Wie die Banken die Wettkönige zu Insidern machen

Die Hedge-Fonds sind die Wettkönige der Finanzindustrie. Sie brauchen möglichst viel Insider-Wissen, um gegen jemanden zu wetten. Seit neuestem agieren Banken als diskrete Personalvermittler. Sie dienen die Leute, die sie entlassen müssen, den Hedge-Fonds an. So stellen die Banken sicher, dass am Ende die „Richtigen“ die Wetten gewinnen.

Wetten sind das lukrativste Produkt der Finanzindustrie. Goldman Sachs verkauft Wetten gegen Europa, während die Investment Bank gleichzeitig die spanische und anderen Regierungen berät. Seit neuestem erfreuen sich Wetten gegen Deutschland und Frankreich großer Beliebtheit. Um bei einer Wette das Risiko möglichst gering zu halten, muss man möglichst viel Insider-Wissen haben. Das beschafft man sich am besten durch Leute, die das Wissen schon haben – weil sie schon mal auf der anderen Seite des Tisches gesessen haben.

Seit der Finanzkrise haben Banken wie Goldman Sachs, Morgan Stanley, die Deutsche Bank, die Bank of America und weitere Banken daraus ein neues Geschäftsfeld entwickelt: Die Insider- Personalvermittlung. Sie suchen Büroflächen, steigern Geldmittel für neue Portfolios ihrer Hedge-Fonds Kunden und agieren als informelle Personalvermittler, indem sie mit wenig Personalaufwand große Datenbanken mit Lebensläufen potentieller Angestellter für Hedge-Fonds füllen und Einführungen für zukünftige Branchenexperten gleich zusätzlich anbieten. Alles kostenlos, versteht sich. Die Banken sind durch die Abwicklung und Finanzierung von Finanzgeschäften für Hedge-Fonds in das tägliche Geschäft von tausenden Hedge-Fonds involviert. So wissen sie so ziemlich alles über den Markt und können ihn bequemerweise durch das richtige Personal kontrollieren – auch wenn die Leute nicht mehr auf der Payroll der Banken sind.

Durch diese Praxis, die Goldman Sachs als „Talenteinführung“ bezeichnet, versuchen die Banken, sich lukrative Makler- und Handelsgeschäfte zu sichern. Allein die Tatsache, dass es keine richtige Offenlegung und angemessenen Restriktionen für diese Personaldienstleistung gibt, zeigt die Sprengkraft dieses Geschäfts mit den Fachkräften.

Die Frage nach der Loyalität liegt auf der Hand. Wer kann verhindern, dass die einst rekrutierten Finanzexperten eher im Interesse der Banken, durch die sie man einen Hedge-Fonds vermittelt wurden, tatsächlich im Interesse des Investoren arbeiten. Stuart Hendel, Global Head für die Abwicklung und Finanzierung von Finanzgeschäften für Hedge-Fonds der Bank of America, sagt, „wir schauen nicht nach Leuten, die Leute finden uns. Und wir machen deutlich, dass wir keine Empfehlungen aussprechen“.

Noch gefährlicher: Die Bank-Mitarbeiter bringen genau jenes Insider-Wissen über Kunden mit, das die Hedge-Fonds brauchen, um gegen jemanden zu wetten: sei es ein Unternehmen, eine Branche oder ein ganzer Staat. Schließlich beraten die Banken ja auch auf der anderen Seite die Kunden – etwa den Rettungsfonds EFSF als „lead manager“ bei den diversen Emissionen. Da weiß man schon ziemlich genau, was in Irland oder Portugal los ist – und wie könnte man das vergessen?

Der Vorteil für die Hedge-Fonds liegt außerdem darin, dass traditioneller Personalvermittler bis zu 25 Prozent der Vergütung des ersten Arbeitsjahr für ihre Dienste veranschlagen. Die Wall Street Firmen hingegen berechnen nichts. Inwiefern die Wall Street Banken nicht doch Vorteile aus diesen Leistungen beziehen, ist schwer zu sagen. Falls ja, und unwahrscheinlich ist das nicht, könnten diese informellen Deals auf Kosten der Investoren gehen, die womöglich nichts über diese Verwicklungen wissen. In der Regel konzentrieren sich die Banken auf Personal im Back-Office und im Rechnungswesen, aber auch Investmentprofis und Finanzanalysten werden mitunter vermittelt.

In der New York Times berichteten die Leiter dreier Hedge-Fonds, die den Service von Goldman Sachs genutzt haben. Sie sagen, dass die potentiell zu vermittelnden Angestellten in der aus der Arbeitslosen-Datenbank von Goldman Sachs stammen. Aber es gebe auch eine kleine Zahl von Hedge-Fonds Angestellten, die ihren Arbeitsplatz aus Unzufriedenheit oder aus Lust, in einem anderen Teil der Welt zu arbeiten, verlassen wollen. Dies kann dazu führen, dass die Banken beginnen, Personal von einem ihrer Hedge-Fonds Kunden abzuwerben, um ihn bei einem anderen Hedge-Fonds unterzubringen. Andrea Raphael von Goldman Sachs betont zwar, sie würden keine Angestellten eines Kunden dazu bringen, für andere zu arbeiten. Experten halten es dennoch für naheliegend.

Darüber hinaus kann diese Praxis der Banken auch für die Hedge-Fonds selbst richtig gefährlich werden – etwa, wenn die Banken erfahren, dass eine Top-Führungskraft einen Hedge-Fonds verlassen will. Schnell werden in diesem Fall unangenehme Vermutungen über die Lage dieses Hedge-Fonds in den Medien lanciert. Dies könnte wiederum dazu führen, dass die Bank, die davon erfährt, Kredite abzieht oder vielleicht sogar den Verkauf von Anlagen erzwingen will. Andrea Raphael kommentiert diese mögliche Situation damit, dass die Firma im Falle einer solchen Entdeckung mit dem Hedge-Fonds Klienten über diesen Sachverhalt und die Folgen sprechen würde.

Die Position, die sich die Wall Street Banken mit ihrer Personalvermittlung geschaffen haben, zeigt, wer die Fäden in der Finanzwirtschaft in den Händen hält. Die Regulierungsbehörden wirken daneben wie Relikte aus einer Zeit, in der die Politik noch die Gesetze bestimmte.

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Kommentare

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  1. dw-seneca sagt:

    Die richtige Antwort lautet: pleitegehen lassen

  2. dw-seneca sagt:

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  3. dw-seneca sagt:

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  4. dw-seneca sagt:

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  5. Karl-Heinz sagt:

    Wer jetzt noch glaubt, dass man bei Banken, Investmenthäusern und Börsen auch nur ein unmanipuliertes Geschäft machen kann, dem ist nicht mehr zu helfen.

    Danke für den Artikel. Diese Informationen braucht jeder Anleger (Abgezockter).

  6. Karl-Heinz sagt:

    Wer jetzt noch glaubt, dass man bei Banken, Investmenthäusern und Börsen auch nur ein unmanipuliertes Geschäft machen kann, dem ist nicht mehr zu helfen.

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