„Crash-Diät“: Banken kürzen Kredite für den Mittelstand

Die europäischen Banken werden zu einer 9%-Kernkapitalquote gezwungen. Da kurzfristig kaum Handlungsspielraum besteht, werden die Banken die kapitalintensiven Kredite für kleine und mittelgroße Unternehmen kürzen.

(30.10.2011)

Die EU-Regierungschefs haben vergangene Woche eine Kernkapitalquote (Tier-1 capital) von 9% für die europäischen Banken beschlossen. Ein paar Tage später steht fest: Dies wird vor allem Auswirkungen auf den Mittelstand haben.

Mittelfristig werden die Banken nämlich ihre Bilanzen verschlanken, um die erforderliche Kernkapitalquote zu erreichen. Und der einfachste Weg dorthin ist die Kürzung kapitalintensiver Geschäftsbereiche wie die Kreditvergabe an kleine und mittelgroße Unternehmen und die Handelsfinanzierung. Davor warnt Huw van Steenis, Analyst bei Morgan Stanley, der sogar von einer möglichen „Crash-Diät” der Banken spricht. Van Steenis rechnet damit, dass die Banken ihre Bilanzen um bis zu 2 Billionen Dollar bis zum Ende des nächsten Jahres kürzen werden.

Die Banken würden dann auch Staatsanleihen von schwächelnden Ländern verkaufen, und damit die Anleihebewertung von Italien und Spanien weiter nach unten drücken.

In EU-Kreisen wird derzeit erwartet, dass neun Monate genügend Zeit sind, um Kapital durch eine Kürzung von Dividenden oder Bonus und den Verkauf von Aktien aufzubringen. Doch die Realität ist, dass derzeit nur sehr wenige Investoren Bankaktien kaufen – egal wie günstig diese zu haben sind: Das Risiko von Länderpleiten in Europa ist dafür zu groß. Die Last trifft also zu allererst die jeweiligen Länder und in einem zweiten Schritt die jetzt schon beinahe ausgeschöpften Mittel des EFSF-Rettungsschirmes.

Die Handschrift Frankreichs und Deutschland ist in der neuen Auflage klar zu erkennen: „Diese Kriterien sind auffallend positiv für Frankreich“, schreibt beispielsweise der Economist. Die Re-Kapitalisierung wird nun gemäß den Anleihepreisen vom 30. September berechnet. Zu dieser Zeit erzielten die französischen 10-Jahres-Anleihen noch 2,6%. Seitdem sind die Preise gefallen und dieselben Anleihen bringen nun 3,1% ein.

Eine Grundlage für neue Kernkapitalquote ist auch eine Neubewertung der Anleihen-Bestände zu Marktpreisen. Das würde nun aber Abschreibungen von italienischen und spanischen Anleihen und gleichzeitig Wertgewinne für deutsche und britische Anleihen mit sich bringen. Die größten Schwierigkeiten neues Kapital aufzubringen hätten somit wieder die spanischen und italienischen Banken – und nicht etwa die britischen oder deutschen Geldhäuser.

Insgesamt werden die Banken 106 Milliarden an zusätzlichem Kapital aufbringen müssen. Das klingt nach sehr viel Geld, ist aber eigentlich weniger, als von Experten erwartet wurde. Die jetzigen Kriterien enthalten nämlich kein „Stress“-Szenario, in dem eine europäische Rezession durchgespielt wird. Weil der EU-Gipfel den Eindruck zu erwecken versuchte, dass die Lage unter Kontrolle sei, könnte eine Kreditverknappung genau jenes Szenario auslösen, welches Beobachter für Europa am gefährlichsten halten: den Rückfall in eine neuerliche Rezession.

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