Banken denken erstmals über Euro-Ende nach

Bisher galt es in Bankenkreisen als Tabu, über die konkreten Folgen des Auseinanderbrechens der Euro-Zone Analysen zu verfassen. Die HSBC hat nun erstmals ein solches Papier verfasst und in Umlauf gebracht. Es ist vor allem ein Dokument der Abhängigkeit der Banken vom gegenwärtigen Euro-System.

Unter dem Titel „Wie man die Probleme des Euro lösen kann“ hat die britische Großbank HSBC in dieser Woche ein Papier verbreitet, in dem erstmals die Mechanismen eines Auseinanderbrechens der Eurozone analysiert wurden. Das Papier überrascht nicht so sehr wegen seines Inhalts als vielmehr durch die Tatsache, dass die Banken im Hintergrund die Möglichkeit eines Euro-Endes offenbar langsam in den Bereich des Denkmöglichen rücken. Dies galt bisher als Tabu, und als allgemeine Sprachregelung in der Finanzwirtschaft galt, dass nicht sein könne, was nicht sein dürfe.

Dem entspricht auch die Struktur des HSBC-Papiers: Die Folgen des Austritts eines Landes wären so katastrophal, dass dieser Fall am besten niemals eintreffen solle. Am katastrophalsten wäre dieser Fall vor allem für die Banken, weil viele von ihnen noch jede Menge von Schrottpapieren in ihren Büchern haben. Ihr größtes Interesse ist es, dass es den Euro und die EU weitergibt.

Der Report der HSBC sei unseriös, weil die Bank einen Interessenskonflikt habe, schreibt daher auch folgerichtig ein Kommentator auf der Website der Financial Times, die den Report in Auszügen veröffentlicht. Er lasse einige realistische Szenarien außer Acht und betreibe pure Angstpropaganda.

Tatsächlich vermischt die HSBC unverblümt Fakten und Wunschdenken: Der Austritt eines Landes sei leider nicht zu verhindern, aber er würde automatisch den Ausschluss aus der EU bedeuten, mit allen Folgen: Ende der Freizügigkeit, Reisebeschränkungen, Zölle. Die Möglichkeit eines freundschaftlichen Austritts, wie er mittlerweile auch in höchsten EU-Kreisen im Fall Griechenlands diskutiert wird, kommt in dem Bericht gar nicht vor.

Die HSBC unterstellt eine „Wahrscheinlichkeit“ einer radikalen 1:1-Abwertung, wodurch vor allem die Banken erhebliche Verluste erleiden würden. Immerhin: Die HSBC stellt dieses Horror-Szenario nicht als eine „Muss“ dar, sondern als Möglichkeit. Berechnet man den Abwertungs-Mechanismus anders, wie einer der Kommentatoren es tut, kommt man zu einem viel weniger dramatischen Ergebnis.

Ein Banken-Run müsste im Keim erstickt werden, um nicht das ganze System zum Zusammenbruch zu bringen. Noch viel radikalere Sparmaßnahmen als jene von der Troika in Griechenland vorgeschlagenen müssten durchgesetzt werden. Das Volk eines austretenden Staates würde also noch mehr leiden. Immerhin: Auch hier erwähnt die HSBC die Möglichkeit eines praktikablen Auswegs. Die nationale Notenbank könnte durch Gelddrucken den Geldmarkt am Leben erhalten. Dann aber würde es zu einer Lohn-Preis-Spirale kommen, woraus die HSBC folgert, dass noch stärkere strukturelle Einschnitte nötig wären.

Der Kernpunkt des Unglücks wird in dem Bericht dankenswerterweise klar beim Namen genannte: Bis auf den IWF, der einen bevorzugten Gläubigerstatus hat, würden alle Gläubigerbanken ihre Investments zu 100% abschreiben müssen. Ironisch genug: Die HSBC kann die Sonderrolle des IWF auch inhaltlich begründen: Diese Institution wird auch weiter von einem Euro-abtrünnigen Land gebraucht und muss daher besser behandelt werden. Indirekt gibt das britische Institut damit zu: Die großen privaten Gläubigerbanken braucht dann kein Mensch mehr. Sie haben ihre Funktion für eine nationale Volkswirtschaft verloren. Denn durch den Austritt eines Landes aus dem Euro würde sich ein Staat – bei allen Schmerzen und bitteren Folgen für die Bevölkerung – unabhängig vom internationalen Finanzsystem machen. Dessen „Funktion“ besteht heute schon vor allem darin, die Staaten – vertreten durch ihre Regierungen – abhängig zu halten: In einem System, dessen Wertschöpfung Null ist und welches nur durch das Geheimrezept der völligen Intransparenz existieren kann.

Daher auch die logische „Bottom line“ des HSBC-Analyse: Die Politik muss die Situation für die Banken lösen, und zwar durch eine „Fiskalunion“. Nur dann kann die Finanzwirtschaft weiter ihre Geschäfte machen. Dass die Banken bei der Errichtung einer solchen, politisch nicht mehr zu beherrschenden Union dann wieder an allen Seiten des Tisches sitzen würden, noch kompliziertere und riskantere Produkte verkaufen könnten und selbstverständlich satte Beratungsmandate einstreichen würden, versteht sich von selbst.

Insofern ist der HSBC-Bericht vor allem für die politischen Entscheidungsträger von erhellendem Wert.

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Kommentare

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  1. Walter Schneider sagt:

    Banken sind wieder zu Zahlstellen im Dienste der Produktivwirtschaft zu stellen, als Mittel zum Zweck, nicht als Zweck selbst. Spekulative Geschäfte müssen gar nicht verboten werden, lediglich von der Zahlstellen-Funktion getrennt werden. Rechte und Pflichten müssen wieder deckungsgleich werden. Bisher werden Gewinne privatisiert, Verluste sozialisiert. Das ist Sozialismus. Pur.

  2. Klaus Walter sagt:

    Das England und die Staaten Interesse daran haben, den Euro in den Eimer zu treten ist nichts Neues. Sind ihre Währungen doch z.Z. alles andere als stark. Und das ein gewaltiges Programm gegen den Euro gefahren wird zeigt sich an allen Seiten. Uns wird vorgemacht, dass es um Griechenland und die BIGS geht, doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Amerika will mit aller Kraft verhindern, dass der Dollar als internationale Währung vom Euro abgelöst wird. Und solange die Eurokraten der IWF mit in ihre Entscheidungen einbeziehen, wird es auch gelingen. Hier findet ein echter Krieg statt, der unsere Nationen auf lange Sicht zurückwerfen kann. Und dem angelsächsischem Kapital ist das scheißegal ob da Menschen Kaput gehen, oder ganze Nationen vor die Hunde gehen. Nur nutzen wird es ihnen nichts, sie werden der Verelendung folgen.

    • Karl-Heinz sagt:

      Na so groß kann das Interesse der Amerikaner, am Untergang des Euro, nicht sein.
      Sonst hätten sie in der vergangenen Woche nicht mitgeholfen, die französischen Banken, mit Dollars zu versorgen.

      Außerdem ist der Euro zu ca. 80% mit Dollar unterlegt. Von einer eigenständigen Währung zu sprechen erscheint da gewagt.

  3. Daniel sagt:

    „Bisher galt es in Bankenkreisen als Tabu, über die konkreten Folgen des Auseinanderbrechens der Euro-Zone Analysen zu verfassen.“

    Das hat man nun von seiner Moral. Man leugnet einfach die Realität und erwägt nicht einmal einen Zusammenbruch geschweige denn, die unmittelbaren Folgen die damit einher gehen.

    Also hat man
    A) keine Ahnung was danach kommen soll.
    B) keine Ahnung WIE eine Währung zum Fall gebracht werden kann (denn es ist ja Tabu über dieses Thema zu sprechen)
    C) kann NIEMAND von diesen Hirntoten auch nur Ansätze liefern, WIE die Währung denn stabilisiert werden kann.

    Ich werfe niemandem Korruption vor, oder Mittäterschaft, denn diese eine Zeile legt offen, dass die Dummheit dieser Menschen sich gar nicht in Worte fassen lässt, weil sie Grenzenlos zu seien scheint.

    Viel Spaß in der Blubberblasenwelt, die nächste Blase die Platzen muss, ist die Traumblase in der sich 50% der Menschen befinden….viel Spaß mit der Realität, sie ist viel brutaler, intriganter und unfassbarer, als jede Verschwörungstheorie !

    • FDominicus sagt:

      Seit der ersten „Bankerenrettung“ wende ich mich gegen derartige Schneeballsysteme. Bisher haben die Verantwortlichen aber nur mehr Schnee auf einen Haufen geschüttet und wundern sich auf einmal über all die Lawinen.

  4. FDominicus sagt:

    Wäre es zuviel verlangt wenigstens einen Link zu posten wo man dieses Papier finden kann?