Erste Group: „Finanzgenies“ und blinde Wirtschaftsprüfer

Das Milliarden-Desaster der österreichischen Erste Group zeigt, warum die Bankenkrise systemisch ist: Angebliche Wunder-Banker werden engagiert, die Wirtschaftsprüfer verstehen nicht, was sie prüfen, der Bankdirektor attackiert die Politik – und am Ende zahlt der Steuerzahler.

Die Erste Group verstand sich immer schon als österreichisches Vorzeigeunternehmen. Besonders der Vorsitzende des Vorstands, Andreas Treichl, wird wie ein österreichischer Banken-Mozart hofiert. Und er nutzt seine Narrenfreiheit gerne für markige Sprüche. So bescheinigte er im Mai in einem Interview für die Zeitung „Der Standard“ der Politik pauschal komplette Ahnungslosigkeit. „Unsere Politiker sind zu blöd und zu feig dazu und zu unverständig dafür, weil sie von der Wirtschaft keine Ahnung haben um dagegen zu wirken und das wird Österreich schaden und wir werden hinter andere Länder zurückfallen.“

Allerdings dürfte auch Treichl selbst wenig Ahnung gehabt haben – zumindest von seinem eigenen Unternehmen: Noch vor weniger als zwei Wochen sagte er, dass die Erste ihre Gewinnprognose nicht revidieren werde, und 800 Millionen Euro Gewinn in diesem Jahr erwirtschaften werde. Am Montag nun hatten sich die 800 Millionen in einen Verlust in derselben Höhe verwandelt. Die Tatsache, dass sein Unternehmen binnen 14 Tagen um 1,6 Milliarden Euro ärmer geworden ist, begründete Treichl im österreichischen Fernsehen wenig überzeugend mit „ad-hoc-Meldepflichten“.

Unterdessen stellt sich heraus, dass Treichl auch über die Gründe des Niedergangs geflunkert hatte: Nicht die osteuropäischen Teile der Bank sind für den Verlust verantwortlich, sondern CDS-Spekulationen. CDS (Credit Default Swaps) sind eine Art Kreditversicherung. Diese waren von der Erste nicht ordnungsgemäß in der Bilanz offengelegt worden. Für Experten stellen sich viele Fragen: Wer ist in Österreich für die Einhaltung der Bankgesetze zuständig? Wie viel Risiko wurde ins restliche Europa veschoben? (Methoden dazu hier) Wie konnten die Wirtschaftsprüfer (Ernst&Young) diese gravierenden Mängel übersehen? Warum waren die Erste Banker so blöd, die CDS so offensichtlich falsch zu verbuchen?

Über die meisten Frage herrscht naturgemäß Unklarheit: Es wird jedoch befürchtet, dass die Erste ihre Schrottpapiere, schön verpackt in neu Schrottpapiere, an andere europäische Banken verkauft haben. Damit könnte ein österreichischer Virus in Umlauf gebracht worden sein, der noch manchem in Europa Sorgen machen wird. Die Einhaltung der Bankgesetze scheint nicht oberste Priorität der österreichischen Bankenaufsicht zu sein – ein Systemmangel, den zu beklagen müßig ist, weil die Banken mit ihren Tricksereien immer schneller sind als die Regulatoren.

Anders verhält es sich mit den Wirtschaftsprüfern: Experten halten es für schlicht undenkbar, dass Ernst&Young den Bilanzschwindel nicht bemerkt haben soll. Mit insgesamt 8 Milliarden Euro an riskanten Papieren sei die Summe einfach zu hoch, um „übersehen“ zu werden. Ernst&Young liefert damit ein weiteres Bravourstück an kreativer Buchhaltung ab: Die Prüfer hatten vor nicht allzu langer Zeit den Lehman Brothers vollkommene Unbedenklichkeit bescheinigt. Der Staatsanwalt von New York versucht, Ernst&Young wegen dieser Sorglosigkeiten zu belangen.

Selbst Außenstehende haben das Desaster vorhergesehen: Der österreichische Föhrenbergkreis schreibt auf seiner Webseite „Wir haben schon im April 2009 den Jahresabschluss der Erste Group 2008 analysiert und dabei festgestellt, dass statt einem ausgewiesenen “Gewinn“ von 1,039 Milliarden Euro bei aufrichtiger Bilanzierung ein erheblicher Verlust zu schreiben gewesen wäre.“

Was die Kompetenz der Top-Banker der Erste anlangt: Man kann dem Management keinen Vorwurf machen. Andreas Treichl hatte doch extra ein Top-Team für diese Aufgaben engagiert: Die Erste ist von den jenen „Finanzgenies“ beraten worden, die die Citigroup 2008 wegen der Anhäufung exorbitanter Verluste entlassen habe. Ein Kommentator auf der Website der Financial Times schreibt: „Jetzt haben sie es wieder getan, aber diesmal auf Kosten der österreichischen Steuerzahler. Ich bin mir sicher, auf dem Papier haben Sie erst einmal riesige Gewinne eingefahren und entsprechende Boni kassiert.“

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Kommentare

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  1. menetekel sagt:

    Es handelt sich um Korruptionswirtschaften.
    Wirtschaftlicher Raubbau!
    http://www.youtube.com/watch?v=EaaQGOiFFco

  2. menetekel sagt:

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