Niederlande: Private Schulden auf Rekordniveau

Die neuesten Zahlen weisen die Niederlande als Europameister im Schuldenmachen bei den privaten Haushalten aus. Der Grund sind vor allem Hypothekendarlehen. Hier tickt eine Zeitbombe, die in einer Krise gravierende Folgen haben könnte.

Spitzenreiter privater Verschuldungen in der EU sind weder Portugal, Griechenland noch Italien – sondern die Niederlande. Experten warnen: Private Schulden machen die Wirtschaft in solch unberechenbaren Krisenzeiten noch anfälliger.

Das statistische Amt der Europäischen Union EuroStat meldet, dass 2010 die privaten Schulden der Niederländer 240 Prozent des gesamten verfügbaren Einkommens betrugen. Nur Dänemark kann die Verschuldungen privater Haushalte noch toppen.

Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte sieht es gelassen: „Es ist kein großes Problem, wenn man sich das Gesamtbild ansieht. Wir haben genügend Ersparnisse“. Ökonomen warnen jedoch vor einer Verschleierung und Schönrederei. „Die Schulden machen die Wirtschaft viel anfälliger auf Störungen im Immobilien- und Arbeitsmarkt sowie bei Schwankungen der Zinssätze“, sagte Gerbert Hebbink, leitender Ökonom der niederländischen Nationalbank, dem Wall Street Journal.

Weil der riesige Schuldenberg fast ausschließlich aus Hypothekenschulden zurückzuführen ist, sind diese Schulden besonders problematisch. Eine Ursache: „Das derzeitige Niveau der Immobilienpreise liegt fernab von dem, was man bezahlbar nennt“, wie der Wirtschaftsexperte William Xu-Doeve meint. Doch neben gestiegenen Preisen spielt ein gewisser Mentalitätsunterschied, was die Rückzahlung der Hypotheken anbelangt, eine große Rolle. So zahlt der Hypothekennehmer in der Regel vor allem die Hypothekenzinsen zurück, die Schuld jedoch nur teilweise abgetragen wird. Hinzu kommt, dass Zinsen in den Niederlanden seit 2001 steuerlich absetzbar sind, ein willkommenes Steuergeschenk. Dies mindert die Bereitschaft, Hypotheken auch tatsächlich zu tilgen.

Bekommen die Niederlande das Problem der privaten Verschuldung jedoch nicht in den Griff, könnte sie womöglich schon bald das nächste Krisengebiet der Euro-Zone werden. Denn „so weit in der Zukunft die Probleme auch im Moment erscheinen mögen, so wissen wir doch, wie schnell und unerwartet sich Dinge ändern“, sagt Jan Rouwendal, Ökonom der Freien Universität Amsterdam.

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Kommentare

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  1. chiemseer sagt:

    wer hätte das gedacht,niederländer,gediegen,grundsolide,in der eu zur good old comagnie gehörend! noch vor 2 jahrzehnten erntete man als häuslebauer bei einem
    banker ein müdes lächeln wenn er nicht mind.40& eigenkapital vorweisen konnte.
    na j a auch in den niederlanden haben sich die verhältnisse geändert
    ins negative! usa läßt grüßen!

  2. Harald sagt:

    Ich wohne nahe von Holland. In Holland werden für Immobilien Mondpreise gezahlt. Irgendwo auf dem Land 300000€ bis 500000€ für ein Einfamilienhaus sind lächerlich. Das geht nur auf Kredit und es ist nur eine Frage der Zeit, bis den Holländern diese Kreditblase um die Ohren fliegt. Völlig idiotische und verantwortungslose Politik.
    Bald dürfen wir Deutsche auch noch die Holländern mitfinanzieren.

  3. ein deutscher Staatsbürger sagt:

    Ich lese immer nur von Schulden, irgend jemand muß doch auch Geld-Guthaben in der gleichen Höhe besitzen!

    • Mierenneuker sagt:

      Na klar stehen den Schulden Guthaben gegenüber, zumindest solange die nicht z.B. in produktive Realgüter oder Edelmetalle (primär Gold/Silber) umgetauscht worden sind, und schön brav auf den Konten und bei den Versicherungen liegen.
      Nur nutzt das den Schuldnern nix solange die Schulden nicht mit werthaltigen Sachwerten hinterlegt sind.

  4. luther sagt:

    im allgemeinen enthalten die Hypothekenbedingungen eine Klausel die eine Nachschußforderung bei fallenden Immobilienpreisen enthält. Das ist dann die Stunde der Wahrheit. Der Scheineigentümer verliert die Immobilie und/oder die Bank muß wertberichtigen. An diesem unlösbaren Problem nagen derzeit die spanischen Banken.
    Finanzierungen bis 100% und mehr auf 50 Jahre, das war die spanische Variante. Tilgungslose Hypotheken wie in NL setzen da noch einen drauf.

  5. Mierenneuker sagt:

    Die tilgungslose Hypothek war schon immer der größte Selbstbetrug in den Niederlanden. Sie haben sich schon jahrzehntelang reich gelogen. Dazu kam dann speziell in den Jahren der Dotcom-Blase das sogenannte „verzilveren van de overwaarde“, bei dem sich die Leute durch den imaginären Wertzuwachs ihre Wohnschuppen noch extra verschuldet haben um damit Konsum, Aktienkäufe, oder noch teurere Schrottimobilien, die sich eigentlich nicht leisten konnten, zu finanzieren. Und dieses Volk galt einmal als sparsam, vernünftig und grundsolide. Lang ist’s her!

    • lost sagt:

      Aber so lang auch nicht. Denken Sie an die Zwiebel, die gute, die teure. Eine Zwiebel der sehr seltenen Sorte „Vizekönig“ kostete zu Beginn des 17. Jhds. noch vier fette Ochsen. Später wechselte sie für 24 Wagenladungen Korn, acht Mastschweine, vier Kühe, vier Fässer Bier, 1.000 Pfund Butter sowie einige Tonnen Käse den Besitzer. Im Jahr 1637 tauschte schliesslich ein Brauereibesitzer 3 seltene Zwiebeln gegen seine Brauerei in Utrecht ein – ein Gegenwert von rund 30.000 NLG. Das Durchnittseinkommen lag bei 150 NLG im Jahr.

      • Mierenneuker sagt:

        Sie haben recht. Aber nichts ist fix in dieser Welt, alles verändert sich, und regelmäßig folgt auf den Hochmut (die Gier, den Wahn) über Mutlosigkeit die Demut (die Bescheidenheit, die Armut). Ist hier in Deutschland auch nicht anders.

  6. bauagent sagt:

    Wer die private Hypotheken – Verschuldung in den Niederlanden bewerten will, muss zunächst die Rahmenbedingungen dort kennen.

    Die privaten Häuslebauer können in den Niederlanden über ein “ Boxen-Steuersystem “ alle Fremdmittel und die daran angehängten LV´s als Tilgungsersatz von der Einkommensteuer voll absetzen.

    Das hat mit den Jahren zu zwei riesigen Blasen geführt:

    1) Die Preise stiegen signifikant weit über noch vertretbare reale Werte, weil das
    Absetzen von der Steuer in Verbindung mit geringen Zinsen zu extrem niedrigen
    Nettobelastungen führte.

    Die Folge: Extrem hoher Anteil von 100 % Finanzierungen zum überhöhten Beleihungswert.

    2) Die Komunen in Holland gaben viel zu wenig Bauland frei, da sie sich von einer
    Verknappung höhere Erlöse versprachen. Zudem werden dort häufig ganze
    Großareale an Bauträger abgegeben, die von der Baulanderschliessung bis zur
    Verwertung ein Oligopol mit wenigen Großfirmen bilden.

    Die Folge: Völlig überteuerte Reihenhäuser, in Monokultur. Die anhängenden
    Banken, wie die ING, finanzieren nach wie vor bis 100 % Beleihungswert, der
    natürlich “ fabelhaft “ hoch ist.

    Die Niederlande hat sich mit diesem Steuersystem also ein “ sich selbst säugendes
    System “ an´s Bein gehängt, dass ohne Crashgefahr gar nicht mehr abgeschafft werden kann, weil sonst nach Branchenschätzungen 50 % der Immobilienbesitzer ihre Häuser verlassen müssten.

    Sie können ohne Steuersubvention die überteuerten Häuser nicht mehr bezahlen.

  7. etc sagt:

    Vielen Dank für den Artikel.
    Die privaten Schulden (Haushalte, Industrie) sind ein riesiges Problem, das kaum Beachtung finde und durch das Konzentrieren auf die öffentlichen Schulden verschleiert wird. Die privaten Haushalten genießen keine Immunität gegenüber den „Märkten“. Die Banken können somit legal das reale Vermögen der privaten Schuldner (Immobilien, Gehalt,etc) enteignen. Beim Staat ist es anders, er ist souverän, er kann per Gesetzt seinen Schulden streichen. .Deswegen schreien die Märkte und erpressen die Staaten.

    Betrachtet man die Gesamtschulden in % des BIP’s, dann stellt man fest, das GR oder Italien zu den niedrigst verschuldeten Gesellschaften gehören (Italien überhaupt), weil sie kaum private Schulden haben. Viel weniger als z.B. Holland, Belgien, England, Deutschland, Österreich, etc..

  8. Mit bloßem Auge zu erkennen sagt:

    Es ist als Tourist schon mit bloßem Auge zu erkennen, dass die Immobilien-Preise der gefällig anzuschauenden Häuser in NL verrückt hoch sind. Die Häuser sind billig(st) gebaut, meist nicht unterkellert, und dürften an Wohnfläche selten mehr als 60% der durchschnittlichen deutschen ausmachen. Die Preise liegen dennoch über den deutschen. Mein bescheidenes Häuschen wäre in NL mit Garage, Keller und Grundstück mit einer eine halben Million Euro anzusetzen.
    Eine Krise wird sehr viel zurecht rücken. Ich kann nicht umhin, Deutschland im Vergleich für ziemlich solide und reicht zu bezeichnen.

  9. hunsrückbäuerlein sagt:

    na und, was machen die Banken mit den ganzen Immobilien, die ihnen dann gehören?
    die Leute sitzen auf der Strasse. es wird nicht lange dauern, dann werden sie plündern, brandschatzen….wenn die regierung das will, wird sie den banken frei hand lassen, wenn nicht, wird sich ein weg finden.