China: Sorgen wegen Inflation und weniger Wachstum

Die Anzeichen mehren sich, dass die Wachstumslokomotive der Weltkonjunktur an Fahrt verliert. Besonders bedenklich ist die steigende Inflation.

(13.09.2011) China ist für Deutschland mittlerweile der zweitwichtigste außereuropäische Exportmarkt. 2010 lagen die Exporte nach China bereits bei 53,3 Milliarden Euro. Besonders für die Exporteure von Maschinen und Anlagen, elektrotechnischen Produkten sowie Kraftfahrzeugen und Kraftfahrzeugteilen haben sich in den vergangenen Jahren die guten Beziehungen zwischen Deutschland und China bezahlt gemacht. In der Frühjahrsbefragung des Instituts für Mittelstandsforschung im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Industrie und der Deutschen Bank unter den größten Familienunternehmen ging hervor, dass für die befragten Unternehmen China in 3 Jahren das wichtigste Exportland sein wird. Bisher waren die USA die sogenannte Wachstumslokomotive.

Aber das sind „tempi passati“: Zusammen mit Ländern wie Indien, Russland und Brasilien hat China heute ein deutlich höheres Gewicht in der Weltwirtschaft. „China ist in den letzten Jahren fast wichtiger geworden als die USA“, sagt Christof Römer vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW): „Wenn es in China größere konjunkturelle Probleme gäbe, hätte das deutlich negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.“ Allerdings gibt Christian Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) zu bedenken, dass „China als Absatzmarkt für Konsumgüter noch nicht das Potenzial“ hat, „das den USA zukommt“. In den vergangenen Jahren wies China ein jährliches Wachstum zwischen 9 % und 10 % auf und auch im Jahr 2011 rechnet man mit einem Wachstum von 9 % bis 9,5 %. Dieses große Wachstum scheint sich auf die Inflation auszuwirken. Lag sie vor ein paar Jahren noch zwischen 0 % und 3 %, so beträgt sie momentan rund 6,5 %, also deutlich mehr als der langjährige Durchschnitt. Dies spiegelt sich nun vor allem in den steigenden Preisen wider. Mit den Wachstumsproblemen der USA hat das wenig zu tun, die meisten Probleme sind hausgemacht. „In vielen Bereichen herrscht ein regelrechter Investitionsboom, der schnell zu Überkapazitäten führen kann“, erläutert Christof Römer vom IW in Köln. Viele Experten würden das größte Problem auf dem chinesischen Immobilienmarkt sehen.

Die chinesische Regierung ist nun dazu übergegangen, das Wachstum zu dämpfen und wird auch, wie Christian Dreger vom DIW bestätigt, in naher Zukunft nicht umhinkommen, weitere wirtschaftspolitische Maßnahmen wie eine „restriktivere Kreditvergabe der staatlich kontrollierten Banken und Zinsanhebungen durch die Notenbank“ anzuwenden. Möglicherweise drängt sich aber noch ein anderes Problem in den Vordergrund: Das Wachstum in China verliert deutlich an Dynamik. Aus einer Analyse der Bespoke Investment Group geht hervor, dass der Aktienindex von Shanghai 12 % im Vergleich zum Vorjahr verloren hat. Das Wall Street Journal empfiehlt den Chinesen: „Spart einiges von eurem Cash und kauft eure eigenen Anleihen.“ Jedenfalls glauben Experten nicht, dass die Chinesen viel Spielraum haben, um europäische Schrottpapiere zu kaufen. Eine Rettungsaktion für die Euroschuldenländer gilt daher als Wunschdenken der Betroffenen. Zwar ist in China noch bei Weitem keine Rezession zu erkennen wie in einigen Teilen Europas. Aber die Entwicklung könnte theoretisch, so Christof Römer, zu Exportrückgängen und verschlechterten Investitionsbedingungen führen. Römer: „Wir gehen davon aus, dass die wirtschaftlichen Probleme in China noch nicht so groß sind, dass es in diesem und im nächsten Jahr zu einem sehr starken Einbruch der Wirtschaftsleistung führen wird.“ Wenn sich die Entwicklung Chinas jedoch in den kommenden 12 Monaten derart negativ gestalten sollte, dass es tatsächlich zu einer Art Rezession kommt, „wird es sehr starke Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben“, sagt Christof Römer.

Die derzeitige Situation in den USA und in der Eurozone scheint demnach spürbar schlechter, eine Rezession ist hier bereits wahrscheinlich. „Die Risiken für eine erneute Rezession sind beträchtlich“, sagt Prof. Dr. Henning Vöpel vom Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI), und auch der Schweizer Prof. Dr. Hans Wolfgang Brachinger von der Universität Freiburg sieht es ähnlich: „Das Risiko einer weltweiten Rezession ist tatsächlich hoch und in den letzten Tagen weiter gestiegen.“ Die Situation scheint aussichtslos, denn „eine zu schnelle und vor allem simultane Konsolidierung in allen Ländern würde nach dem Schock der Finanzmärkte einen fiskalischen Schock bedeuten“, warnt Henning Vöpel. So gesehen bleibt zu hoffen, dass China noch einige Zeit stark bleibt. „Die USA, die EU und China machen zusammen die Hälfte der weltweiten Produktion aus“, sagt Zsolt Darvas vom Thinktank Bruegel, „Fortschritte in diesen 3 ökonomischen Gebieten sind existenziell für den Rest der Welt“.

Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar zum Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.