„Europa droht dasselbe Ende wie der Sowjetunion“

Der französische Politologe François Heisbourg glaubt, dass es der EU ergehen könnte wie der UdSSR: Die wirtschaftliche Schwäche könnte zum raschen Zerfall führen.

Für den Politologen François Heisbourg von der französischen Fondation pour la recherche stratégique ist das schnelle Ende der Europäischen Union gut vorstellbar. Seine Analyse in Le Monde überschreibt Heisbourg mit der Frage „Wird die EU enden wie die Sowjetunion?“. Er beantwortet diese Frage in seinen Überlegungen mit einem relativ deutlichen Ja.

Die Gründe sieht Heisboug vor allem in der Staatsschuldenkrise. Auch der Zerfall der Sowjetunion sei ein wirtschaftlicher Zusammenbruch gewesen. Heisbourg: „In beiden Fällen erleben wir, trotz der gravierenden Unterscheide der politischen Systeme, den Verlust der wirtschaftlicher Dynamik und eine Erosion des Wachstums.“ Beide Systeme seien gleichermaßen unfähig, den Bürgern den Grund ihrer Existenz plausibel zu machen. Es gäbe auch in der EU viele Widersprüche. Vor allem die jungen Europäer könnten nicht mehr ausschließlich mit dem einzigen Gründungsgedanken der EU zusammengehalten werden: Mit dem Postulat des „Nie wieder!“, im Hinblick auf den Zweiten Weltkrieg und der daraus folgenden Angst vor Kriegen zwischen den Nationen Europas.

Wie in den letzten Monaten der Sowjetunion beobachtet Heisbourg eine gewisse Hilflosigkeit der Rettungsversuche: Auch Michails Glasnost und Perestroika seien zu spät gekommen, weil das große Reich bereits innerlich zerfallen sei. Ähnlich verhalte es sich mit den erfolglosen „entschiedenen Rettungsbestrebungen“ der europäischen Politik.

Den europäischen Institutionen stehen die Europäer „bestenfalls gleichgültig, in einem immer höheren Maß aber feindselig gegenüber“, schreibt Heisbourg. Der Grundfehler der EU, eine Währungsunion ohne eine funktionierende demokratische Struktur, könne kaum mehr behoben werden. Das Fehlen gemeinsamer Institutionen habe dazu geführt, dass es zwischen Finnland und Portugal, zwischen Berlin und Rom, immer noch grundlegende wirtschaftliche und soziale Unterschiede gäbe. Dies sei in Indien, Brasilien oder den USA vollkommen anders.

Heisbourg kommt zu einer interessanten Schlussfolgerung: Selbst wenn sich der Euro wieder erholen würde, wäre dies keine Existenzgarantie für das Überleben der EU. Die strukturellen Mängel seien einfach zu groß, als dass sie durch eine gemeinsame Währung übertüncht werden könnten. Daher glaubt Heisbourg, dass Europa besser beraten wäre, „eine neue Union auf den Ruinen des Euro“ aufzubauen. Er hofft jedoch, dass es Europa besser machen werde als das Putin-Russland, dessen wirtschaftliche und politische Strukturen seiner Meinung nach keine wirkliche Innovation im Vergleich zur UdSSR darstellen.

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Kommentare

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    • M.Schmidt sagt:

      Hab ich gelesen…aber was hat „der Mann am Kreuz“ mit den Problemlösungen der Gegenwart zu tun? Ich glaube eher dass diese Negativ-Symbolik uns dahin gebracht hat wo wir heute sind…die versteht doch kein normaler Mensch!?

  1. M.Schmidt sagt:

    Der struktuelle Mangel Europas besteht darin, daß die verantwortliche Politik den Europagedanken aus den Augen verloren hat, weil sie sich vom Geld, den Märkten, korrumpieren läßt und sich aus reinem Machtinteressen auf überkomme Nationalismen reduziert.
    Weitblick…Fehlanzeige….
    So werden zwar die nächsten Wahlen gewonnen, egal von wem, aber dieser Kontinent hat so keine Zukunft in einer globalen Welt.
    Das ist dann aber auch ok, denn er hat seine Chance gehabt und sie einfach aus reiner egomaner Fixierung verzockt.

  2. Zeitzeuge sagt:

    In einem irrt unser französischer Freund: Das kommende Systemenden wird wesentlich blutiger verlaufen, als das Ende des Sowjet-Imperialismus.
    (dies schrieb der „echte“ Zeitzeuge)

  3. Buhu sagt:

    Endlich bricht auseinander, was NICHT zusammengehört!

  4. Rudolph Rene sagt:

    Danke mal ein sinnvoller Beitrag

  5. Karin Jürgens sagt:

    Das Problem ist ja, daß Europa nicht aus dem „Nie wieder!“ entstanden ist. Der Einigungsgedanke ist schon mehrere hundert Jahre alt, wurde von einer kleinen Gruppe aufrechterhalten und gepflegt, von der Hitler-Gang zu Großeuropa pervertiert und schließlich (noch während WK II) von der CIA im Sinne der US-Großindustrie und US-Großfinanz gesteuert. So war das Parlament in Brüssel von Anfang an ein Lobby-Verein der Wirtschaftsmacht USA, der dafür zu sorgen hatte, daß Europa nach dem Krieg die überschüssige Industrieproduktion der USA aufnehmen konnte. Brüssel wurde von den meisten Europäern nie wirklich akzeptiert, geschweige denn geliebt, es wurde nur geduldet. Das ist kein Wunder, denn es fehlen – neben der mangelnden demokratischen Legitimation – ja so wichtige Bereiche wie z.B. Kultur, Soziales, Familie. Um das Projekt dennoch weiter zu entwickeln, wurden Politiker gebrieft, entweder direkt oder über den Verein „Europa-Union“, der sich bis auf die Rockefeller-Stiftung zurückführen läßt und dem in unserem Parlament ungefähr 120 Parlamentarier angehören (die wenigsten von ihnen kennen den Ursprung dieser Lobby-Organisation). Ich glaube, daß mit der Euro-Einführung der Bogen ganz einfach überspannt wurde; die Bürger merken, daß dieses Europa nicht ihr Europa ist, sondern ein künstliches Konstrukt, mit dem Ziel, die Menschen zu manipulieren und auszunutzen – und sie wehren sich dagegen. Insofern ist der Euro ein Glücksfall, denn er bringt uns Europäer dazu, uns mit der EU auseinanderzusetzen, und er führt hoffentlich dazu, daß die bisherige EU zerbricht und aus den Trümmern ein neuer Verbund entsteht, bei dem die Menschen im Mittelpunkt stehen und nicht Geld/Banken/Gewinne/Wirtschaft. Kurz gesagt, Europa hat nun die Chance, sich von jeder Bevormundung zu befreien.

    • daphni51 sagt:

      Hallo Karin,
      vielen Dank für Ihren wunderbaren Kommentar, dem ich voll und ganz zustimme. Genau so ist es! Die gesamte politische Klasse unseres Landes, wie auch die in den meisten anderen Mitgliedstaaten der EU, haben sich seit Ende des 1. WK von Generation zu Generation zu billigen Handlangern und ergebensten Vasallen der US-Politik und vor allem der US-Finanztycoons (die Fords, die Rothschilds, die Morgans, die Goldmans usw.) gemacht.
      Doch ich frage mich, warum zum Teufel schauen wir, die wir das Volk sind, dabei so lange apath zu, bei all dem Graus den diese unfähigen politischen Klassen und die Finanztycoons seit Jahrzehnten mit uns veranstalten und ihre großkapitalistischen Verbrechen uns als notwendige global economy verkaufen wollen? Warum sind gerade wir Deutschen nicht fähig dagegen auf die Straßen zu gehen, wie es jetzt die Griechen, die Italiener, die Spanier, die Franzosen und andere EU-Bürger tun?
      Richtig, die EU sollte einst eine europäische Gemeinschaft der freien und in Demokratie lebenden europäischen Bürger werden. Aber diese Bürger wünschten sich mehrheitlich keinesfalls eine EU des puren Kapitalismus, in der sie von völlig unfähigen politischen Klassen und allmächtigen Finanztycoons, ihrer demokratischen und sozialen Rechte, sowie durch die Bankenwelt ihres Hab und Guts beraubt werden, und dabei ständig um’s Überleben kämpfen müssen, weil die „Mächtigen“ da droben alles haben und der Normalbürger für einen Sklavenlohn eben jenen „Mächtigen“ (bzw. Verbrechern der Politik- und Finanzwelt) den Reichtum erarbeiten muss.

      Für wahr, es wäre nun besser diese bestehende EU aufzulösen und sie ganz von Neuem wieder in einem Verbund zusammenzufügen, aber in dem die Bevölkerung ein gewaltiges Mitbestimmungsrecht hat (wie es sich für eine richtige Demokratie gehört!) und, wie Sie schreiben, eben die Menschen, resp. die Bürger dieses Vebundes wieder im Mittelpunkt stehen. Eine EU, welche sich durch Nichts und Niemanden bevormunden lässt, am wenigsten von der US-Regierung und der US-Wirtschaftslobby.
      Es ist allerhöchste Zeit den bisherigen politischen Morast der heutigen EU abzustreifen, die Politiker in ihre Schranken zu weisen und sie daran zu erinnern, dass sie „Volksvertreter“ sind und den Willen des Volkes zu respekterieren und nachzukommen haben. Die Anzahl der Abgeordneten der Parlamente in den Ländern und vor allem des EU-Parlaments, kann man gut über die Hälfte reduzieren, denn das spart enorme Staatskosten (man denke dabei nur an die Einspaarung für Abgeordneten Pensionen!).
      Es gäbe da so Vieles, was man in der Neuen EU verbessern könnte ….
      … warten wir es ab.

      • schlaumeister sagt:

        Wir brauchen keine Kostgänger, die der Allgemeinheit auf der Tasche
        liegen wie z.B. Frau Sylvana Koch-Merin, die nichts tun und Unsummen
        kosten. Weg mit den tausenden von Abgeordneten in Staaten, Ländern
        und EU. Die Unfähigen werden in die EU nach Brüssel oder Straßburg
        abgeschoben, wo sie noch mehr kosten und verdienen als daheim.
        Leider muß und wird es erst zum Totalcrash kommen, bevor sich etwas
        ändern wird. Wann wacht der Wutbürger endlich auf?

  6. dirk sagt:

    nichts neues, ich glaube die gleiche Aussage habe ich in diesem Blog bereits an mehreren Stellen getätigt.
    Wir haben eben aus der Geschichte nicht gelernt und machen die gleichen Fehler wie die Sowjetunion.
    Nur eines hatte Rußland, was Deutschland nicht hat und weshalb es aus diesem Sumpf herausgekommen ist. Rohstoffe ohne Ende…
    Wobei, wenn der Lohn und der Wohlstand der deutschen erstmal gegen 0 gefahren ist, können wir die alten Zechen auch wieder aufmachen. Dann fahren die Kumpel wieder untertage, da die leute für ein Leib Brot und nem Sack Kartoffeln am Tag arbeiten werden.
    War in Rußland zum Ende auch so. Ich war kurz nach dem Zusammnebruch des Rubel in Nowosibirsk. Dort haben die Leute fürs nackte Überleben so ziemlich alles getan. War eine sehr chaotische Zeit….

  7. hunsrückbäuerlein sagt:

    vielleicht ist es das, was das Kapital will? Potentielle Wirtschaftsblöcke verhindern um sich weiter zu bereichern, statt einen Ausgleich herbeizuführen.

    D hat auch als Exportnation Nr. 1 weltweit ohne die EU 0 (in Worten NULL) Chancen, dessen sollten sich Alle im Klaren sein.

    Lassen wir Bürger uns Europa von den Verbrechern in NAdelstreifen, den vassallen und Verwesern des Kapitals zerschießen, sind wir selber schuld an unserem Elend. Dann sind wir echte Kleingeister, Minikleingeister!

    • Sebastian sagt:

      Man darf die politischen Akteure beschimpfen, das ist okay, aber jemandem seinen Lieblingsfeind wegnehmen oder lächerlich machen, das darf man hier nicht. Und schon gar nicht darf man – nicht mal in verklausulierter Form – an eine der geistigen Grundlagen des Abendlandes erinnern, wie Prof. Dietrich Schwanitz in seinem Bestseller: „Bildung, alles was man wissen muß“ völlig zu Recht und unwidersprochen festgehalten hat, an den Gott der Bibel nämlich. Und wenn man zudem noch feststellt, daß man diesen hier vergessen hat und daß es nicht gut ausgehen würde, dann wird gelöscht, weil es irgendeinem (ungläubigen) Kleingeist nicht paßt. das ist geistige und geistliche Feigheit.