„Nach der Krise wird Europa chinesischer aussehen“

Der Asien-Experte Frank-Jürgen Richter erwartet im Interview mit den Deutschen Mittelstands Nachrichten, dass China die Chance ergreifen wird, in europäische Unternehmen zu investieren. Die Chinesen tun dies ohne Schadenfreude, werden aber darauf dringen, dass ihr Einfluss in der Welt deutlich steigt. Richter ist unter anderem Gastautor in der Zeitung „China Daily“.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Gründe für China, dem Euroraum aus der Krise zu helfen?

Frank-Jürgen Richter: Chinas Export hängt stark von Europa ab – wir sahen bereits zu Beginn der Wirtschaftskrise in 2008, dass viele der exportorientierten Unternehmen in Schieflage gerieten. Europe ist der Hauptabsatzmarkt für chinesische Unternehmen, nicht nur für Billigprodukte, sondern vermehrt auch für Industrieausrüstung und Waren des gehobenen Bedarfs. Damals war es gelungen, die Einbußen im Export durch eine verstärkte Binnennachfrage auszugleichen. Diesmal würde bei einem Absturz Europas diese Hebel höchstwahrscheinlich nicht mehr ziehen – der Spielraum ist bereits ausgenutzt. Neben rein ökonomischen Gründen hat China auch ein Interesse daran, nicht als ,Schwarzer Peter‘ da zu stehen – es möchte seinen Beitrag dazu leisten, die globale Volkswirtschaft in Schwung zu halten. China nimmt seine Verantwortung auf der Weltbühne ernst. Dies ist auch daran abzulesen, dass China eine aktive Rolle in der G20 spielt.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Für wie wahrscheinlich halten Sie eine solche Hilfe und wie könnte sie konkret aussehen?

Frank-Jürgen Richter: China wird sicherlich in Europäische Sovereign Debt engagieren. Gespräche mit Griechenland, Italien, Spanien und Portugal laufen bereits. Über die Höhe des Engagements kann nur spekuliert werden. Darüber hinaus glaube ich, dass Chinesische Unternehmen verstärkt europäische Unternehmen aufkaufen werden – diese sind momentan vergleichsweise günstig zu haben. Somit ist die Europäische Krise auch eine große Chance für Chinesische Unternehmen – nach der Krise wird Europa etwas chinesischer aussehen.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Warum haben sich die anderen BRIC-Staaten von einer möglichen Unterstützung des Euroraums abgewendet?

Frank-Jürgen Richter: Die anderen BRIC-Staaten sind bei weitem nicht so exportorientiert wie China. Brasilien und Russland sind auch vor allem Rohstofflieferanten und weniger Exporteure von Handelswaren. Indien lebt vom eigenen Binnenmarkt und IT-Dienstleistungen. Einige Ökonomen fordern inzwischen sogar, die BRICs nicht mehr als Einheit betrachten zu wollen – die Volkswirtschaften sind zu verschieden. Die Währungsreserven Russlands, Indiens und Brasiliens sind im Vergleich zu China übrigens eher limitiert – ein Aufkauf von Sovereign Debt im großen Stil wäre gar nicht möglich.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Ist es vorstellbar, dass China, wenn es hilft, tatsächlich mehr Mitspracherecht im Internationalen Währungssystem erhält?

Frank-Jürgen Richter: Das ist durchaus vorstellbar. Mit Zhu Min hat China nun bereits einen Vizepräsidenten im IWF. Er bestimmt aktiv die Präferenzen des IMF mit. Vielleicht haben wir in einigen Jahren einen chinesischen Chef des IWF oder der Weltbank. Warum sollten diese Posten auch für ewig eine Domäne des Westens bleiben. Es würde sicherlich helfen, wenn die USA und China Einigkeit in Währungsfragen zeigen könnten – es hilft nicht, China ständig als `Währungsmanipulator` zu brandmarken.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Wie würde China mit einem größeren Mitspracherecht umgehen?

Frank-Jürgen Richter: China wird sicherlich seine Währungsreserven mehr umschichten, und nicht nur auf den Dollar konzentrieren. Aufkäufe von Eurobonds im größeren Stil werden erfolgen. Auch der Yen und andere Währungen werden im Währungskorb aufgenommen. Die chinesische Regierung ist davon überzeugt, dass Währungsspekulation schädlich für die Weltwirtschaft ist. Stabilität und Langzeitorientierung stehen an erster Stelle. Ich glaube auch, dass China verstärkt mit den Bretton Woods-Institutionen kooperieren wird.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Wie ist die öffentliche Meinung in China bezüglich der Eurokrise?

Frank-Jürgen Richter: Ich habe gestern Morgen mit einigen chinesischen Teilnehmern des Global China Business Meeting gesprochen, das Horasis Anfang November in Valencia, Spanien, veranstalten wird. Wir bringen jedes Jahr eine größere Delegation chinesischer Vorstandsvorsitzender nach Europa. Es besteht Erleichterung über die Lösung der griechischen Schuldenfrage, die am Donnerstag erzielt wurde. Ich habe bislang keine Anzeichen von Schadenfreude über die Schwierigkeiten Europas wahrgenommen – China möchte zur Lösung des gegenwärtigenProblems beitragen.

Dr. Frank-Jürgen Richter, gebürtiger Deutscher, ist Vorstand des Beratungsunternehmens Horasis.

Das Gespräch mit Dr. Frank-Jürgen Richter führte Anika Schwalbe.

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Kommentare

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