Europas Banken halten 700 Milliarden Euro an Schrottpapieren

Unter Investoren geht die Angst um: Die europäischen Banken haben nach Auskunft von Morgan Stanley die Finanzspritzen von 2009 für den massiven Ankauf von südeuropäischen Staatsanleihen verwendet. Diese sind heute faktisch unverkäuflich.

12.10.2011

Die Banken Europas sind angeschlagen, das zeigt auch die neueste Herabstufung von zehn spanischen Banken durch die Ratingagentur S&P, von dem unter anderem die Banco Santander SA, die Banco Bilbao Vizcaya Argentaria SA und die kleinere Bankinter SA betroffen sind. Als Grund nannte S&P den schwachen Ausblick auf Wirtschaftswachstum des Landes, die geringe Aktivität auf den Immobilienmärkten und die Anfälligkeit der spanischen Banken für Kapitalflüsse. Unter diesen Umständen erscheint das Angebot des ehemaligen EZB Chefs Jean-Claude Trichet, den europäischen Banken mit zwei neuen längerfristigen Refinanzierungsgeschäften (LTRO) Geld zu leihen, ein als sinnvoller Schritt. Betrachtet man jedoch, wie die europäischen Banken mit den vergangenen Finanzspritzen dieser Art umgegangen sind, kommen Zweifel auf.

Eigentlich sollen die LTROs für die Banken eine stabilere und langfristigere Finanzierung ermöglichen, um die nervösen Investoren zu beruhigen und ihre Liquidität zu erhöhen. In der Praxis können die Banken diese Geldmittel jedoch auf jede mögliche Art und Weise nutzen. Im Juni, September und Dezember 2009 beispielsweise lieh die EZB über vergangene LTROs den Banken 614 Mrd. Euro zu einem Zinssatz von einem Prozent. Die Banken nutzten damals mehr die Hälfte dieser Geldmittel, 442 Mrd. Euro, um sie in höhere Erträge abwerfende Anlagen zu investieren.

Nach Schätzungen von Barclays Capital haben die deutschen Banken 126 Mrd. Euro, die französischen 85Mrd. Euro und spanische 53 Mrd. Euro für in klassischen Carry Trades angezapft. Hierbei handelt es sich um eine Strategie, bei der man sich zum Beispiel in einer Währung mit niedrigen Zinsen verschuldet, um eben dieses Geld in einer Währung mit höheren Zinsen anzulegen. Viele Banken kauften sich von dem mit einem Prozent Zins versehenen Geld immer noch liquide aber höhere Preise erzielende Staatsanleihen und steckten sich die Differenz in die Tasche. Morgan Stanley zufolge haben die europäischen Banken nun Schulden der Peripherieländer Europas, inklusive Italiens und Spaniens, im Wert von über 700 Mrd. Euro in ihren Bilanzaufstellungen.

Die zwei neuen LTROs werden von der EZB nun zu einem Zinssatz von rund 1,5 Prozent angeboten werden und umfassen zwischen 225 Mrd. und 440 Mrd. Euro. Wie die europäischen Banken diese LTROs nutzen werden, darüber sind sich die Analysten nicht einig. Die einen gehen davon aus, dass die Banken die Geldmittel nehmen, um sich eher zu entschulden und Anlagen zu verkaufen als neue zu erwerben. Die Strategen Guy Mandy und Laurent Bilke von Nomura sind sich einig, dass sich zwar die Lust der Banken, neue europäische Anleihen von notleidenden Staaten zu kaufen in Grenzen hält, aber dennoch gerade spanische und italienische Staatsanleihen mit kurzen Auslaufzeiten die ersten Anwärter für die neuen EZB gestützten Carry Trades sein könnten. Auch Ralf Preusser, Preisstratege von der Bank of America, weist darauf hin, dass gerade spanische und italienische Banken ganz ohne Frage Unmengen an Staatsanleihen ihrer Länder halten.

Die meisten Analysten gehen davon aus, dass die neuen LTROs helfen werden, den Druck der Banken bezüglich der Geldbeschaffung verringern können und ihnen über die im nächsten Jahr auslaufenden staatsgarantieren Finanzschulden hinwegzuhelfen. Dass die Banken jedoch die neuen Geldmittel nutzen werden, um die Liquidität in der Eurozone zu erhöhen, bezweifeln viele. „Eine neue Runde von sehr langen LTROs ist für den gegenwärtigen Stress der Finanzmärkten keine Lösung, weil nicht das Fehlen von Liquidität das Problem ist“, sagt Laurence Mutkin, Leiter für europäische Zinsstrategie bei Morgan Stanley. „Die Banken leiden nicht so sehr unter ungenügender Liquidität, sondern unter ungenügender Solvenz.“

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