Wirtschaftsprüfer Deloitte auf 7,6 Milliarden Dollar verklagt

Ein Insolvenzverwalter in den USA wirft den Wirtschaftsprüfern von Deloitte vor, sie hätten den schwungvollen Handel mit Immobilien-Schrottpapieren bei der Hypothekengesellschaft Taylor Bean’s entlarven können - wenn sie auch nur einen Hauch Sachverstand gehabt hätten. In Deutschland wollen CDU und FDP verhindern, dass die großen WP-Gesellschaften stärker kontrolliert werden.

Von 2002 bis August 2009 prüfte Deloitte die Finanzaussagen der Taylor, Bean & Whitaker Hypothekengesellschaft (TBW) und schien Hinweise in den Unternehmensbüchern zu ignorieren. „Deloittes Nachlässigkeit und bewusstes Wegsehen war der Treibstoff, ohne den der Betrug schon viel eher herausgekommen wäre, noch bevor es zu den Milliarden Dollar Schulden gekommen wäre, die letztlich TBW zu Fall brachten“, hieß es in der Anklageschrift des Konkursverwalter s Neil Luria.

Auch Steven W. Thomas, Anwalt von Ocala und Luria, betont, der Gutachter könne nicht einfach sein Verhalten mit Nichtwissen erklären, denn in diesem Fall würde Deloitte „zumindest Fahrlässigkeit ihrerseits einräumen, weil es Teil ihrer Arbeit ist, das Geschäft zu verstehen.“ Wie nachlässig die Wirtschaftsprüfer gewesen sein muss, geht ebenfalls aus der Klageschrift hervor: „Deloitte bemerkte den Betrug nicht, weil sie einfach widersprüchliche, unvollständige und oft in letzter Minute abgegebene Erklärungen des Managements bezüglich fragwürdiger Transaktionen akzeptierten, obwohl diese Erklärungen keinen Sinn ergaben.“ Der Betrüger selbst, Lee Farkes, wurde bereits zu 30 Jahren Haft verurteilt.

Wie Deloitte erging es auch einst Arthur Andersen. 2002 wurde er wegen Behinderung der Justiz schuldig gesprochen. Die gleichnamige Wirtschaftsprüfungsgesellschaft soll unzählige Akten ihres Kunden, dem Energieriesen Enron, vernichtet haben und dadurch die Ermittlungen bezüglich der Geschäftspraktiken Enrons behindert haben.

Immer wieder werden Fälle bekannt, in denen die großen Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaften, die meist auch Unternehmensberatungen anbieten, entweder ohne tatsächliche Kenntnis des Geschäfts Urteile und Empfehlungen aussprechen oder teilweise Unstimmigkeiten auch bewusst übersehen, um weiter ihre Beratungsaufträgen ausführen zu können. Doch den Big Four, Deloitte, Ernst&Young, KPMG und PwC, die fast 90 Prozent des Marktes ausmachen, will die EU Kommission nun Grenzen aufzeigen, berichtet die Financial Times. Schon länger bereitet Binnenmarktkommissar Michael Barnier ein „Grünbuch“ zum WP-Markt vor. Ein Gesetzesvorschlag soll dem EU-Parlament im November vorliegen.

Dieses Gesetz soll den großen Wirtschaftsprüfern verbieten, Unternehmen gleichzeitig zu beraten und zu prüfen. Konzerne, die eine Bilanzsumme von mehr als einer Milliarde Euro aufweisen, sollen zudem gezwungen werden, zwei Prüfer zu engagieren, von dem ein Wirtschaftsprüfer aus einem unabhängigen WP-Unternehmen an der Prüfung mitwirkt. Darüber hinaus soll künftig kein Wirtschaftsprüfer länger als neun Jahre bei einem großen Unternehmen arbeiten. Allerdings muss diesem Gesetzesvorschlag noch von den Mitgliedsstaaten und dem Europäischen Parlament zugestimmt werden. Kein leichtes Unterfangen in diesen Zeiten.

Und so haben sich auch Union und FDP bereits dafür stark gemacht, diese Vorschläge der EU-Kommission abzuschwächen. Eine Entscheidung, die Gerhard Schick, Sprecher der Finanzpolitik bei den Grünen nicht teilt. Die Wirtschaftsprüfer tragen „eine erhebliche Teilverantwortung für die Krise: Risiken wurden verkannt und Testate nicht eingeschränkt, obwohl das in vielen Fällen dringend erforderlich gewesen wäre.“ Die Vorschläge der EU wiesen in die absolut richtige Richtung, da sich viele dieser Fehler und Versäumnisse im Vorfeld der Krise auch auf die Marktstruktur und den Regulierungsrahmen der Wirtschaftsprüfung zurückführen ließen.

Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet CDU und FDP offenbar übersehen, dass es in Deutschland eine solide mittelständische WP-Struktur gibt. Die kleinen und mittleren Unternehmen klagen seit Jahren darüber, dass die „Big Four“ alle Register ziehen, wenn es um das Halten von Marktanteilen geht.

Immerhin: Bei der jüngsten Wahl zur Standensvertretung gab es eine echte Revolution: Sämtliche Big Four-Vertreter wurden in den Gremien abgewählt. In der Wirtschaftsprüferkammer hat fortan mit Michael Gschrei ein unabhängiger WP aus München das Sagen. Es könnte also auch in Deutschland unangenehm für die Big Four werden.

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