius Müller?

    http://www.das-kapital.eu/manfred-mueller.html

    Gegen die zentralistische Brüsseler EU, die gerade zu einer Art Rätediktatur zu werden droht!

    http://www.europaeische-union-eu.de/

    „Das Kapital“ nach Manfred Julius Müller statt nach Karl Marx

    http://www.das-kapital.eu/

    Manfred Julius Müller zur Globalisierung und der neoliberalen Feihandels-Ideologie, gegen den Monetarismus der Chikagoer Schule der Volkswirtschaft nach Milton Friedman und gegen die sogenannte exportfixierte Angebotspolitik für die Grossindustrie nach Hans-Werner Sinn, welche Mittelstand und Handwerk (wo die meisten Leute arbeiten) ausblutet und die Infrastruktur und den Binnenmarkt vernachlässigt!

    http://www.grundeinkommen-buergergeld.de/publikationen.html

    http://www.neo-Liberalismus.de/

    http://www.anti-globalisierung.de/

    http://www.globalisierung.com.de/

    http://www.kapitalismus-online.de/globaler-dumpingwettbewerb.html

    http://www.politik-poker.de/manfred-julius-mueller.php