Energiewende erfordert neuen Gesellschaftsvertrag

Die Energiewende macht nicht nur technische Neuerungen nötig. Auch das gesellschaftliche System muss sich ändern. Zu diesem Schluss kam die Jahrestagung des Forschungsverbunds Erneuerbare Energien.

Rund 350 Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Forschung waren sich während der diesjährigen Jahrestagung des Forschungsverbunds Erneuerbare Energien (FVEE) einig: Ein Paradigmenwechsel in der Energieversorgung ist notwendig. „Wir brauchen nicht nur Technologiefortschritte bei den Erneuerbaren Energien wie Wind oder Fotovoltaik. Wir brauchen komplett neue Systeme für die Erzeugung, in der Vergütung und bei den politischen Rahmenbedingungen“, sagte Verbandssprecherin Petra Szczepanski. Die Mitglieder des FVEE sind Forschungseinrichtungen vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) über verschiedene Fraunhofer-Institute bis hin zum Institut für ZukunftsEnergieSysteme (IZES). Ziel ist ein 100 % erneuerbares Energiesystem, für das die Institute die technologischen Grundlagen liefern wollen. „Inzwischen geht es aber auch darum, gesellschaftliches Umdenken zu erreichen, weswegen wir in diesem Jahr auch Sozialwissenschaftler dabeihatten“, erklärte Szczepanski. Die Bundesregierung möchte den Anteil von Erneuerbaren Energien am Strommix von aktuell 11 % Primärenergie bis 2050 auf immerhin 60 % steigern. Dazu arbeitet der FVEE unter anderem an intelligenten Methoden, wie man verschiedene Systeme von Strom über (Bio-)Kraftstoff bis zu Wärme- und Energiespeicher besser miteinander verknüpfen und effizienter steuern kann. Ein Teilaspekt sind die sogenannten intelligenten Netze („Smart Grids“). Sie greifen auf mehrere dezentrale Erzeuger regenerativer Energien zurück und koordinieren Produktion, Speicherung und Abnahme nach dem jeweiligen Bedarf. Die Energieversorgung wird so viel effizienter, als es der herkömmliche Zugriff auf einige wenige Kraftwerke ermöglicht. „Die wesentliche Herausforderung besteht darin, dass man das gegenwärtige Energiesystem an die Erfordernisse der Erneuerbaren Energien anpassen muss“, betonte der wissenschaftliche Tagungsleiter Prof. Dr. Eicke Weber. „Mit anderen Worten:

Statt Systemintegration brauchen wir eine Systemtransformation, um die Anteile der Erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung in Deutschland rasch und signifikant zu erhöhen.“ Dazu wiederholte Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) seinen Ruf nach einem neuen Gesellschaftsvertrag. „Wir brauchen eine Revolution zur Nachhaltigkeit“, mahnte er. Bereits im Frühjahr hatte der WBGU in seinem Gutachten „Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ den Umbau der Zivilgesellschaft als adäquate Reaktion auf den Klimawandel und seine Folgekosten gefordert. Diese Revolution kann nach Ansicht des WBGU allerdings nur gelingen, wenn Menschen in politische Entscheidungsprozesse eingebunden werden und ihr eigenes Verhalten überprüfen. Zudem müsse massiv in die Energiewende investiert werden. Der FVEE fordert daher unter anderem bessere politische Rahmenbedingungen. Als Vorbild dient das Erneuerbare-Energien-Gesetz für Stromerzeugung, das die Bereitstellung von Ökostrom belohnt. Dies sei auch für die Förderung von erneuerbarer Wärme sinnvoll: Windanlagen könnten mithilfe von Methan „Windgas“ erzeugen, das sich dann kostengünstig in das Gasnetz einspeisen ließe. Damit sich Wissenschaftler, Unternehmer und interessierte Bürger jederzeit über den aktuellen Stand der Diskussion informieren können, will die Agentur für Erneuerbare Energien möglichst viele Informationen zugänglich machen. Auf einem neuen Onlineforum können künftig Gutachten, Prognosen und Studien im Bereich Erneuerbare Energien abgerufen werden.

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