Erste Group: Bankenkrise erreicht Österreich

Die Erste Group muss Milliardenabschreibungen vornehmen und nennt die Schuldenkrise als Ursache. Der Grund dürfte eher im hemmungslose Wachstumskurs mit mangelndem Risikobewusstsein zu finden sein.

Gerade erst hat die Deutsche Bank ihre Gewinnziele für 2011 von 10 Milliarden Euro unspezifisch nach unten korrigiert und will 500 Mitarbeiter entlassen. Der Commerzbankchef spricht düster vom „August als nicht so tollem Monat.“ Die erste europäische Großbank, die französisch-belgische Dexia, ist am Wochenende an ihren Investitionen in Griechenland gescheitert. Und nun schockt die österreichische Erste Group – mit 17,4 Millionen Kunden eine der größten Bankengruppen in Zentral- und Osteuropa – Anleger mit der Nachricht, dass für 2011 nicht rund 700 bis 800 Millionen Euro Gewinn sondern Verluste von ungefähr 800 Millionen Euro netto anstehen.

Für die Aktionäre gibt es daher keine Dividende. Die ehrgeizigen Pläne des Sparkassen-Instituts, als erste Bank rund 1,2 Milliarden Euro staatlicher Hilfe, die sie während der letzen Finanzkrise bekommen hatte, zurückzuzahlen, legt Erste-Chef Andreas Treichl nun für mindestens ein weiteres Jahr auf Eis. Der Kurs der Erste Group brach Montag um 16% ein. „Wir haben radikale Schritte unternommen, um die Erste Group auf eine lange Zeit der Unsicherheit vorzubereiten“, begründete Treichl den Schritt vor der Presse.

Für Treichl liegt der Grund des Übels in der Unfähigkeit der Politik, richtungweisende und vor allem endlich abschließende Lösungen für die Schuldenkrise zu finden. Der Bankchef rechnet mit einem Schuldenschnitt von 50% für Griechenland und keine vorgezogenen Beschlüsse über die Rekapitalisierung von Europas Banken. Treichl befürchtet als Folge der Griechenland-Pleite massive Auswirkungen auch auf die Realwirtschaft und will sein Institut entsprechend rüsten.
Ende September lag der Verlust der Erste Group bei fast einer Milliarde Euro, so Treichl, was sich bis Ende des Jahres aber bei den nun erwarteten rund 800 Millionen Euro einpendeln soll. Schuld sind Abschreibungen auf Staatsanleihen von Krisenländern wie Griechenland, Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps – CDS) und auf Bankenbeteiligungen in Osteuropa.

So schreibe die Erste den Firmenwert der ungarischen Tochter Erste Bank Hungary von 312 Millionen Euro vollständig ab und lege als Risikovorsorgen noch einmal 450 Millionen oben auf. Dies sei eine Folge der massiven staatlichen Interventionen im ungarischen Bankensektor wie Bankensteuer und Enteignung von Fremdwährungskrediten. „Das operative Geschäft läuft gut“, sagte Erste-Sprecher Michael Mauritz den Deutschen-Mittelstands-Nachrichten. „Wir haben uns nur entschlossen, den Firmenwert in unseren Büchern abzuschreiben, weil das politische Klima in Ungarn so ungünstig ist.“

Ebenso schreibe die Erste trotz guter operativer Geschäfte den Firmenwert der rumänischen Tochter BCR von 627 Millionen Euro ab, so Mauritz. Gleichzeitig habe das Kreditrisiko der EU-Krisenstaaten zu Abschreibungen bei CDS in Höhe von 180 Millionen Euro geführt.
Insgesamt habe die Bank ihre Verpflichtungen in den Euro-Krisenländern Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien von 1,9 Milliarden Euro vor knapp einem Jahr auf aktuell 600 Millionen Euro reduziert, von denen 10 Millionen Euro in Griechenland und Portugal investiert seien.

Erste-Sprecher Mauritz bestätigte, alle diese Maßnahmen zielten darauf ab, Schwächen zu eliminieren und Stärken weiter auszubauen: Zu letzteren zählten weiterhin das profitables Privatkunden- und Firmenkundengeschäft in den wichtigsten Märkten Tschechien, Slowakei und Österreich sowie eine solide Kapitalausstattung und eine robuste Refinanzierungsstruktur.
„Unsere Kernkapitalquote und unsere Liquiditätssituation, wesentliche Zeichen der Stärke in diesen Zeiten, werden durch diese Maßnahmen nicht geschwächt“, betonte Mauritz. Auch, wenn die Erste Group vorerst stattliche Hilfsgelder nicht zurück zahlen könne, glaube Bankchef Treichl daher nicht, dass sein Institut erneut als Bittsteller wird auftreten müssen.

Das österreichische Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo nimmt allerdings an, dass noch weitere österreichische und europäische Banken ihre Portfolios werden bereinigen müssen. Wifo-Bankexperte Franz Hahn sagte im österreichischen Hörfunk Ö1, es sei der Ersten zugute zu halten, dass sie hier vorgeprescht sei.

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