Bankenaufsicht ändert Methode: Plötzlich fehlen nur noch 80 Milliarden Euro

Auch so kann man versuchen, die Krise zu lösen: Die Europäische Bankenaufsicht hat ihre Berechnungsmethode geändert – mit einem Mal brauchen die europäischen Banken viel weniger Kapital als noch einen Tag zuvor. Die Märkte werden es nicht glauben – eine noch wildere Kapitalflucht droht.

(20.10.2011)

So kann man Europa natürlich auch ruinieren retten: Nachdem offenbar alle Versuche gescheitert sind, Frankreich und Deutschland auf eine Linie in der Bankenrettung zu bringen, hat sich die Europäische Bankenaufsicht (EBA) kurzerhand entschlossen, die Berechnung des Eigenkapitals zu verändern. Und es ward Licht! Plötzlich brauchen die Banken gerade mal lächerliche 80 Milliarden Euro, um die geforderten 9% Eigenkapitalquote zu erreichen. Dies geht aus dem Not-Stresstest hervor, wie Insider der Financial Times berichteten. Zuvor hatte Goldman Sachs ermittelt, dass die Banken 1 Billion Euro brauchen, Morgan Stanley war auf 400 Milliarden gekommen. Vor allem die am meisten bedrohten Institute und ihre Regierungen werden aufatmen: Die Deutsche Bank und die Royal Bank of Scotland bzw. Deutschland und Großbritannien könnten demnach die Bankenkrise als einen Albtraum abhaken, aus dem sie am 20. Oktober erwacht sein sollten.

Nun hat sich die EBA leider in der jüngeren Vergangenheit als nicht besonders kompetent erwiesen, was die Stresstests angeht. So hatte sie der französisch-belgischen Dexia-Bank noch im Juli bescheinigt, eine der gesundesten Banken auf dem Planeten zu sein. Drei Monate später musste das Institut verstaatlicht werden. Noch am 30. August hat EBA-Chef Andrea Enria die Europäer mit einem Brandbrief aufgeschreckt, als er das Thema Rekapitalisierung in dramatischen Worten überhaupt erst in die Debatte einbrachte.

Daher reagierten Beobachter nach dem FT-Bericht auch unmißverständlich ablehnend: Der Finanzblog Zerohedge argwöhnt, dass die Risiken dann anderswo versteckt werden. Und folgert: Die Märkte werden die „Dünndarm-Variante“ der EBA durchschauen und ihr Kapital nun erst recht aus den europäischen Banken abziehen. Muss doch befürchtet werden, dass zwar von einer Rekapitalisierung gesprochen, tatsächlich aber nur eine listenreiche Verschleierung praktiziert wird.

Solche Winkelzüge sind Gift für die Euro-Rettung. Denn alle Beobachter waren sich in einem Punkt einig: Das Hauptproblem der Marktturbulenzen sei ein großer Mangel an Vertrauen. Dieses Vertrauen wird durch solche Aktionen gewiss nicht gestärkt, im Gegenteil: Die EBA verliert den Rest ihrer Glaubwürdigkeit, und über kurz oder lang (eher kurz) steht Europa vor der nächsten Bailout-Welle. Denn auch die kreativsten Bilanzierungs-Techniken oder Lesarten beheben nicht das zugrunde liegende Problem der überbordenden europäischen Staatsschulden, die ihren Niederschlag in den von Schrottpapieren überbordenden Bilanzen der europäischen Banken finden.

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